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Zu museal, zu korrupt Istanbul glänzt nur historisch

Die türkische Metropole Istanbul hat als Kulturhauptstadt Europas ihr reiches historisches Erbe präsentiert. Künstler kritisierten, die Stadt zeige sich zu museal. Streit um Korruption und gesellschaftliche Freiheiten warfen einen Schatten auf das Programm.

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"Brücken bauen zwischen Kulturen": Angler in Istanbul am sogenannten "Goldenen Horn" ...

(Foto: dpa)

Die Organisatoren der Kulturhauptstadt in Istanbul haben der türkischen Metropole und ihrer lebhaften Kulturszene nur schwer ihren Stempel aufdrücken können. Ein Großteil des Geldes wurde in Restaurierung historischer Gebäude gesteckt. Nun sind große Institutionen zufrieden, aber viele Künstler haben sich enttäuscht aus dem offiziellen Programm zurückgezogen.

Großer Imagegewinn

Das Jahr habe Istanbul einen enormen Imagegewinn gebracht, meint die türkische Unternehmerin und Mäzenin Güler Sabanci. "Wohin ich auch in Europa gehe, die Leute sind interessiert und wollen nach Istanbul kommen", sagt sie. Istanbul entwickele sich - wie schon für Politik und Wirtschaft - auch für Künstler zu einem kosmopolitischen Treffpunkt.

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... vor einem der hier allgegenwärtigen Plakate zur Kulturhauptstadt.

(Foto: dpa)

Die große Linie des aus hunderten Veranstaltungen konzipierten Programms selbst war über das Jahr allerdings nicht zu erkennen, meinen Fachleute. "Es war schwer, Besuchern etwas zu zeigen, was für die Kulturhauptstadt Istanbul steht", meint Lamia Ögütmen, die Kulturreisen und Veranstaltungen organisiert. "Wichtig ist aber, dass das Interesse für Istanbul geweckt ist."

Hotelbetreiber sind zufrieden

Zufrieden sind die Hoteliers in der Stadt, die mit ihrer Lage auf zwei Kontinenten so einzigartig ist wie ihre mehr als 2000 Jahre alte Geschichte. Istanbul sei eine Stadt zur Besichtigung, meint Faruk Boyaci, Präsident des Hoteliersverbandes Turob. Zu einer internationalen Kulturmetropole müsse die Stadt erst noch werden.

Immer wieder bemüht wurde das Bild der Brücke - über den Bosporus, zwischen Asien und Europa, zwischen Ost und West, zwischen Christentum und Islam, zwischen den Armen und den Reichen. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hatte seine Heimatstadt zum Auftakt des Jahres gar zur "Hauptstadt der Freiheit" ausgerufen.

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Pittoresk: Moschee aus der ottomanischen Zeit in Istanbul.

(Foto: REUTERS)

Istanbul und das Programm wurden dem aber nicht gerecht. Mehrfach duckten sich die Verantwortlichen weg, wenn es spannend oder spannungsgeladen wurde. So im September, als ein wütender Mob hunderte Besucher einer Ausstellungseröffnung und mehrere Galerien mit Steinen und Knüppeln attackierte, weil es Streit um öffentlichen Alkoholgenuss, westliche Lebensart und teurer werdende Wohnungen gegeben hatte.

Im November musste Literatur-Nobelpreisträger V.S. Naipaul seine geplante Eröffnungsrede beim Schriftstellerkongress absagen - nach Streit um seine islamkritischen Aussagen und Boykottdrohungen türkischer Schriftsteller.

Quelle: n-tv.de, Carsten Hoffmann, dpa

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