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DBB-Team stürmt in EM-Halbfinale Deutschlands Gala ist kaum zu glauben

Griechenland ist der Favorit im Viertelfinale dieser Basketball-EM - doch die deutsche Mannschaft überrennt das Team um Superstar Giannis Antetokounmpo förmlich. Der herausragende 20:1-Lauf im dritten Viertel zeigt die Stärken der DBB-Auswahl eindrucksvoll.

Wahrscheinlich hat Dennis Schröder es noch nie so sehr genossen, aus der Halle geschmissen zu werden. 3:48 Minuten sind im Viertelfinale der Basketball-Europameisterschaft noch zu spielen, als sich der Anführer der deutschen Nationalmannschaft in einer einzigen Situation zwei technische Fouls abholt. Disqualifikation. Eigentlich reagiert das Publikum in solchen Momenten der Unbeherrschtheit mit bitteren Pfiffen - in der ausverkauften Arena zwischen dem zur East Side Gallery gewordenen Stück der einstigen Berliner Mauer und der Warschauer Straße aber wird Schröder mit lautem Applaus begleitet, während er langsam aus dem Innenraum schreitet.

Denn Schröder ist der Kopf eines Teams, das an diesem Abend eine der größten Leistungen in der Historie des deutschen Basketballs vollbringt. Nach dem 107:96 (57:61) gegen den großen Favoriten Griechenland steht Deutschland erstmals seit 2005 wieder im EM-Halbfinale, nur noch einen Sieg von einer Medaille entfernt. Genau das, eine Medaille, hatte Gordon Herbert als Ziel formuliert, nachdem er vor rund einem Jahr die DBB-Auswahl übernommen hatte. Belächelt worden war er für die Aussage, dass es für ihn darum gehe, "Medaillen zu gewinnen. Bei der EM, bei der WM, bei Olympia. Egal bei welchem Turnier." Gelingen sogar zwei Siege, ist Deutschland zum zweiten Mal nach 1993 Europameister.

Aber weg von den Zukunftsszenarien und rein in die Gegenwart. Mit einer offensiven Meisterleistung stürzen Schröder & Co. die einzige Mannschaft, die nach Vorrunde und Achtelfinale noch ungeschlagen war. 26 Punkte und 8 Assists legt der Spielmacher auf, bis die Schiedsrichter ihn ausschließen. Knapp vier Minuten sind da noch auf der Uhr, eine Ewigkeit im Basketball. Trotzdem scheint niemand mehr daran zu zweifeln, dass wenig später schwarz-rot-goldener Jubel ausbricht. Dafür sorgt vor allem das dritte Viertel, das so schnell wohl niemand vergessen wird, der dieses EM-Viertelfinale entweder live in der Halle, beim kurzfristig in die Übertragung eingestiegenen RTL oder bei Magentasport, das mit dem Kölner Sender eine Sublizenzvereinbarung schließt, erlebt hat.

Acht Minuten lang kein einziger Treffer

Mit vier Punkten Rückstand kommt die deutsche Mannschaft aus der Pause, obwohl sie schon vor der Halbzeit vor allem offensiv eine starke Leistung zeigt. Aber auf der anderen Seite steht eben der wohl dominanteste Spieler des Turniers: Giannis Antetokounmpo. 2,11 Meter groß, zweifacher MVP der NBA, und bei dieser EM bisher kaum aufzuhalten. 31 Punkte, 7 Rebounds und 8 Assists wird er am Ende aufgelegt haben, gegen die perfekten DBB-Minuten zum Start ins dritte Viertel aber ist er machtlos. Andi Obst trifft einen Dreier, Franz Wagner räumt Kostas Sloukas ab. Daniel Theis trifft für zwei, Joe Voigtmann blockt Giannis Antetokounmpo. Wagner trifft zwei Dreier, Voigtmann einen, Theis sammelt den offensiven Rebound ein und scort aus kurzer Distanz. Aus 57:61 wird 77:62. Griechenland nimmt während dieses 20:1-Laufs zwei Auszeiten, ohne ein einziges Mal aus dem Feld zu punkten.

Die 14.073 Fans in der ausverkauften Arena versetzt das in Ekstase - etwa die Hälfte davon vor Freude, weil sie es mit den Deutschen halten, die andere Hälfte vor Verzweiflung, weil die Griechen keinen Weg finden, den Lauf zu stoppen, der am Ende den Unterschied machen wird. Allein Antetokounmpo gelingt es, sich dagegenzustemmen, mit sieben Punkten verkürzt er zum Ende des dritten Abschnittes, ohne nachhaltig etwas am Verlauf dieses Alles-oder-Nichts-Spiels zu ändern. Fast acht Minuten lang treffen die Griechen nicht einen einzigen Feldwurf. Es hat etwas Surreales, so unbesiegbar scheint das DBB-Team in diesem Moment. Exemplarisch für das Kollektiv, das diesmal gewinnt, ist die letzte Sequenz in diesem Viertel.

