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"Global Home" - Wenn die Welt ihre Türen öffnet Gratis schlafen in fremden Betten

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Touristen fotografieren Tuareg: Beim Reisen die Perspektive wechseln, vom Touristen zum Gast - diese Möglichkeit bieten sich, wenn fremde Menschen einen bei sich zu Hause aufnehmen.

(Foto: sabotage films)

Bei fremden Menschen wohnen, das ist nicht jedermanns Sache. Das Bett könnte unbequem sein, der Gastgeber unsympathisch, er könnte zudringlich werden und Sex wollen. Wer die Bedenken über Bord wirft, gewinnt mehr als eine kostenlose Übernachtung.

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CouchSurfing-Karte: Auf fremden Sofas schlafen kann man auch in vielen Ländern, die keine klassischen Reiseziele sind.

(Foto: sabotage films)

Hotel, Zelt, Wohnwagen: Es gibt eine Vielzahl von Reiseunterkünften. Aber egal, wie und wo man schläft - das besuchte Land bleibt in der Regel Kulisse, der Tourist reiner Betrachter. Man lernt "Land und Leute" nicht wirklich kennen. Ganz anders beim Couchsurfing: Wenn man sich auf die fremden Menschen einlässt, bei denen man wohnt, kann die Reise zur "Mission Völkerfreundschaft" werden.

Regisseurin Eva Stotz begab sich für ihren Dokumentarfilm "Global Home" auf diese Mission - nachdem ihr aufgefallen war, dass sie zwar übers Internet viele Kontakte, aber nicht wirklich kommuniziert hatte. Die Begegnungen waren "unecht". Irgendwann erzählte ihr ein Freund von der Organisation couchsurfing.org, was sie auf den Gedanken brachte, dass das ein geeigneter Weg sein könnte, in das Leben anderer Menschen einzutauchen, fremde Länder wirklich kennenzulernen - und das alles kostenlos. Denn Couchsurfing ist eine Non-Profit-Organisation - in ihrer Zentrale in San Francisco sitzen Programmierer, die einen Teil ihrer Zeit ohne Bezahlung opfern, um die Webseite am Laufen zu halten.

Blick hinter den Vorhang

Das "Basecamp" von Couchsurfing ist dann auch eine der Stationen, die Eva Stotz besucht. Herz der Wohn- und Arbeitsgemeinschaft ist Casey - er hatte die Idee zu dem weltumspannenden Projekt und ist sein Geschäftsführer. Die Idee: Man sucht sich übers Internet, auf der Webseite eines der Gastgebernetzwerke wie couchsurfing.org, Orte und Menschen, die einen interessieren, tritt so in Kontakt und wenn es zeitlich und vom Sympathiefaktor her passt, besucht man sich und wohnt eine gewisse Zeit bei dem anderen. Man taucht in seine Welt ein und blickt hinter den Vorhang, der dem normalen Reisenden die Sicht auf die Lebensrealität anderer Länder versperrt.

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Couchsurfing-Gastgeber Mamatal (r.) organisiert Konzerte und betreut Musiker - auch bei ihrer Präsentation im Internet.

(Foto: sabotage films)

Diese Art der Kontakte ermöglicht dem, der sich traut, Einblicke in fremde Welten - besonders deutlich wird das beim ersten Gastgeber des Films, dem musikbegeisterten Tuareg Mamatal. In der Sahara aufgewachsen, lebt er jetzt den größten Teil des Jahres in Bamako, der Hauptstadt Malis. Seine selbstverständliche, herzliche Gastfreundschaft führt dazu, dass Stotz sich nach sehr kurzer Zeit dort sehr heimisch fühlt. Nicht mehr als Touristin, mehr als "Gast von Mamatal". Und so taucht sie ein in den Alltag Malis - und in seine Musikszene, denn ihr Gastgeber managt Bands und organisiert Konzerte.

Auf einem Musikfestival in der Wüste trifft Stotz dann auf "normale Touristen" und fühlt ganz deutlich den Unterschied. Sie ist drin, erlebt das Festival an Mamatals Seite, die anderen sind draußen, fotografieren unablässig die Tuareg auf ihren Kamelen und mit ihren Musikinstrumenten. Und fahren anschließend mit ihrer Reisegruppe zurück ins Hotel - wo sie mit Einheimischen allenfalls in Form von Kellnern und Zimmermädchen "in Kontakt" kommen.

Seltenheitswert: Privat wohnen in Japan

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Michiko hat eine Mission: sie will den Stadtkindern Tokios die Natur näherbringen und so Respekt und Achtung davor erreichen.

