Reise

Von einem Ausflug in die Sahara Noch auf Reisen oder schon entführt?

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Hinter dem Atlas-Gebirge verwandelt sich die Landschaft Marokkos schlagartig - sie ist karg und es ist sehr heiß.

(Foto: Benjamin Konietzny)

Wovon leben die Menschen am Rande der Sahara, wo vor Sandbergen und Geröllwüsten die letzten Flecken Zivilisation enden? Im Südosten Marokkos sind Touristen eine Möglichkeit. Einfach mitnehmen und ausnehmen.

Draußen ist es dunkel. Der Wagen, in den wir besser nicht gestiegen wären, rumpelt auf dem Wüstenboden. Unser Fahrer telefoniert auf Arabisch, wir verstehen nichts und fürchten, ganz nah an der algerischen Grenze im Niemandsland der Sahara, um unser Leben. Wie bereitet man sich auf eine Entführung vor, die gerade beginnt? Was soll man da tun? Hektisch versuche ich meine Kreditkarte zwischen meinen Pobacken zu verstecken. Warum hat der Mensch so wenige praktikable Körperöffnungen für solche Situationen?

Wir beide bereuen, dass wir unsere Messer im Rucksack im Kofferraum gelassen haben. Meine Begleiterin versteckt Dinge in ihrem BH und prüft mit ihren Händen, ob ihr Schal halten wird, wenn man jemanden damit würgt. Vermutlich haben wir die algerische Grenze längst überquert und die islamistischen Terroristen erwarten uns schon. Dann ist eh alles umsonst.

Wie konnten wir nur in diese beängstigende Situation kommen?

Ein paar Stunden zuvor sitzen wir im Bus von Ouarzazate nach Rissani. Beides liegt hinter dem Atlas-Gebirge, im trockenen, heißen Südosten Marokkos. Bisher haben wir einige Male mit schönen Erlebnissen und Erinnerungen bei Fremden übernachtet, auf Couchen gesurft. So soll das auch in der Sahara werden. Ein Gastgeber, Ibrahim, wird uns aufnehmen, hat er uns online zugesichert. Wenn wir endlich da sind, müssen wir anrufen. Hinter der Scheibe rauscht seit Stunden eine harte Landschaft vorbei. Es gibt keine Pflanzen, nur Geröll und dazwischen immer wieder Sand. Schwarze Hügel reihen sich am Horizont. Da draußen ist es unglaublich hell und heiß und in dem Bus gekühlt. Wir sprechen über die Reisepläne. Immer wieder fällt in unserer Unterhaltung das Wort "Couchsurfen". Das wir belauscht werden, ahnen wir nicht.

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Harte Lebensbedingungen schlagen sich auf das Gemüt der Menschen. Eine Lektion, die man in der Wüste lernen kann.

(Foto: Benjamin Konietzny)

Als wir nach Einbruch der Dunkelheit in Rissani ankommen, bietet uns ein junger Mann noch auf dem Bussteig an, mit seinem Handy zu telefonieren. "Billiger als die Telefonzelle" - landestypische Höflichkeit. Wir sprechen mit unserem Gastgeber: "Mohammed wird kommen und euch abholen." Anders lässt sich sein Zuhause wohl auch kaum erreichen. Der nette Junge geht, wünscht Gutes und wird dennoch Schlechtes bringen.

Wir schauen uns um, es gibt nicht viel in Rissani. Wir sind auf einem rechteckigen Platz gelandet. An einer Seite hielt der Bus, dahinter sind ein paar Geschäfte. Es ist trocken und die Wärme passt nicht zu der Tageszeit und an die Erwartungen, die ich an das nächtliche Wüstenwetter hatte (es ist nicht kühl). Irgendwann im 17. Jahrhundert wurde dieses Fleckchen Zivilisation von den Alawiden in die Wüste gebracht. Wahnsinnig viel scheint seitdem nicht passiert zu sein.

