Reise

Beschlagnahmte Mafia-Güter in Italien Urlaub machen beim Paten

In Italien werden Güter der Mafia enteignet und umgewandelt, etwa in Ferienhäuser. Auch "Terre di Corleone" nahe der Mafia-Hochburg in Sizilien bietet Betten für Touristen.

Mafia-Hochburg Corleone.jpg

Blick auf die Mafia-Hochburg Corleone.

(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Urlaub im Landhaus eines Mafia-Bosses, Wein von den Hängen der Cosa Nostra, Olivenöl aus "Mafia-freier Erde": In Italien werden Güter der Mafia enteignet und mit Mitteln der Europäischen Union in Genossenschaften umgewandelt, darunter Ferienimmobilien, Weingüter oder Olivenölfabriken. Für Innenminister Roberto Maroni ist es eines der wirkungsvollsten Mittel im Kampf gegen das organisierte Verbrechen: In den vergangenen zwei Jahren wurden mehr als zehn Milliarden Euro sowie rund 15.000 Gebäude, Villen, Grundstücke und Fabriken beschlagnahmt. In den Mafia-Hochburgen gelingt vielerorts ein Neubeginn auf verbrannter Erde.

Das Anwesen "Terre di Corleone" (etwa: Corleone-Land) nahe der berühmt-berüchtigten Mafia-Hochburg im Westen Siziliens bietet 16 Betten für Touristen. Im schmuck renovierten Schafstall versteckte sich einst der Mafiaboss Toto Riina. Heute gibt es keine Hinweise mehr darauf, dass einer der grausamsten Mafia-Morde der 90er Jahre in der Nähe begangen wurde: Riinas Handlanger Giovanni Brusca erwürgte hier den kleinen Giuseppe di Matteo nach jahrelanger Gefangenschaft und löste die Leiche anschließend in Salzsäure auf. Es sollte ein Racheakt an dessen Vater sein, der mit der Justiz zusammenarbeitete.

"Beschlagnahmtes Mafia-Gut"

Auch 20 Kilometer weiter werden Kunden von einem blauen Schild "Beschlagnahmtes Mafia-Gut" begrüßt. Willkommen im Weingut "I Cento Passi" (100 Schritte), benannt nach einem Film von 2002 über den Mafia-Mord an dem Journalisten Peppino Impastato. "Wir sind vor den Toren von Corleone, und dieser komplett neu bepflanzte Weinberg beweist, dass wir aus dem Nichts heraus einen exzellenten Wein herstellen können", sagt Francesco Galante von der
Anti-Mafia-Organisation Libera.

Peppino Impastato.jpg

Luigi Lo Cascio (vorne links) als Peppino Impastato in einer Szene des italienischen Films "100 Schritte" von Marco Tullio Giordana.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Libera wurde von dem katholischen Priester Don Ciotti gegründet und bringt neues Leben in die enteigneten Güter. Das ist nicht immer ungefährlich: "Im Land der Mafia neue Arbeitsplätze zu schaffen bringt uns in eine schwierige Lage: Wir wurden bereits Ziel einiger ernsthafter Einschüchterungsversuche, Brandstiftungen und Diebstähle", sagt Galante.

Änderungen in der italienischen Gesetzgebung

Möglich wurden die Umwandlungen durch Änderungen in der italienischen Gesetzgebung. Lange schon ist es der Polizei erlaubt, Vermögen von Mafia-Mitgliedern oder Geschäftsleuten mit Verbindungen zur organisierten Kriminalität auf Basis eines Verdachts zu konfiszieren. Doch seit 1996 können solche Besitztümer auch für soziale Zwecke genutzt werden. Die Regierung von Premier Silvio Berlusconi beschleunigte die Enteignungen. Es ist eine ihrer schärfsten Waffen im Kampf gegen die drei großen Mafia-Syndikate, die Cosa Nostra in Sizilien, die Camorra in der Gegend um Neapel und die `Ndrangheta in Kalabrien an der Südspitze Italiens.

Eine der 1700 konfiszierten Immobilien in Siziliens Hauptstadt Palermo beherbergt jetzt die regionale Anti-Mafia-Ermittlungseinheit (DIA). Der Zugriff auf Mafia-Besitz "ist eine komplizierte Sache, weil sie ihr Eigentum oft unter Strohmännern oder Pseudo-Firmen im Ausland registrieren", sagt der DIA-Leiter von Palermo, Elio Antinoro. Doch durch die Enteignungen können die Behörden das organisierte Verbrechen am wirkungsvollsten packen: "Sie beziehen ihre Macht daraus, dass sie Komplizen und Familien Gehälter zahlen, oder dass sie sich juristischen Beistand leisten können, wenn sie in Haft sind", sagt Rosolino Nasca von der örtlichen Anti-Mafia-Einheit.

Häuser und Konten von Mafia-Boss Provenzano beschlagnahmt.jpg

Beschlagnahmt im Februar 2008: Blick auf den Touristenkomplex "Calamancina residence'' in San Vito Lo Capo, Palermo. Er gehörte einst den Mafiabossen Salvatore Lo Piccolo und Bernardo Provenzano.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Vielerorts gelingt so ein Neubeginn auf verbrannter Erde: Libera hat auf Ländereien, die einst Giovanni Brusca gehörten, eine Reitschule aufgebaut, die den Namen seines jungen Opfers Giuseppe di Matteo trägt. Die Organisation hat auch Geschäfte eröffnet, in denen Linsen, Tee oder Nudeln aus "mafia-freiem Boden" verkauft werden. Beim Olivenöl haben die Kunden die Wahl: Eines stammt von enteigneten Bäumen der Mafia-Organisation Sacra Corona Unita, das andere von beschlagnahmten Ländereien der Cosa Nostra.

Quelle: n-tv.de, Sonia Grezzi, AFP

Mehr zum Thema