(Foto: sabotage films)

Ebenso fremd und faszinierend für uns Europäer: die japanische Kultur. Die Gelegenheit, bei einem Japaner zu Hause wohnen zu dürfen, hat großen Seltenheitswert, denn dort ist es, im Gegensatz etwa zur malischen Kultur, absolut unüblich, Fremde bei sich übernachten zu lassen. Stotz ist es trotzdem gelungen; sie wird in Tokio aufgenommen von Michiko, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, Schulkindern die Natur näherzubringen - im hochtechnologisierten, sauberen Japan, eng bebaut, voller Menschenmassen. Bei dieser Couchsurfing-Station machte Stotz die Erfahrung, "dass sich das Individuum hier grundsätzlich anders definiert als in der westlichen Welt: Der Einzelne ist hier vor allem Teil der Gemeinschaft." Michiko lässt sich von der Kamera begleiten bei ihrem zeitraubenden Weg zur Arbeit, inmitten endloser Auto- und Menschenschlangen, und bei ihren Exkursionen mit japanischen Mädchen in die Umgebung Tokios - wo echte Pflanzen und Tiere Schreie des Entzückens und der Verwunderung hervorrufen.

Ein ähnlich enges Verhältnis zur Natur wie Michiko hat die Britin Alice - die Stotz jedoch nicht in Großbritannien besucht, sondern im Westjordanland. Ungewöhnliche Konstellation, ungewöhnliches Reiseland – schließlich ist diese Region ein Dauer-Krisengebiet und kein Touristen-Hotspot. Und so stellt Stotz auch fest, dass ihr dieser Besuch mehr Einblicke erlaubt als jede Auslandsreportage: den "Blick hinter die Nachrichten" nennt sie das.

Mitwohnen und mithelfen

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Clara aus Brasilien reist durch die Welt und sucht sich überall Lehrer, die ihr die Tänze der Region beibringen - so wie hier in Kappadokien den Tanz der Sufis.

(Foto: sabotage films)

Im Ökoprojekt von Alice, das seit etwa fünf Jahren besteht, gehen Couchsurfer aus aller Welt ein und aus - von denen die Britin hofft, dass sie nicht nur eine kostenlose Bleibe suchen, sondern auch bei ihrem Projekt mithelfen. Dabei geht es um die möglichst effektive und nachhaltige Nutzung der knappen Ressourcen, um anspruchslose Baumarten und darum, wie man den kargen Boden im Westjordanland landwirtschaftlich bestellen kann. Der Boden, um den seit Jahrzehnten so erbittert gerungen wird: von den Palästinensern, die dort leben, und den Israelis, die dort ihren Siedlungsbau vorantreiben. Bei Alice sitzen auch die, Israelis und Palästinenser, an einem Tisch und arbeiten zusammen auf der Farm - in einer "Oase inmitten von Fronten". Inmitten von Grenzanlagen, Mauern, Zäunen und Checkpoints.

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"Global Home" ist eine Koproduktion von Sabotage Films, ZDF und DFFB.

(Foto: sabotage films)

Eine ganz andere Art, Barrieren zu überwinden, ist der Tanz: ohne Sprache zu verstehen. Diese universelle Kraft macht sich die Brasilianerin Clara zunutze. Sie hat vor einigen Jahren Rio de Janeiro verlassen und landete auf der Suche nach Tanz-Lehrern in einem türkischen Touristenort, Göreme in Kappadokien. Dort fand sie einen Mann, der ihr den Tanz der Sufis oder auch Derwische beibringt; bei einer Frau lernt sie die Tanzschritte der Zigeuner kennen. Und Clara fand durch den Tanz Arbeit und Freunde - die Kamera beobachtet sie bei ihren Unterrichtsstunden, bei ihrer Darbietung vor Touristen, aber auch beim Backgammon-Spielen und Teetrinken mit alten Männern im Cafe.

Ganz anders und doch gleich

Eine Brasilianerin in der Türkei, eine Britin im Westjordanland, Michiko und Mamatal: Der Dokumentarfilm "Global Home" erschließt dem Zuschauer unterschiedliche Perspektiven und erlaubt Einblicke in ganz verschiedene Lebensentwürfe. Und zeigt dabei doch, wie ähnlich wir uns alle sind.

Eva Stotz kommt zu der "friedlichen Erkenntnis: Wir machen alle mehr oder weniger dasselbe, nur eben anders. Und die Erfahrung, dass gastfreundliche Menschen mit ihrer Tür meist auch ihr Herz öffnen, kann etwas Grundlegendes verändern."

Genau darin besteht die Hoffnung des Coucsurfing-Gründers Casey: dass diese Art des Reisens die Welt verändern kann. Reisen kann nicht nur bilden, Reisen kann verbinden. Man muss nur die nötige Offenheit dazu mitbringen. Der Dokumentarfilm "Global Home" zeigt, wie es geht - und was man gewinnen kann, wenn man sich traut.

"Global Home" ist seit dem 25. Oktober 2013 in Deutschland als DVD erhältlich - bei Amazon bestellen

Quelle: n-tv.de

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