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Letztes Mittel: Austritt Wie kann man Kirchensteuer sparen?

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Letztlich ist es oft die Kirchensteuer, die Karteileichen zum Austritt bewegt.

(Foto: imago/Steinach)

Rund 11 Milliarden Euro Steuern haben die beiden großen Kirchen in Deutschland im letzten Jahr eingenommen. Und das, obwohl die Mitgliedszahlen stetig sinken. Wie hoch ist eigentlich die Kirchensteuer? Und wie kann man sie drücken?

Evangelisch, katholisch oder muslimisch? Die meisten Menschen suchen sich ihre Religion nicht aus, sondern werden getauft oder hineingeboren - oder eben nicht. In den ostdeutschen Bundesländern stellen die Konfessionslosen die absolute Mehrheit, bundesweit gehören aber immer noch rund 60 Prozent der Bevölkerung einer christlichen Kirche an, das sind gut 48 Millionen Menschen. Egal ob sie regelmäßig zum Gottesdienst gehen oder sich längst vom Glauben abgewandt haben: Wenn sie genug Geld verdienen, müssen sie Kirchensteuer zahlen. Aber wieviel? Kann man die Steuer umgehen oder wenigstens drücken? Und stimmt es, dass auch Nicht-Mitglieder zur Kasse gebeten werden können? Die wichtigsten Fragen im Überblick:

Wer muss zahlen?

Grundsätzlich dürfen alle Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaften in Deutschland Kirchensteuer erheben, wenn sie als Körperschaften des öffentlichen Rechts anerkannt sind. Das heißt aber nicht, dass sie es auch tun. Die evangelischen Freikirchen verzichten beispielsweise ebenso auf die Steuer wie die orthodoxen Kirchen, die Alevitische Gemeinde oder die Zeugen Jehovas. Sie setzen stattdessen auf freiwillige Mitgliedsbeiträge. Die großen Kirchen sowie die Jüdischen Gemeinden in Deutschland greifen dagegen auf das "Einzugsangebot" vom Staat zurück.

Zahlen muss jedes Mitglied, das überhaupt Einkommen zu versteuern hat. Bei Einkünften unter dem Grundfreibetrag von 8652 Euro bleibt man also in der Regel unbehelligt. Ansonsten wird die Kirchensteuer bei Arbeitnehmern direkt vom Gehalt  abgezogen. Bei Kapitalerträgen führen die Banken sie ans Finanzamt ab, wenn man nicht ausdrücklich widerspricht. Selbständige werden normalerweise über die Einkommensteuervorauszahlungen zur Kasse gebeten.

Zahlen auch Nicht-Mitglieder?

Es gibt in der Tat Fälle, in denen auch Konfessionslose im Auftrag der Kirchen zur Kasse gebeten werden. Bei Minijobs zum Beispiel. Hier führt der Arbeitgeber pauschal zwei Prozent Steuern auf das Gehalt ab, das er brutto für netto auszahlt. Und mit diesen zwei Prozent sind nicht nur Einkommensteuer und Solidaritätszuschlag abgegolten, sondern auch die Kirchensteuer. Auch, wenn der Mitarbeiter gar nicht in der Kirche ist.

Eine weitere Möglichkeit ist das sogenannte besondere Kirchgeld für glaubensverschiedene Ehen. Es fällt an, wenn ein Paar das Ehegattensplitting nutzt und der besserverdienende Partner konfessionslos ist. Verdient der andere wenig oder nichts, wird das Einkommen des Nicht-Mitglieds zur Kirchensteuerberechnung herangezogen. Das besondere Kirchgeld wird aber nicht überall von allen Kirchen erhoben.

Wie hoch ist die Kirchensteuer?

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Jedes Jahr treten etwa 450.000 Menschen aus der Kirche aus.

(Foto: imago/McPHOTO)

Bemessungsgrundlage für die Kirchensteuer ist nicht das Einkommen, sondern die Einkommensteuer. In den meisten Bundesländern gehen neun Prozent der Einkommensteuer an die Kirche, in Bayern und Baden-Württemberg sind es acht Prozent, hier überweisen die Mitglieder aber noch ein einkommensabhängiges Ortskirchgeld an ihre Gemeinden. Ein Single mit 30.000 Euro Jahresbruttoeinkommen zahlt zwischen 300 und 340 Euro Kirchensteuer im Jahr. Bei 70.000 Euro Jahresbrutto macht die Kirchensteuer je nach Bundesland rund 1350 bis 1500 Euro aus.  

Kann man die Kirchensteuer kürzen?

