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Schach-Showdown in New York "Bloß kein Armageddon!"

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Jeder Zug kann jetzt die Entscheidung bringen.

(Foto: AP)

Die Remis-Giganten Magnus Carlsen und Sergei Karjakin müssen den neuen Schach-Weltmeister in einem spektakulären Showdown ermitteln. Wer dabei am Abend nun die besseren Karten hat und was die Situation mit Mario Götzes goldenem Tor 2014 zu tun hat, erklärt Frank Neumann, Sprecher des Deutschen Schachbundes, im Gespräch mit n-tv.de.

n-tv.de: 30 Züge, Remis nach 35 Minuten - die letzte reguläre Turnierpartie bei der Schach-WM endete ungewöhnlich schnell. Waren Sie überrascht?

Der Modus im Tie-Break

Die Schach-WM geht in die Verlängerung. Wir erklären den Modus, der verkürzten Begegnungen. Die regulären Partien boten jedem Spieler drei Stunden Bedenkzeit:

  • Schnellschach: Die Entscheidung beginnt mit vier Partien mit einer Bedenkzeit von 25 Minuten. Alle Partien werden in jeden Fall gespielt. Es gewinnt, wer 2,5 Punkte hat (1 Punkt pro Sieg, je 0,5 pro Remis).
  • Blitzschach: Wenn es nach dem Schnellschach immer noch unentschieden steht, folgen zwei Partien mit einer Bedenkzeit von fünf Minuten. Falls es nach fünf solcher Serien immer noch keinen Weltmeister gibt, entscheidet eine Sudden-Death-Partie. 
  • Armageddon-Schach: Das Eröffnungsrecht wird ausgelost, wobei der Spieler mit den weißen Figuren fünf, sein Gegner vier Minuten Bedenkzeit hat. Bereits bei einem Remis ist der Spieler mit Schwarz Weltmeister.

Verfolgen können Sie den Showdown am Mittwoch ab 19.30 Uhr in unserem Liveticker.

Neumann: Sehr. Von Titelverteidiger Magnus Carlsen habe ich mehr erwartet, zumal er mit den weißen Figuren den Vorteil des Anziehenden hatte. Er hätte sein ganzes Repertoire des Angriffsschachs zeigen können. Ich habe ihm da wirklich mehr zugetraut. Auf der anderen Seite ist es ja so: Beide haben in den zwölf bisher gespielten regulären Turnierpartien mental Federn gelassen. Aus der Ferne betrachtet, würde ich sagen, dass die Angst davor, dass der Gegenüber noch ein Ass im Ärmel hat, die Partie geprägt hat.

War es aber nicht vielleicht auch Taktik von Carlsen, der auf seine Qualitäten in den nun kommenden schnellen Partien setzt?

Natürlich ist es so, dass Carlsen in allen Disziplinen des Schachs absolute Weltspitze ist. Aber bei der Blitzschach-WM im vergangenen Jahr in Berlin hat er auch durchblicken lassen, dass er in kürzeren Partien nicht immer sattelfest ist. Anders als bei Karjakin, den viele Experten vor der WM in den schnellen Disziplinen stärker eingeschätzt hatten als im regulären Turnierschach. Doch er hat bewiesen, dass er auch da voll mithalten kann. Und er hätte bei seiner einzigen Niederlage (Anmerk. d. Red: Beide Spieler gewannen je eine reguläre Partie, die anderen zehn endeten Remis, Gesamtstand 6:6) nicht verlieren müssen, wenn er das Dauerschach nicht übersehen hätte.

Was bedeutet das nun für die finale Auseinandersetzung?

Ich glaube nicht, dass Carlsens vermutete Stärke im Blitz- und Schnellschach den Ausschlag geben wird. Wie bereits gesagt, beide sind nicht mehr frisch, die Partien haben an ihnen geknabbert. Auf mich wirkt Karjakin etwas abgeklärter als Carlsen. Und es ist ganz sicher ein Vorteil, wenn du ruhig und nüchtern in die Partien gehst, um in der Hektik den Überblick zu behalten. Außerdem hat Carlsen als Titelverteidiger natürlich den etwas größeren Druck. Der übrigens auch von außen aufgebaut wird.

Wie meinen Sie das?

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Frank Neumann, Sprecher des Deutschen Schachbundes.

Nun, es gibt schon einen Psychokrieg. Zwar vielleicht weniger unter den beiden Spielern selbst, dafür aber von den Truppen hinter ihnen. Da wird über die sozialen Medien viel gestreut und der Druck aufgebaut, ob die Spieler nicht doch unsicher sind. Das ist zwar längst nicht mehr wie früher, es gibt auch keine Abhörwanzen am Tisch mehr, aber da auch Carlsen und Karjakin durch ihr junges Alter mit der digitalen Welt aufgewachsen sind, beschäftigen sie sich damit.

Was spricht dafür, dass Carlsen seinen Titel verteidigt?

Seine grundlegende Stabilität im Angriffsschach. Er ist vielleicht weltweit der Einzige, der mit einem Entwurf Schach spielt, der viel auf Intuition setzt. Er weicht gerne Mal von gängigen Varianten ab, wenn er das für richtig hält. Das unterscheidet ihn auch von den besten Computerprogrammen. Die laufen ja auch in New York parallel mit und sagen die nächsten Züge voraus. Wenn Carlsen dann aber abweicht, korrigiert sich auch oft der Computer und sagt: Das war der bessere Zug.

