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Umweltschutz versus Reiselust Fliegen ohne schlechtes Gewissen?

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Der Flugverkehr belastet die Umwelt. Hersteller wollen die Antriebe noch effizienter machen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Wie viel Flugverkehr verträgt die Erde? Die Flugzeughersteller denken über effizientere Antriebe nach, aber auch der Verbraucher ist gefragt. Auf der Messe ILA diskutieren Hersteller und Wissenschaftler über Klimaschutz und Reiselust.

Der globale Flugverkehr wird sich in den nächsten 20 Jahren verdoppeln. Aber doppelt so viel Schadstoffe verträgt die Atmosphäre der Erde nicht. Darin sind sich Tom Enders, Vorstandsvorsitzender des Luftfahrtkonzerns Airbus und Ralf Fücks, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung einig. Die beiden personifizieren am Eröffnungstag der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) in Schönefeld den Widerspruch von Ökonomie und Ökologie. Dennoch haben sie mit ihren jeweiligen Fachleuten vor zwei Jahren einen Dialog aufgenommen. Die Frage: Wie kann der Luftverkehr umweltfreundlicher werden, am besten klimaneutral?

"Keiner ist, relativ gesehen, so oft mit uns unterwegs wie die grüne Wählerschaft", sagte Enders an die Adresse von Fücks. Der bestätigt dieses Ergebnis einer Umfrage zu Flugreisen. Viele seiner Leute seien eben in Wissenschaft, Politik und Kultur engagiert und viel unterwegs. "Wir sind neugierig auf die Welt und gleichzeitig haben wir ein schlechtes Gewissen beim Fliegen." 

Städtetrips mit dem Billigflieger?

Im Vermeiden von Kurztrips per Flugzeug sieht der Grüne eine Verantwortung jedes Einzelnen. Aber das allein wird nicht reichen, da sind der Umweltanwalt und der Industrieboss wieder auf einer Linie. Drei Prozent der weltweiten Emissionen des Klimagases CO2 gehen auf das Konto des Flugverkehrs. In den Schwellenländern Asiens wird die zahlungskräftige Mittelschicht immer größer und damit die Zahl der Reiselustigen. Einen Verzicht aufs Fliegen wird ihnen kaum abzuverlangen sein.

Drei Faktoren sind es, die zu einer Lösung führen könnten: Technik, Organisation und Regulierung. Wenig überraschend plädiert Enders für wenig Eingriffe des Staates und wenn, dann müssten sie weltweit gelten, damit nicht etwa Fluggesellschaften in Europa gegenüber Konkurrenten aus Asien oder den USA Wettbewerbsnachteile hätten. Airbus sieht noch etwas Potenzial bei konventionellen Triebwerken, forscht aber mit Partnern an Hybridmotoren, die teils mit Strom betrieben werden sollen. Das könnte Kerosin sparen. Der Brennstoff selbst könnte künftig nicht aus Erdöl, sondern schnell wachsenden Algen gewonnen werden - das ist noch viel Zukunftsmusik. Für solche Ansätze "brauchen sie niemanden mehr zu missionieren", sagt Enders. Die Fluggäste wollten wie bisher günstig fliegen, die Airlines müssten die Energiekosten drücken und übten entsprechend Druck auf die Flugzeugbauer aus.

Flugrouten-Optimierung gestaltet sich schwierig

Zehn Prozent Einsparpotenzial bei Energieverbrauch und Abgasen hätte der Single European Sky, das zwei Jahrzehnte alte Projekt mit dem Ziel, die Flugrouten in Europa zu optimieren statt sie von einem Flickenteppich an Flugkontrollstellen organisieren zu lassen. Das Vorhaben ist bislang gescheitert - an einer "europäischen Kleinstaaterei" , die sich nicht überwinden lasse, klagt Fücks. Enders spricht von einem "Armutszeugnis, dass Splittergruppen sich durchsetzen gegen das große Ganze". Groß sind die Meinungsunterschiede bei der Regulierung. Möglichst strenge Vorschriften müssten die Industrie zwingen, sprunghaft Innovationen hervorzubringen, fordert Stiftungsvorstand Fücks.

Der Klimagipfel von Paris sei eine Zäsur gewesen. Dessen Vorgaben ließen anders als zuvor "globale Regeln nicht unrealistisch" erscheinen. Enders hält dagegen, der Staat produziere keinen Fortschritt. Er sollte deshalb nur einen Rahmen setzen. Dann aber bitte so, dass die ökologischen Kosten im Ticketpreis abgebildet werden, meint Fücks: "Es ist ein Witz, dass der Flug nach London billiger ist als das Taxi nach Schönefeld".

Quelle: n-tv.de, Bernd Röder, dpa

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