Pressestimmen

Pressestimmen "Zurück bleiben nur Verlierer"

Die Bundesbank will Thilo Sarrazin vom Bundespräsidenten abberufen lassen. Ist die Entscheidung richtig oder falsch? Die Zeitungen sind uneins. Klar ist, dass nur Verlierer zurückbleiben. Und dass die Integrationsdebatte noch lange nicht vorbei ist.

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Die Bundesbank und ihre Präsident Axel Weber wollen sich von Sarrazin trennen.

(Foto: dpa)

Die tz aus München findet es richtig, das die Bundesbank Sarrazins Abberufung beim Bundespräsidenten beantragt, findet aber, dass es sich mit der SPD anders verhalte: "Es gehört zum Wesen der Demokratie, dass eine Partei streitet - auch mit den eigenen Leuten. Sarrazin ist mit seinen Angriffen auf Hartz-IV-Empfänger wie auch auf Migranten in dieser labilen SPD ein Störenfried. Wer hier jedoch nicht die Auseinandersetzung, sondern den Rauswurf fordert, nutzt nur einem: Sarrazins selbstgefälliger Rolle als heimlicher Held."

Die Kieler Nachrichten sind da anderer Meinung: "Mit der bevorstehenden Entlassung Thilo Sarrazins aus dem Vorstand der Bundesbank ist nichts gewonnen, aber viel verloren. Das Ansehen der Notenbank ist beschädigt: Sie hat sich von der Politik eine zweifelhafte Entscheidung aufdrängen lassen, weil sie die Karriere ihres Präsidenten nicht gefährden will. Wer soll jetzt noch an ihre Unabhängigkeit glauben? Sarrazin wird gegen die Entscheidung klagen. Soll die Raserei gegen den Mann dann weitergehen? Wollen wir ihn auch noch zum Märtyrer machen? Den politisch Korrekten unter uns täte mehr Souveränität in der Integrationsdebatte gut."

Die Hessische/Niedersächsische Allgemeine (Kassel) sieht den Streit um Sarrazin auf einem "Tiefpunkt" angelangt, denn "es wird nicht über kaum zu bestreitende Defizite bei der Integration und im Bildungsbereich diskutiert, sondern über die Frage, ob man in diesem Land nicht mehr ungestraft unbequeme Meinungen - oder (…) dummes Zeug - sagen darf. Und Sarrazin, mehr Querulant denn Querdenker, kann nun endgültig die verfolgte Unschuld geben, seiner Erhebung in den Märtyrerstand steht nichts mehr im Wege." Versagt haben der Zeitung zufolge viele: "Sarrazin, der wichtige Fragen mit Beleidigungen und purem Unfug garnierte; seine Kritiker, die auf Ausschluss setzten statt auf Aufklärung; Teile der Medien, denen die Person wichtiger war als die Sache. So bleiben nach zwei Wochen Getöse um ein Buch nur Verlierer zurück."

Ob mit dem Rauswurf Sarrazins und einem möglichen Ausschluss aus der SPD "die gewünschte gesellschaftspolitische Ruhe herzustellen ist" bezweifelt die Märkische Allgemeine (Potsdam), denn "dazu ist die Wunde zu groß, in die er seine Finger gelegt hat."

"Es wirkt, als habe der Provokateur den Konflikt gesucht, um sich als Märtyrer stilisieren zu können: der unbeugsame Mahner und Warner, der vom Grundrecht auf Meinungsfreiheit Gebrauch macht und mutig ausspricht, was niemand sonst auszusprechen wagt, und dafür verfolgt und ausgegrenzt wird." Das allerdings stimmt nicht, so der Mannheimer Morgen: "Über die Defizite bei der Integration wird seit Jahren offen und kontrovers diskutiert. Nur, die Defizite einer 40-jährigen verfehlten Integrationspolitik lassen sich nicht über Nacht beseitigen. Keiner weiß besser als der Ex-Politiker Sarrazin: Politik ist das Bohren dicker Bretter, langsam und zäh. Und doch der einzige Weg, um etwas zu verändern."

Quelle: n-tv.de, Zusammengestellt von Katja Sembritzki

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