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Krimi, Urschrei, Verzweiflung Beim Comeback verliert Serena Williams dramatisch

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Serena Williams lieferte eine Show.

(Foto: picture alliance/dpa)

Was. Für. Ein. Krimi. Harmony Tan crasht die große Comeback-Party von Tennis-Legende Serena Williams. Die unbekannte 115. der Welt verzaubert die Fans im wohl verrücktesten Erstrunden-Match der Wimbledon-Historie mit absurden Wendungen.

Welch Spiel. Welch Nervenschlacht. Welch Comeback direkt aus dem Tollhaus. Harmony Tan, die 115. der Weltrangliste, ruiniert die große Rückkehr-Party der Tennis-Legende Serena Williams. Der 23-fachen Grand-Slam-Siegerin. Der Grand Dame von Wimbledon der Neuzeit, die das größte Turnier der Welt siebenmal gewinnen konnte, sich diese Auflage aber nach einjähriger Pause ganz anders vorgestellt hatte.

Ungläubig reißt die Französin die Arme in die Höhe, nachdem sie ihren zweiten Matchball im Spiel verwandelt. Ist ihr wirklich die Sensation gelungen und hat sie der US-Amerikanerin in einer Partie voller Dramatik, irren Wendungen und grandiosen Schlägen mit 7:5, 1:6, 7:6 (10:7) die Grenzen aufgezeigt? "Ich weiß nicht, was ich sagen soll, ich bin so aufgewühlt", stammelt die schüchterne 24-Jährige nach ihrem Sieg ins Mikrofon. "Als ich ein Kind war, habe ich Serena immer im Fernsehen gesehen. Sie hier in Wimbledon zu schlagen, ist einfach Wow."

Die Französin kommt aus dem Nichts

Harmony Tan, die Spielverderberin. Was wird nicht alles vor der ersten Einzel-Partie von Serena Williams nach einem Jahr Pause (Oberschenkelverletzung, mentale Probleme)geschrieben und berichtet. Die ganze Welt freut sich auf das Match, endlich ist die Ikone zurück auf dem Court, und dann auch noch auf dem Heiligen Rasen - mit einer Niederlage rechnet eigentlich niemand. Geht es doch gegen eine No-Name-Spielerin, die zum ersten Mal überhaupt in Wimbledon aufschlägt. Die in ihrer ganzen Karriere erst zwei Grand-Slam-Matches und auf WTA-Tour-Niveau erst ein einziges Drei-Satz-Spiel gewinnen konnte. Zum Vergleich: Williams entschied bisher 170 Drei-Sätzer für sich.

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Harmony Tan nach ihrem epischen Sieg im wildesten Erstrunden-Match aller Zeiten.

(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

"Ich habe mich heute wirklich überrascht", gibt nach dem Match selbst Tan zu. "Als ich die Auslosung sah, hab ich wirklich Angst bekommen, denn es ist Serena Williams. Sie ist eine Legende. Ich habe mir gedacht: 'Wenn ich überhaupt nur ein oder zwei Spiele gewinnen kann, dann wäre das wirklich gut für mich.'" Nun, gleich zu Beginn überrascht die Pariserin nicht nur alle Zuschauer, sondern auch Altmeisterin Williams. Es wird mucksmäuschenstill im Rund. Denn nervös tritt nicht etwa Tan auf, sondern die 40-jährige Tennis-Ikone. Die verhaut reihenweise Bälle.

Aber - und das wird eine wiederkehrende Erscheinung an diesem Abend - bald dreht sich der Wind. Williams zeigt mit kraftvollen und präzisen Schlägen, dass sie es noch immer draufhat. Tans zweite Aufschläge von unter 100 Kilometern pro Stunde retourniert sie der Französin oftmals krachend zum Winner um die Ohren. Fast alle rund um den Center Court sind zu diesem Zeitpunkt der Meinung, dass es von nun an nur noch in eine Richtung gehen kann. Die ehemalige Weltranglistenerste hat sich gefunden, geht mit einem Break in Führung und fängt an zu dominieren. Aber Tan kämpft sich zurück. Wie immer in diesem Match. Ihr gelingt das Re-Break und sie holt den ersten Satz. Das Publikum schaut völlig verdutzt drein.

Comeback im zweiten Satz

Anschließend dreht die US-Amerikanerin aber wieder auf, fightet sich durch den sich ewig dahinziehenden zweiten Satz. Fast 20 Minuten dauert ihr Break zum 2:0. Als Williams den Satz mit 6:1 gewinnt, toben die Londoner Zuschauer. Sie sind hier für ihre Tennis-Queen. Mehr und mehr gelingt es Tan aber, die Fans mit ihrem beherzten und kreativen Spiel für sich zu gewinnen. Immer wieder überrascht sie mit perfekt gespielten Stop-Schlägen und Lobs, die selbst Williams mehrfach beklatscht.

Im finalen Satz läuft die Partie weiter in Richtung Williams. Im genau richtigen Moment breakt sie Tan und führt mit 5:4. Doch wie so oft in diesem Match gibt die Führung der Altmeisterin keine Sicherheit. Und wie so oft kämpft sich die Pariserin irgendwie wieder zurück - keiner auf den Rängen des Center-Courts versteht genau wie. Tan holt das Re-Break und hat auf einmal auch das Momentun auf ihrer Seite. Aber natürlich wäre es viel zu einfach für dieses Match, würde Tan ein Matchball bei Aufschlag Williams beim Stand von 6:5 genügen.

Mit dem Herz eines Champions, einem kräftigen Vorhand-Volley und per Urschrei wehrt Williams den Matchball ab und rettet sich irgendwie in den Match-Tie-Break, der bis zehn Punkte gespielt wird. Wieder wechselt das Momentum. Schnell stellt sie auf 4:0, Tan zeigt Nerven. Jetzt muss es die Altmeisterin doch endlich nach Hause bringen, dieses wohl verrückteste Erstrunden-Match der Wimbledon-Historie. Die Zuschauer rasten aus.

Williams lässt Zukunft offen

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Auch die größte Freude war am Ende umsonst.

(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Aber nichts da. Williams ist körperlich am Ende. Williams pumpt. Drei Stunden sind zu diesem Zeitpunkt schon gespielt. Und an diesem Abend in London bedeutet eine Führung wenig. Die Französin setzt wieder auf ihre Stop-Bälle und kämpft sich tatsächlich abermals zurück. Auf einmal führt Tan mit 5:4. Die Fans kommen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Dann geht es wild hin und her, Williams feiert ihren Volley zum 6:5 gar mit einer Art Kung-Fu-Tritt. Doch auch dieser Vorsprung reicht der 23-fachen Grand-Slam-Siegerin nicht und Tan macht den Sack am Ende mit 10:7 zu.

Welch Spiel. Welch Nervenschlacht. Welch Comeback direkt aus dem Tollhaus. Die 115. der Welt crasht die große Serena-Williams-Rückkehr, indem sie sich im Spiel ihres Lebens sensationell aus den vermeintlich aussichtslosesten Spielsituationen herauskämpft und auch spielerisch mithält.

Die 40-jährige US-Amerikanerin hatte vor dem Turnier mitgeeilt, an ein Karriereende noch überhaupt keine Gedanken verschwendet zu haben. Ob und wie es für sie nach der bitteren Comeback-Pleite weitergeht, ist aber offen. "Ich weiß es nicht. Wer kann das schon wissen? Wer weiß, wo ich auftauche?", sagt sie. Harmony Tan dürfte derweil ihr Leben lang an diesen irren Krimi-Sieg freudig zurückdenken.

Quelle: ntv.de

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