Sport

Schwimmen mit Haien und Quallen André Wiersig, Meister der Ocean's Seven

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André Wiersig und Begleitboot in der Tsugaru-Straße zwischen den japanischen Inseln Honshu und Hokkaido.

(Foto: Dennis Daletzki)

Die Bezwingung der Ocean's Seven - das ist eine der extremsten sportlichen Herausforderungen der Welt. Sieben gefährliche Meerengen müssen durchschwommen werden. Als einziger Deutscher hat André Wiersig das geschafft. Ein neues, verrücktes Ziel hat er schon vor Augen.

Die Ocean's Seven sind die Champions League für Extremschwimmer. Das, was für Bergsteiger die Seven Summits sind. Im Gegensatz zu den höchsten Gipfeln der sieben Erdteilen liegen die Ocean's Seven nur auf fünf Kontinenten, es handelt sich aber um die gefährlichsten und deshalb am schwierigsten zu durchschwimmenden Meerengen der Welt. Die Challenge hat sich der US-Amerikaner Steven Munatones - früher selbst Langstreckenschwimmer - ausgedacht. Die Regeln stammen aus dem Jahr 1875, als der Brite Matthew Webb als erster Mensch den Ärmelkanal durchschwamm.

"Das bedeutet, ein Neoprenanzug ist nicht erlaubt, auch keine Schwimmflossen und anderes Gedöns. Man darf sich auch zu keiner Zeit am Begleitboot festhalten geschweige denn dieses berühren. Es geht darum, ohne technische Hilfsmittel von dem einen Land zum anderen zu schwimmen", erklärt André Wiersig. Der 48-jährige IT-Berater aus Paderborn hat im Juni 2019 als erster Deutscher die Ocean's Seven bezwungen. Damit gehört er zu einem erlesenen Kreis: Nur 20 Schwimmer - 7 Frauen und 13 Männer - haben die Extrem-Herausforderung bisher gemeistert. Als erstem Menschen der Welt war das 2012 dem Iren Stephen Redmond gelungen.

Zu den Ocean's Seven gehören drei europäische Abschnitte: der Ärmelkanal zwischen Frankreich und England, der Nordkanal zwischen Schottland und Nordirland und die Straße von Gibraltar zwischen Spanien und Marokko. Die anderen Meerengen liegen im Pazifik: die Cookstraße zwischen der Nord- und Südinsel Neuseelands, die Tsugaru-Straße zwischen den japanischen Inseln Honshu und Hokkaido, außerdem der Santa-Catalina-Kanal zwischen der gleichnamigen Insel und Los Angeles sowie der Kaiwi-Kanal zwischen den beiden Hawaii-Inseln Molokai und Oahu.

Schlüsselerlebnis im Ibiza-Urlaub

"Ich bin früher in der 2. Bundesliga geschwommen, habe immer Ausdauersport betrieben, früher auch mal Triathlon. Aber diese Leidenschaft fürs Meer hatte ich schon immer in mir. Obwohl ich in Paderborn lebe, was ja nicht unbedingt am Meer liegt", sagt Wiersig und blickt auf einen Schlüsselmoment während eines Ibiza-Urlaubs im Frühjahr 2011 zurück. Bei nur 14 Grad Wassertemperatur wollte er zu einer Boje schwimmen, die 400 Meter entfernt vom Strand im Wasser trieb. Doch daran war in dem Moment nicht zu denken. Wiersig konnte sich nicht überwinden, loszuschwimmen. Es war einfach zu kalt.

"Danach habe ich einen Pakt mit mir selbst geschlossen. Ich wollte es mir unbedingt beweisen, dass ich mich an dieses kalte Wasser gewöhnen kann. Also habe ich nur noch kalt geduscht. Und bin dann noch einen Schritt weitergegangen, habe mir im Baumarkt eine Regentonne gekauft, die mit Wasser gefüllt und bin immer für 20 Minuten oder länger rein, bei einem Grad und auch mal bei unter null Grad".