Mohammed war so freundlich

Mohammed war schnell. Behände springt der kleine kräftige Körper aus einem bulligen japanischen Geländewagen mit Großbereifung. Für solche Männer wurden drahtlose Headsets entwickelt. Er stellt sich vor und sagt, dass er für die Couchsurfer hier ist. Er kennt sogar unsere Namen. "Toll, das sind wir!" Schnell die Rucksäcke in den Kofferraum werfen und los! Mohammed ist höflich, hilft mit dem Gepäck. Wir gleiten mit einem Seufzen in die Sitze, der Wagen fährt an.

Doch da ist dieser Keim aus Zweifel. Warum ging das so schnell? Wohnt Ibrahim nicht kilometerweit draußen? "Du bist wirklich Mohammed, der Nachbar von Ibrahim?" Mohammed zeigt im seichten Licht einen etwas zerfledderten Ausweis. Mohammed, ja. Doch während wir schon lange das kleine Fleckchen Zivilisation verlassen, das einst in die Wüste gebracht wurde, geht die Unterhaltung weiter und der kleine Zweifelkeim wird größer. "Couchsurfing in Marokko ist ein bisschen anders", heißt es da. Zwischendurch immer wieder Telefonate. Irgendwann, als wir schon von der befestigten Straße abgebogen sind, ist es dann raus. "Mohammeds gibt es viele!" Wir bekommen Angst und rufen Ibrahim an. "Ihr seid in den falschen Wagen gestiegen, mein Nachbar hat niemanden in Rissani getroffen", verrät der uns. "Mohammed", unser Fahrer will ihn sprechen. Vielleicht klappt es ja doch noch und er bringt uns da hin. Harte Worte auf Arabisch, vielleicht Beschimpfungen. Er legt auf. Aus Angst wird Panik.

"Wer zahlt das Lösegeld?"

Tief in der Wüste wird die Kommunikation dünn und reduziert sich auf Fragen, deren Antwort wir nicht wissen. Es ist dunkel und die Fahrt dauert. Das Adrenalin fühlt sich nicht gut an und Gedanken an Eltern und Freunde in Deutschland kommen hoch. Werden wir sie wiedersehen oder kommen wir in Kisten nach Deutschland zurück? Zahlt der Staat das Lösegeld und müssen wir womöglich ein Leben lang für diese Hypothek aufkommen? Wie naiv waren wir, als wir in den Wagen gestiegen sind. Aber er kannte doch unsere Namen. Es ergibt keinen Sinn.

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Keine Lebensgefahr: Die Nacht in der Wüste war wunderbar.

(Foto: Benjamin Konietzny)

Bei einer Entführung geht es ja darum, dass die Entführer Lösegeld von Menschen erpressen, denen das Wohl der Entführten lieb ist. Wird nicht gezahlt, wird den Lieben etwas angetan. Bei der etwas entrückten Art der Kundenakquise, wie sie in der marokkanischen Wüste betrieben wird, ist das eigentlich ähnlich. Doch das Lösegeld zahlt man für sich selbst. Und zwar an einen Wirt, um sich aus einer Situation freizukaufen, die bedrohlich erscheint. Der Wirt hat ein Hotel in einer Umgebung, die wohl die meisten Touristen als lebensfeindlich und ohne fremde Hilfe auch gefährlich betrachten: der Sahara. Hotel – sicher. Da draußen – Gefahr. So geht das.

Unglaublich: Deutsche Touristen

Auch Mohammed ist ein solcher Hotelier und als der Wagen auf den Hof der burgähnlichen Anlage rauscht, sind wir zumindest froh, dass wir nun nur noch um unser Geld fürchten müssen. Auf der Veranda sitzen auch andere Touristen, ja - unfassbar - deutsche Touristen. Wir gehen zu ihnen und stammeln die Geschichte, die wir selbst noch nicht verstanden haben, herunter. Die drei sitzen in Stoffhosen auf dicken Kissen, rauchen Shit und müssen die beiden verwirrten Gestalten für paranoid halten. Es folgt eine aggressive Preisverhandlung, Mohammed macht Druck: Drei Tage mit Kameltour, eine edle Suite, der "Transfer" zurück nach Rissani. Etwa 200 Euro. Zahlbar auch in iPhones, Markenkleidung, Schminke, Medikamenten aus Europa.

