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Fukushima so gefährlich wie Tschernobyl "Zeit der Verharmlosung ist vorbei"

Jetzt hat der Atomunfall im japanischen Meiler Fukushima auch offiziell das Niveau der Katastrophe von Tschernobyl erreicht. Dass die nukleare Gefahr erst jetzt auf die höchste Stufe sieben angehoben wird, offenbart das ganze Ausmaß des miserablen Krisenmanagements. Und führt zu der bitteren Schlussfolgerung, dass die Bevölkerung systematisch belogen wurde.

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(Foto: REUTERS)

Für den Münchner Merkur fügt sich die "reichlich späte Einsicht" der Japaner in den Ernst der Lage "passgenau in das schockierende Mosaik aus Hilflosigkeit, Desorganisation und Schlamperei, mit dem die Betreiberfirma auf die Katastrophe reagierte, und bestätigt im Nachhinein den Verdacht, dass die Verantwortlichen die Auswirkungen über viele Wochen bewusst heruntergespielt haben. Die gebetsmühlenhafte Behauptung, für die Menschen rund um Fukushima bestehe, steigenden Strahlenwerten in Luft, Wasser, Boden und Nahrungsmitteln zum Trotz, keine Gefahr, erinnert fatal an das kollektive Schweigen, mit dem die Behörden in Moskau und Kiew im April 1986 auf die 'Havarie' von Tschernobyl reagierten."

"Die Betreiberfirma Tepco ist ganz offensichtlich von den Ereignissen überrollt worden und nun mit dem Krisenmanagement massiv überfordert." Die Stuttgarter Zeitung kann das angesichts der unglaublichen Schäden, ausgelöst durch Erdbeben und Tsunami, zwar verstehen, stellt aber die berechtigte Frage, "warum die Japaner vor allem am Anfang der Katastrophe internationale Hilfe abgelehnt haben. Der Versuch, die Krise aus eigener Kraft zu meistern, hat sich inzwischen als katastrophaler Fehler erwiesen. Ein besser durchdachtes und vor allem schneller einsetzendes Krisenmanagement hätte vielleicht verhindert, dass so viel Radioaktivität freigesetzt wurde, dass nun die Gefahrenstufe sieben ausgerufen werden musste."

"Von Anfang an lautete die Strategie in Tokio, die Gefahren des Unglücks zu verharmlosen. Es ist richtig, dass die Regierung keine Panik riskieren wollte. Aber es kann nicht sein, dass die Bevölkerung belogen wird - den Eindruck musste man allerdings haben, wenn es nach jeder neuen Hiobsbotschaft in Fukushima hieß, alles sei halb so wild", kommentiert die Neue Presse aus Hannover.

"Die Zeit der Verharmlosung des Super-GAU von Fukushima ist vorbei". Die Frankfurter Rundschau fasst zusammen: "Weder ist es gerade noch einmal gutgegangen wie 1979 in den USA, noch war kommunistische Schrotttechnik an der Katastrophe schuld wie 1986 in der Ukraine. Eine Technologie, die die Verwüstung ganzer Regionen als mögliche Begleiterscheinung hat, ist nicht verantwortbar, ihr Risiko kein 'Restrisiko'. Japan lernt diese grausame Lektion stellvertretend für die anderen Länder, die sich von der Kernspaltung abhängig gemacht haben."

"In einer Welt, in der das Grauen des Superlativs bedarf, um über die Wahrnehmungsschwelle zu springen, hat Fukushima die letzte Hürde genommen. Der GAU ist so verheerend wie der von Tschernobyl." Die Konsequenzen, die aus dem Desaster gezogen werden, bewertet die Landeszeitung aus Lüneburg pessimistisch: "Wer wissen will, ob dies den Umgang des Menschen mit dem Risiko ändern wird, sollte die Finanzkrise betrachten. Die Kernschmelze der Zockerwelt und die mutmaßliche Kernschmelze von Japan haben eines gemeinsam: die Beschwichtigungen der Experten vorab, dass die Risiken beherrschbar seien. Dennoch wird der Mensch in seinem maßlosen Drang nach kurzfristigem Nutzen weiter Risiken eingehen. Das nächste Feld, auf dem Experten die Beherrschbarkeit der Risiken behaupten, ist das der Gentechnik". Der Mensch wird weiter versuchen, "Schöpfer zu spielen."

Quelle: n-tv.de, zusammengestellt von Katja Sembritzki

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