Schröder geht ins Dribbling, bringt seinen Gegenspieler aus dem Gleichgewicht, von den Rängen schallt ein anerkennendes "Ohhh" durch die Halle. Der nachfolgende Wurf aber geht daneben, Niels Giffey erkämpft sich den Abpraller, spielt zu Maodo Lo. Der gebürtige Berliner nimmt ebenfalls den Dreier, ebenfalls erfolglos, der neuerliche Rebound landet bei Daniel Theis - der fast genau mit dem Buzzer keine Probleme hat, den Korbleger direkt am Ring zu vollenden. Allein die Vielzahl der Namen, die es braucht, um den deutschen Erfolg zu beschreiben, zeigt die Stärke dieses Teams: die Tiefe des Kaders, die eine Verteilung der Belastung in Angriff und Verteidigung bedeutet. Die Pausen ermöglicht, ohne dass das Kollektiv abfällt.

Thiemann ist an Antetokounmpos Disqualifikation entscheidend beteiligt

So wie es Nick Weiler-Babb tut, der nach seiner Schulterverletzung wieder fit genug ist, um zumindest zehn Minuten auf dem Feld zu stehen. Zehn Minuten, in denen auch er sich Szenenapplaus verdient, als er den griechischen Spielmacher Tyler Dorsey mit seiner aggressiven Defensive so entnervt, dass dieser den Ball verliert. Oder Johannes Thiemann, dessen statistische Werte selten erfassen, wie groß sein Anteil am Erfolg ist. Gegen Griechenland verteidigt er klug gegen Antetokounmpo, erzwingt insgesamt drei Ballverluste und sucht sich vorne seine Spots, um effizient zu Punkten zu kommen. Und er sorgt dafür, dass der Superstar der Gegner ebenfalls frühzeitig duschen gehen kann.

Im ersten Viertel klaut Thiemann dem "Greek Freak" den Ball, der sich daraufhin zu einem Foul hinreißen lässt, das die Schiedsrichter als unsportlich einstufen. Im Schlussviertel, beim Stand von 96:82 und noch knapp fünf Minuten auf der Uhr, ist es wieder das Duell Thiemann/Antetokounmpo, das folgenschwer für den Superstar endet. Denn Thiemann sichert sich den Rebound, während Antetokounmpo mit seinem Oberarm nur das Gesicht des Deutschen erwischt. Die Referees sehen sich die Szene noch einmal genug an: wieder Foul, wieder unsportlich. Die Regeln sind eindeutig: Disqualifikation.

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Andi Obst, mit fünf verwandelten Dreiern und insgesamt 19 Punkten diesmal der X-Faktor im DBB-Team, trifft die anschließenden Freiwürfe. 98:82. Ohne ihren Anführer fällt den Griechen kaum noch etwas ein, daran ändert auch der Schröder-Rauswurf wenig später nichts. Vielmehr wirkt es so, als hätte Gordon Herbert seiner Mannschaft ein unerschütterliches Vertrauen in die eigene Stärke gegeben. Eines, das vor allem Franz Wagner ausstrahlt, dessen Einsatz nach Knöchelproblemen erst 25 Minuten vor Tip-Off bestätigt wird und der mit seinen 21 Jahren aufspielt, als hätte er all das schon hundertmal erlebt. Im Schlussviertel sucht er an der Dreierlinie das Eins-gegen-Eins mit Antetokounmpo, einem der besten Defensivspieler des Planeten.

Wagner scheint das nicht zu beunruhigen. Mit schnellen Dribblings legt er sich den zweifachen MVP der NBA zurecht, täuscht den Zug zum Korb an, ehe er mit einem schnellen Schritt zurück hinter die Dreierlinie tritt. Ein Stepback, einer der schwersten Würfe überhaupt, gegen einen Ausnahme-Verteidiger. Dann rauscht der Ball durchs Netz, Wagner dreht jubelnd ab. So, als hätte er vom legendären Video gelernt, mit dem Rolando Blackman auch weit nach Ende seiner Basketballkarriere immer noch durchs Internet geistert. "Confidence, baby, confidence", ruft er darin während eines wichtigen Freiwurfs. "Trau es dir zu, Baby, trau es dir zu", heißt das frei übersetzt. Eine Haltung, die an diesem außergewöhnlichen Abend das gesamte Team ausstrahlt.

(Dieser Artikel wurde am Mittwoch, 14. September 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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