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Das Training sollte sich lohnen. Die erste Mission auf der Reise durch die Ocean's Seven führte Wiersig im September 2014 zum Ärmelkanal. Aus 33 Kilometern Luftlinie zwischen England und Frankreich wurden mehr als 45 Kilometer im Wasser. Nach 9 Stunden und 43 Minuten kam der Extremschwimmer an der französischen Küste an. Ein Jahr später nahm er sich den Kaiwi-Kanal zwischen Molokai und Oahu vor. Fast 19 Stunden brauchte Wiersig für die mit 42 Kilometer Luftlinie längste Strecke der Ocean's Seven, zwischen den hawaiianischen Inseln. Im Nordkanal zwischen Nordirland und Schottland zahlte sich anschließend das Eistonnen-Training aus. Trotz gerade mal 13,2 Grad Wassertemperatur absolvierte Wiersig auch diese Etappe der Ocean's Seven. Es folgten die Durchquerung des Santa-Catalina-Kanals vor Kalifornien, der Kampf gegen die Strömung in der Tsugaru-Straße und die Kreuzsee zwischen den beiden Teilen Neuseelands. Und schließlich als Kür die Straße von Gibraltar zwischen Marokko und Spanien.

Um diese Extrem-Challenge zu meistern, braucht es aber mehr als schwimmerisches Können, den Rückhalt der Familie und ein gutes Unterstützerteam. Für Wiersig ist vor allem die mentale Komponente entscheidend: "Man steht mitten in der Nacht auf Hawaii an einem Strand in Badehose und diese Fünf-Meter-Wellen krachen dort rein. Man guckt auf den offenen Pazifik, sieht sein Ziel nicht, schwimmt aber trotzdem los. Wenn man sich das vorstellt, dann kann man vielleicht verstehen, wie sehr man von innerer Selbstsicherheit erfüllt sein muss und wie sehr man das wollen muss."

"Habe nur gute Erfahrungen mit Haien gemacht"

Zumal Wiersig die Herausforderung zusätzlich zu Beruf und Familie als "Hobby" angegangen ist. Der 48-Jährige ist kein Profisportler, besitzt keine gut bezahlten Sponsorenverträge. Etwa 130.000 Euro hat er in seinen Traum investiert. Eine Investition in ein großes Ziel und große Schmerzen. "Am schlimmsten waren die Quallen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich in meinem Leben schon einmal so starke Schmerzen hatte wie nach den Stichen der Portugiesischen Galeere".

Doch auch diese Grenzerfahrung brachte Wiersig nicht von seinem Kurs ab, er schwamm einfach weiter. Selbst als er zwischen Molokai und Oahu plötzlich einem Blauhai begegnete. "Darauf war ich vorbereitet. Ein Haischützer hatte mir im Vorfeld erklärt, dass ich in so einer Situation auf keinen Fall weiterschwimmen darf, sondern mich senkrecht im Wasser aufhalten muss." Das war lebenswichtig, denn auf das sogenannte "Shark Protection System", eine elektromagnetische Hai-Abschreckung, hatte Wiersig ganz bewusst verzichtet: "Ich habe nur gute Erfahrungen mit Haien gemacht."

Doch er hat auch die dunklen Seiten der Weltmeere kennengelernt. Im Ärmelkanal verfing er sich in einer Plastikplane und stieß beim Kraulen mit dem Kopf gegen eine Europalette. In seinem Buch "Nachts allein im Ozean" schreibt Wiersig, dass diese beiden Situationen sein Leben verändert hätten. "Das bestürzt mich immer noch sehr, am eigenen Leib zu spüren, wie wir Menschen mit unseren Weltmeeren umgehen."

Heutzutage ist Wiersig Botschafter der Deutschen Meeresstiftung, hält Vorträge vor Geschäftsleuten, in Schulen, bei Sportvereinen und berichtet von seinen Grenzerfahrungen. Aber auch seiner Extremschwimmer-Karriere möchte Wiersig noch ein Kapitel hinzufügen. Er und sein Team beschäftigen sich mit der Frage, ob es möglich ist, vom deutschen Festland die etwa 60 Kilometer Luftlinie nach Helgoland zu schwimmen: "Von wo aus müsste man starten? Kann man vielleicht auch mit der Strömung schwimmen? Ob ich das jemals mache, weiß ich nicht. Spaß hätte ich daran."

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Quelle: ntv.de