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THW schenkt Coach den Rekordsieg Auch im Handball entzweit der Videobeweis

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Timo Kastening sieht Rot - die Hannoveraner meinen, es hätte auch eine Zeitstrafe gereicht.

(Foto: imago images / wolf-sportfoto)

Der THW Kiel gewinnt zum elften Mal den DHB-Pokal und huldigt ihrem scheidenden Coach Alfred Gislason. Das Gesprächsthema Nummer eins aber ist der Videobeweis, für einen Moment ist der Handball plötzlich dem Fußball ganz nah.

Es war am späten Samstagnachmittag, als der Videobeweis zum ersten Mal auch beim Handball ein Thema wurde. Es war plötzlich so wie beim großen Bruder Fußball. In Hamburg hatten sich jene vier Handballteams getroffen, die sich für das Final Four des nationalen Pokalwettbewerbs qualifiziert hatten, um den diesjährigen Gewinner zu ermitteln. Soeben war das erste Halbfinale zwischen der TSV Hannover-Burgdorf und dem SC Magdeburg zu Ende gegangen. Mit 30:29 hatte der Klub aus Sachsen-Anhalt gewonnen, doch die Diskussionen drehten sich allein um die Schiedsrichter.

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Sven-Sören Christophersen ist mit der Schiedsrichterentscheidung nicht zufrieden.

(Foto: imago images / wolf-sportfoto)

Gleich drei höchst strittige Szenen hatten die Hannoveraner gesehen, die als Außenseiter in dieses Semifinale gegangen waren, sich nach aufregenden 60 Minuten aber um einen möglichen Sieg betrogen sahen. Zunächst hatte der SC Magdeburg mit dem Halbzeitsignal einen Treffer erzielt, dass die beiden Referees Christoph Immel und Ronald Klein ohne Zögern anerkannten, während Hannovers Spieler sich sicher waren, dass der Ball die Torlinie nach dem Signalton überschritten haben soll. Dann sah Timo Kastening, Hannovers Bester bis zu diesem Zeitpunkt, nach 36 Minuten die Rote Karte für eine Aktion gegen Michael Damgaard, die nach Ansicht der TSV-Verantwortlichen auch mit einer Zwei-Minuten-Strafe hinreichend geahndet worden wäre. Und zu allem Überfluss roch die entscheidende Situation, als Christian O'Sullivan das Magdeburgs Siegtor erzielte, verdächtig nach Stürmerfoul. "Die letzte Aktion kannst du wegpfeifen", befand Sven-Sören Christophersen, Ex-Nationalspieler und heute Sportlicher Leiter in der niedersächsischen Landeshauptstadt. "Das Tor war eher keines."

Videobeweis nicht mit Hallenuhr gekoppelt

Dass in allen drei Fällen der Videobeweis, der seit dem vergangenen Jahr beim Final Four die Schiedsrichter unterstützen soll, nicht bemüht wurde, irritierte die Hannoveraner, eine Erklärung gab es lediglich in Sachen Tor. Weil die Hallenuhr nicht mit dem Kamerasystem des Videobeweises gekoppelt sei, hätte die Szene aus technischen Gründen nicht zweifelsfrei geklärt werden können. Was wiederum bei Christophersen die Frage aufwarf, warum es dann den Videobeweis gebe, wenn er "in kritischen Situationen nicht genutzt werden kann". Und Hannovers Kai Häfner meinte gar, es fehle dem Handball "in diesem Punkt an Professionalität".

So kam es dann aber dazu, dass Hannover, erhobenen Hauptes zwar, aber geschlagen den Heimweg antreten musste, während sich die von Trainer Bennet Wiegert gecoachten Magdeburger auf das Finale gegen den THW Kiel freuen durften, die im Abendspiel die Füchse Berlin mit 24:22 besiegt hatte. Magdeburgs Freude währte allerdings nur knappe 24 Stunden, denn danach hielten die Kieler den Pokal in ihren Händen, weil sie das Finale deutlich mit 28:24 gewinnen und zum elften Mal - das ist Rekord - diesen Wettbewerb für sich entscheiden konnten. Den Triumph widmete die Mannschaft übrigens ihrem scheidenden Trainer Alfred Gislason, der zum Saisonende den THW nach elf Jahren verlässt. Und der wirkte sichtlich angefasst. "Mir fehlen fast die Worte. Ich muss sagen, dass ich stolz auf diesen Titel und meine Mannschaft bin."

