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"König F7 hätte er sehen müssen" Carlsen patzt und triumphiert spektakulär

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Anspannung.

(Foto: AP)

Im zweiten Spiel des Tie-Breaks kann Magnus Carlsen bereits die Titelverteidigung gegen Sergej Karjakin entscheidend vorbereiten, doch dem Schach-Weltmeister unterläuft ein krasser Fehler. Sein Comeback ist umso brillanter.

Frank Neumann sitzt am späten Mittwochabend in seinem Hotelzimmer in München und kann es nicht fassen. "König F7 haben wir alle gesehen." Alle, bis auf einen. Doch ausgerechnet der hätte diese Stellung am ehesten sehen sollen, vielleicht sogar müssen. Rund 6500 Kilometer westlich der bayrischen Landeshauptstadt, in New York, patzt der alte und wenig später - seit exakt 0.44 Uhr (Donnerstag) - neue Schachweltmeister Magnus Carlsen spektakulär. Der Norweger übersieht im zweiten Tie-Break-Spiel der Finalserie um die Schachkrone gegen seinen Herausforderer Sergej Karjakin eine eigentlich klare Mattstellung. Der Russe befreit sich über Bauer H5, die Partie endet Remis.

"Als ich das gesehen habe, bin ich fast vom Stuhl gefallen. Carlsen hatte nicht nur Material- sondern auch Zeitvorteil. Der hatte noch so viel auf der Uhr, der hätte sich ein Duplo essen und einen Wodka trinken können. Aber er übersieht die Stellung einfach", sagt Neumann, Sprecher des Deutschen Schachbundes. Für ihn ist klar: Jetzt packt's Karjakin. Mit diesem psychologischen Vorteil knackt er den Weltmeister. Mit dieser Meinung ist er weiß Gott nicht alleine.

Doch Carlsen schüttelt sich. Der Norweger, der an diesem Entscheidungstag der Weltmeisterschaft, gerade einmal 26 Jahre alt wird, nutzt die zehnminütige Pause zwischen den Schnellschach-Duellen zum Neustart. In der dritten von insgesamt vier Partien zeigt der Titelverteidiger sein ganzes, weltweit wohl einzigartiges Angriffs-Repertoire. Bei verkürzter Bedenkzeit gegenüber dem regulären Turnier spielt der "Mozart des Schachs" mit Schwarz seine überlegenen Improvisationsfähigkeiten aus.

Karjakin überrascht - und scheitert

Auf eine ungewöhnliche Eröffnung seines Gegenüber, der sich dadurch in eine sogenannte asymmetrische Stellung bringt, reagiert Carlsen eiskalt. "Karjakin hat mit Springer auf G5 einfach überzogen", analysiert Neumann. Offenbar etwas zu berauscht von seinem zuvor ein wenig glücklich, aber intelligent erspieltem Remis, weicht der Russe überraschend von seiner Linie ab. "Mit dem Zug hat er Carlsen angedeutet: Ich hau dich weg." Doch stattdessen spielt er dem Norweger damit in die Karten. "Er war ruckzuck vorne und hat das dann genial ausgespielt", sagt Neumann. Die Vorentscheidung im Titelkampf.

Denn in Partie vier geht Karjakin voll ins Risiko. Er muss gewinnen, um das Finale offen zu halten und sich in die möglichen Blitzpartien zu retten. "Nach Spiel drei war allerdings klar, was passiert", sagt Neumann und bedient sich einer Fußball-Metapher. "Das lief dann so, als ob du die Abwehr auflöst, mit alle Mann stürmst, der Gegner aber den Ball hat und ihn nur noch ins leere Tor schieben muss." Von einer leichtfertigen hergegebenen Partie will Neumann aber keineswegs sprechen. "Karjakin hat alles gegeben. Er war ein super Herausforderer. Das war Dramatik pur, ein grandioses Finale, fast wie von Hitchcock geschrieben. Darüber werden wir noch lange reden!"

Carlsen verteidigt seinen Titel also im finalen Showdown. Der Blitzschach-Weltmeister von 2015 setzt sich im Stechen mit 3:1 (Zwei Siege, zwei Remis) durch. Nach den zwölf regulären Partien hatte es 6:6 gestanden. 2013 hatte der Norweger durch einen Erfolg gegen den Inder Viswanathan Anand erstmals bei einer WM triumphiert und ein Jahr später seinen Titel gegen Anand erfolgreich verteidigt. "Ich bin superglücklich und erleichtert, wie das heute gelaufen ist, auch wie ich mit dem Druck umgegangen bin. Zum Schluss hat es mir auch Spaß gemacht und das ist ein wichtiger Punkt für die Leistung", sagte Carlsen: "Es war ein toller Fight. Ich habe während dieser WM gelernt, dass man geduldig sein muss. Weil es schwierig ist, gegen einen starken Gegner zu gewinnen."

"Das ist nicht sein Niveau"

In New York erlebte Carlsen, der das Schachspielen bereits mit fünf Jahren lernte, gewohnte Höhen, aber auch ungewohnte Tiefen. So beeindruckend er in Partie zehn den Gesamtstand ausgeglichen und so grandios er den russischen Verteidigungskünstler im entscheidenden Tie-Break besiegt hatte, so schlecht spielte er bei seiner Niederlage im achten Duell. Carlsen hatte sich verzockt und die Nerven verloren. Mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf war er daraufhin deutlich angefasst aus dem Saal geflüchtet. Das eigentlich übliche Interview nach der Partie schwänzte er ebenso, wie auch die anschließende Pressekonferenz. Reden wollte er nicht. Dafür saß der Frust über sein erschreckend schlechtes und überstürztes Spiel schlicht zu tief.

Viele Medien rechneten daraufhin knallhart mit dem 26-Jährigen ab. Die unerwartete Niederlage sei der negative Höhepunkt einer total verkorksten WM. Er spiele deutlich unter seinem Niveau und so schlecht wie lange nicht. So könne das im Vorfeld noch abwegige Szenario tatsächlich Realität werden: Dem einstigen Schach-Wunderkind Carlsen droht der Verlust seines WM-Titel.

Doch dann schlug das Wunderkind – sein Elo-Wert, der die Spielstärke beschreibt, ist der höchste, der je erreicht wurde – spektakulär zurück, zeigte was ihn so stark, so unberechenbar herausragend macht. Er griff mutig, aber überlegt an. Seinen Stellungen auf dem Brett, unlösbar selbst für einen Verteidigungskünstler wie Karjakin. Einmal in den langen Partien (Duell zehn) und gleich zweimal im Tie-Break. "Carlsen ist ein absolut verdienter Weltchampion", urteilt Neumann. Allerdings mit Luft nach oben. Denn: König F7 hätte er sehen müssen.

Quelle: n-tv.de

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