Da die Kirchensteuer an die Einkommensteuer gekoppelt ist, richtet sie sich automatisch nach der finanziellen Leistungsfähigkeit. Ermäßigungen für Härtefälle sind deshalb nicht vorgesehen. Arbeitslose sind von der Kirchensteuer aber grundsätzlich befreit. Rentner zahlen – wie alle anderen – nur, wenn ihre Einkünfte  hoch genug sind.

Rabatt kann es aber doch geben, und zwar bei besonders hohen Einkommen. Stichwort: "Kappungsgrenze". Um zu verhindern, dass Menschen mit besonders hohem Einkommen aus der Kirche austreten, können diese die Steuer fast überall auf einen bestimmten Prozentsatz des Einkommens beschränken. Je nach Bundesland und Kirche liegt die Grenze zwischen 2,75 und 4 Prozent des Einkommens. Lieber nehmen die Kirchen eben etwas weniger Steuern ein, als überhaupt keine. Nur in Bayern gibt es keine Obergrenze, zumindest nicht offiziell. Es steht den Gemeinden aber frei, ihren Mitgliedern einen Teil der Steuer zu erlassen. In Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz , Hessen und dem Saarland muss man die Kappung erst beantragen, in den anderen Ländern wird sie automatisch berücksichtigt.

Auch bei Abfindungen lassen die Kirchen oft mit sich reden. Die Kirchensteuerämter sind verpflichtet, Anträge auf Steuerbefreiung sorgfältig zu prüfen. Meistens wird bei Abfindungen die Hälfte der Steuer erlassen.

Kann man sich die Steuer zurückholen?

Gezahlte Steuern von der Steuer absetzen? Das geht. Die Kirchensteuer zählt zu den Sonderausgaben. Wie Spenden an wohltätige Organisationen mindert auch die Abgabe an die Kirche in voller Höhe das zu versteuernde Einkommen. Kirchensteuer, die auf Kapitalerträge anfällt, wird hier aber nicht berücksichtigt.

Und wenn man partout keine Kirchensteuer zahlen will?

Wenn man genug verdient, um Steuern zu zahlen, gibt es nur einen Weg, die Kirchensteuer zu umgehen: Aus der Kirche austreten. Hat man ohnehin keinen Bezug zum Glauben, ist das naheliegend. Viele Menschen bleiben der Kirche treu, obwohl sie mit ihr eigentlich nichts mehr zu tun haben. Das hat sicher nicht nur folkloristische Gründe, sondern auch organisatorische, der Austritt funktioniert nämlich nicht bequem per Mausklick. Man muss zum Standesamt oder zum zuständigen Amtsgericht gehen und bekommt dort ein Austrittsformular. Begründen muss man den Austritt nicht, aber bezahlen. Je nach Bundesland werden zwischen zehn und über 30 Euro fällig.  

Der Austritt wird entweder schon im Folgemonat wirksam oder einen Monat später. Das ist dann auch der Zeitpunkt, ab dem die Kirchensteuer wegfällt. Der Arbeitgeber wird darüber vom Bundeszentralamt für Steuern informiert. Selbständige sollten ihren Austritt ans Finanzamt melden und um eine Neuberechnung der Steuervorauszahlungen bitten.

Ganz wichtig ist es, die Bestätigung über den Kirchenaustritt aufzubewahren. Denn manchmal speichert das Bundeszentralamt für Steuer falsche Angaben. Wer den Austritt im Zweifelsfall nicht nachweisen kann, muss womöglich rückwirkend Steuern zahlen.

Gutes tun auch ohne Kirche?

Auch wenn nur ein Bruchteil der Kirchensteuer in karitative Projekte fließt, haben viele Kirchenmitglieder das Gefühl, mit ihrer Steuer etwas "Gutes" zu unterstützten. Nach dem Austritt bietet es sich natürlich an, die gesparte Steuer oder einen Teil von ihr in andere wohltätige Projekte zu investieren. Angenehmer Nebeneffekt: Auch Spenden lassen sich von der Steuer absetzen. Damit es nicht bei dem hehren Vorhaben bleibt, muss man sich natürlich auch kümmern.

Mit Dein-Kirchenaustritt.de gibt es inzwischen ein Portal, das Abtrünnigen bei dem Vorhaben "Spenden statt Steuernzahlen" zur Seite steht. Austrittswillige werden mit Informationen unterstützt, die Austrittsgebühr wird erstattet. Im Gegenzug verpflichten sich die Teilnehmer, einen Teil ihrer gesparten Steuer wohltätigen Zwecken zukommen zu lassen. Erklärtes Ziel der Gründer ist es, die soziale Infrastruktur mit ihrem Projekt zu stärken - allerdings nicht komplett uneigennützig. Mittelfristig will das Portal mit Werbeanzeigen der Hilfsorganisationen Geld verdienen.

Quelle: ntv.de

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