Am Ende knicke ich ein, zahle für die Besenkammer ohne fließendes Wasser und mit komischem Geruch. Gerade, als wir zum ersten Mal in unserer schäbigen Unterkunft durchatmen und rekapitulieren, was da eben passiert ist, klopft es an der Tür. Es ist wieder der Hotelier, verhandelt weiter, will Geld für die Fahrt und uns überreden, doch eine Suite zu nehmen. Wir fühlen uns immer noch gekidnappt und entscheiden uns, aus der Burg auszubrechen und mit dem Zelt in der Wüste zu übernachten. Obwohl er uns vorher gewarnt hatte: Lebensgefahr.

Aber dort ist es überhaupt nicht gefährlich, die Luft ist toll, der Sand weich und am nächsten Morgen werden wir von dem magischen Bild einer vorbeiziehenden Dromedaren-Karawane verwöhnt.

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Irgendwann kam ein Taxi und holte uns raus.

(Foto: Benjamin Konietzny)

Doch wir müssen ja noch fort von hier. Straßen oder Busse? Nicht hier. Taxen soll es geben. Doch wir wissen ja noch nicht einmal, wie das Hotel heißt. Und als hätte uns die marokkanische Hotelmafia noch nicht genug gebeutelt, will uns das Hotelpersonal jetzt nicht sagen, wie das Hotel heißt. Auf unsere Fragen nach dem Namen antworten die Angestellten mit Schulterzucken. Hier geht es nicht darum, dass der Gast sich wohl fühlt. Es geht ums Geld und um nichts anderes. Wer keinen Weg aus der Wüste findet, ist schließlich potenzieller Kunde. Schließlich erfahren wir den Namen: Er ist auf der Lizenz an der Rezeption angeschlagen. Wenig später holt uns ein Taxi und wir sind weg.

Wir bleiben in der Wüste, sind zu Gast bei einem anderen Couchsurfer. Er ist gastfreundlich, aufgeschlossen und hat keine finanziellen Interessen. Eben so, wie es sein sollte. Für ihn ist diese Geschichte nichts Neues, er kennt die Masche. Gefährlich seien diese Menschen alle nicht, berichtet er, doch würden sie ihre Beute – westliche Touristen – mit den abenteuerlichsten Methoden fangen. Schilder, die zu Hotels führen, würden kurzerhand von Helfern umgeschrieben, Ausweise mit den gängigsten Namen lägen im Handschuhfach eines jeden erfolgreichen Hoteliers der Gegend.

Alles ergibt plötzlich Sinn

Couchsurfen – das passe hier eigentlich nicht hin. Eine Gegend, in der man sich fragt, wovon die Menschen eigentlich leben. Karg, trocken, heiß. Man hilft sich hier gegenseitig und Übernachtungen umsonst sind eine Konkurrenz, die nicht akzeptiert, ja sogar mit Drohungen oder auch darüber hinaus bekämpft würden. Und so ergibt alles plötzlich Sinn. Der Junge, der uns sein Handy geliehen hat und das Gespräch mitverfolgte, sich Namen merkte. Der Hotelier, der informiert wurde und einen passenden Ausweis parat hatte, sie waren vernetzt. Der harte Ton, in dem er mit unserem eigentlichen Gastgeber telefonierte - er ist eine Gefahr für das Geschäft.

Als gutgläubiger Rucksacktourist gleicht man in diesem Teil der Welt, irgendwo zwischen Merzouga und Rissani, einer reifen Dattel an der Palme. Wertvoll – es kommt nur darauf an, wer kommt und sie pflückt.

Quelle: ntv.de

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