Gislasons Ära endet mit mindestens einem Titel

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Gemeinsamer Freudentaumel von Team und Trainer.

(Foto: imago images / wolf-sportfoto)

Jetzt könnte es passieren, dass Gislason, bevor er die Bundesliga verlässt und sich auf sein kleines Landgut in der Nähe von Magdeburg zurückzieht, um dort Rosen zu züchten und Schnaps zu brennen, noch einmal so richtig abräumt. Den DHB-Pokal hat er seit gestern Nachmittag, im EHF Cup, dem kleinen Bruder der Champions League, steht der THW als Ausrichter des diesjährigen Final-Four-Turniers bereits im Halbfinale und gilt vor heimischer Kulisse als Favorit. Und selbst in der Meisterschaft gibt es noch die Chance, die SG Flensburg-Handewitt im Saisonendspurt abzufangen. Der Erzkonkurrent von der deutsch-dänischen Grenze patzte zuletzt in Magdeburg und muss zudem noch in Kiel antreten. Bei einem Vorsprung von vier Zählern dürfen sich die Flensburger keinen weiteren Ausrutscher erlauben. Doch davon will der Isländer im Moment der der großen Gefühle nichts wissen. "Daran denke ich im Augenblick überhaupt nicht", so der 59-jährige Coach. "Ich freue mich über diesen Moment. Es ist alles so gut aufgegangen."

Immerhin eines ist ihm in seiner Abschiedssaison bereits gelungen: Titellos wie im Jahr 2018 bleiben die Zebras diesmal nicht. Überhaupt deutet vieles rund um den THW darauf hin, dass der einstige Branchenprimus, dessen letzter Meistertitel aus dem Jahr 2015 datiert, auf dem Weg zurück zu alter Stärke ist. Das Team um den kroatischen Spielmacher Domagoj Duvnjak ist reifer in der Spielanlage geworden, viele junge Spieler haben im schwarz-weiße Handball-Kollektiv ihren Platz gefunden. Und, was angesichts der Terminhatz und der körperlichen Abnutzung im Laufe einer Spielzeit noch wichtiger ist: Der THW verfügt wieder über eine Bank, die einen Qualitätsstandard garantiert, wenn Teile der ersten Sieben zur Pause gebeten werden. "Das ist wichtig, um angesichts der Vielzahl von Begegnungen national wie international bestehen zu können", sagte Viktor Szilagyi. Der sportliche Leiter wird ab Sommer gemeinsam mit THW-Legende Filip Jicha für den Spielerbereich verantwortlich sein.

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Mit Sander Sagosen holt der THW Kiel ein Juwel.

(Foto: imago images / PanoramiC)

Und der THW wird weiter aufrüsten. Zum Saisonbeginn im Sommer 2020 stößt der norwegische Spielgestalter Sander Sagosen zu den Zebras. Der 23-jährige Norweger, der derzeit noch gemeinsam mit Nationalmannschaftskapitän Uwe Gensheimer für Paris Saint Germain spielt, hat schon vielfach unter Beweis gestellt, dass er auf seiner Position derzeit "state of the art" ist. Seine Verpflichtung ist eine Kampfansage: Der THW will seine Ausnahmestellung, die er in den vergangenen Jahren eingebüßt hatte, zurück. Ob das gelingt, wird sich Alfred Gislason dann aber entspannt aus der Distanz anschauen. Eine Rückkehr in die Liga ist für ihn "ausgeschlossen. "Ich könnte mir aber vorstellen, ein Engagement als Nationaltrainer anzunehmen", sagte Gislason schon vor Monaten dem Magazin "Handball inside". "Aber bis zum nächsten Jahr will ich erst einmal Pause machen."

Quelle: n-tv.de

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