Und warum könnte Karjakin siegen?

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Abgeklärter Herausforderer: Sergei Karjakin.

(Foto: dpa)

Er ist der weltbeste Verteidiger. Das macht es für Carlsen ja auch so ungemein schwierig. Und es mal ganz platt zu sagen: Karjakin fängt eigentlich erst richtig an zu spielen, wenn die Situation für "normale" Schachspieler schon ausweglos erscheint. Er steht erst auf, wenn andere schon längst am Boden liegen. Er verfügt in der Verteidigung über eben solche Überraschungsmomente wie Carlsen in der Offensive, Karjakin hat immer eine Konterperspektive. Das macht dieses Duell so unglaublich spannend.

Was heißt das nun für die Duelle im Schnell-, Blitz- oder gar abschließend Armageddon-Schach?

Vergleichen wir die Situation mal mit einem Fußballspiel. Zum Beispiel dem WM-Finale von 2014. Da kommt dann in der 113. Minute die Flanke von links und Mario Götze haut den Ball rein. Es ist der berühmte Lucky Punch. Genau an dieser Stelle sind wir jetzt. Jeder Angriff kann entscheidend sein, jeder Bauernzug, jeder Läuferzug. Wenn beispielsweise Karjakin ein abgedecktes Feld vor sich übersieht, dann kann der WM-Titel weg sein. Aber das wünscht man sich eigentlich nicht. Aber bei der Stärke der beiden kommen wir nicht darum herum.

Warum sehen Sie die Entscheidung in den "schnellen Partien" so kritisch?

Ach, wir Schachpuristen sagen: Komm, spielen wir mit Bedenkzeit, mit Strategie, mit langfristigen Zügen. So wird ein WM-Titel vergeben. Wenn das aus Zeitnot geschieht, ist es doch kein so schöner Titel.

Das heißt also, sie wollen auf keinen Fall die Entscheidung im Armageddon-Schach?

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Angespannter Titelverteidiger: Magnus Carlsen.

(Foto: dpa)

Ich selbst habe nie eine Partie gespielt, aber es kribbelt dann natürlich, klar. Allerdings wird es auch sehr skurril. Denn Armageddon spielt mit Annahmen, die wir so im Schach nicht kennen. Wer zum Beispiel Schwarz, also den Nachteil zugerechnet bekommt, muss nur das Remis halten, um zu gewinnen. Das ist schon komisch, so werden ja die Regeln außer Kraft gesetzt. Außerdem kommt es in diesem Duell nicht mehr nur darauf an, Schach spielen zu können, sondern auch auf die eigene Fingerfertigkeit. Wie geschickt bin ich, die Figuren zu setzen? Da können Figuren auch mal kippen oder Bauern fliegen. Beim Armageddon ist Kommissar Zufall dabei. Oder um es nochmal mit dem Fußball auszudrücken: Jetzt sind wir in der 126. Minute, in der absoluten Nachspielzeit.

Klingt nach einem spektakulären Showdown. Aber was wünschen Sie sich?

Schachlich-fachlich setze ich auf die vier Schnellschachpartien. Beide können hier nochmal ihr ganzes Repertoire aufs Brett bringen. Da geht es zwar am Anfang auch zack, zack, aber dann gibt's noch ausreichend Zeit zum Überlegen. Als Öffentlichkeitsarbeiter sage ich aber: Umso spektakulärer, umso besser. Denn die mediale Aufmerksamkeit tut uns gut!

Warum löst dieses Finale eine solche Begeisterung aus? Es ist ja längst nicht mehr so, dass nur die Schachwelt sich für das Duell begeistert.

Zum einen sind wir in New York und haben zwei Spieler, die für die Medien gut darstellbar sind. Noch wichtiger ist aber das Internet. Ich kann das Spiel gleich aus mehreren Perspektiven über die Streams verfolgen. Und ich kann Schach über mehrere Apps auch immer und überall spielen. Das ist übrigens etwas, was Schach ganz besonders macht. Denn es bietet mir in der Zeit der totalen Digitalisierung die Möglichkeit, die Sehnsucht nach dem Nichtdigitalen zu befriedigen. Beim Schach kann ich der Hektik entfliehen und mich einfach dem Denken hingeben – anders als beispielweise bei Ballerspielen oder auch beim Poker.

Merken Sie in den Vereinen etwas von dem Hype?

Ja, absolut. Wir haben derzeit zwei Wellen. Die erste kam durch die Flüchtlinge. Denn gerade in Nordafrika und auch in Syrien wachsen viele Menschen mit Schach auf. Da hat das Spiel noch eine ganz andere Bedeutung. Und in der zweiten Welle kommen jetzt auch viele Eltern, die von ihren Kindern, die die WM verfolgen oder in der Schule Schach lernen, begeistert alte Kenntnisse wieder auffrischen oder das Spiel neu erlernen wollen. Das wir von der WM so profitieren, ist schon schön!

Und nun? Wer wird jetzt Weltmeister?

Karjakin!

Mit Frank Neumann sprach Tobias Nordmann

Quelle: n-tv.de

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