Grgic fordert "Respekt"DHB-Held ist sauer wegen "Bullshit"
Deutschlands Handballer stehen im EM-Halbfinale. Den großen Moment nach dem beeindruckenden Sieg über Frankreich nutzt Marko Grgic für ein Plädoyer.
Die deutsche Handball-Nationalmannschaft stürmt mit einem begeisternden 38:34-Sieg über Titelverteidiger Frankreich ins Halbfinale der EM. Der Jubel ist nach einer überzeugenden Vorstellung im "Do or die"-Spiel gegen die derzeit wohl zweitbeste Mannschaft der Welt im deutschen Lager groß, die mächtige Jyske Bank Boxen von Herning wird von schwarz-rot-goldener Euphorie geflutet. Doch Rückraumshooter Marko Grgic, mit vier Treffern aus fünf Versuchen mit einer starken Leistung, wollte den großen Moment für eine klare Botschaft nutzen.
"So einen Bullshit habe ich noch nie gehört, dass irgendwer geschont wurde", schimpfte der Flensburger Torjäger in der Mixed Zone. "Und ich finde das auch ein bisschen unfair den Spielern gegenüber, die dann gespielt haben. Das muss nicht sein", schob er gegenüber ntv/RTL nach. Grgic ärgerte sich über die Stimmen, die Alfred Gislason nach dem verlorenen Spiel gegen Dänemark (26:31) vorgeworfen hatten, mit überraschenden Personalentscheidungen den möglichen Erfolg gefährdet zu haben.
So setzte der Bundestrainer die beiden etatmäßigen Außen Lukas Mertens und Lukas Zerbe auf die Tribüne. Der Magdeburger Mertens hatte hinterher offen verkündet, gerne gespielt zu haben ("Das will ich ganz klar sagen."). Torwart-Gigant Andreas Wolff spielte nach seiner 22-Paraden-Show gegen Norwegen völlig überraschend nur rund zehn Minuten.
Verwunderte Weltmeister
Für Wolff war gegen Serien-Weltmeister Dänemark David Späth zwischen die Pfosten gerückt. Der U21-Weltmeister von 2023, der laut Wolff eines Tages "der beste Torwart der Welt sein wird", begann stark. Später aber konnte er seiner Mannschaft gegen die versammelte Weltklasse im dänischen Überteam nicht mehr helfen, kam am Ende auf neun Paraden und 26 Prozent gehaltener Bälle.
Nach dem Spiel war die Verwunderung bei Experten, Fans und Kommentatoren groß, warum Gislason auf Wolff verzichtete. "Mich hat das total überrascht. Wir haben uns vorher auch ein bisschen verdutzt angeguckt, warum ein Andi Wolff in dieser Form, mit diesem Willen, mit dieser Wichtigkeit auch in der Mannschaft jetzt beim allerwichtigsten Spiel in diesem Moment nicht anfängt", sagte 2007-Weltmeister Johannes Bitter im ARD-Podcast "Handball auf die 1": "Wenn ich Andi Wolff wäre, weiß ich nicht, ob ich so glücklich gewesen wäre." Er habe nicht das Gefühl, so der langjährige Nationaltorhüter mit "ein bisschen Stirnrunzeln", dass Wolff "dringend Pause braucht".
Handball-Ikone Stefan Kretzschmar attestierte Späth zwar ein gutes Spiel, sprach aber von einer diskutablen Signalwirkung. "Was kann das bedeuten als Zeichen für die Mannschaft? Wie nehme ich das als Mannschaft auf in einem der alles entscheidenden Spiele?", fragte der Olympia-Zweite von 2004. Schon vor dem Spiel gegen den Gastgeber hatte dem DHB-Team nur ein Punkt zum Einzug ins Halbfinale gefehlt. "Ich habe gedacht: Okay, schenken wir ab", sagte 2007er-Weltmeister Pascal Hens bei Dyn.
"Respekt, den er verdient"
"Ich muss ehrlich sagen: Was da gegen David alles gesagt wurde, das geht einfach nicht. Das hat mir wehgetan für ihn und auch er war sauer darüber", sagte Grgic nun. "David ist einer der besten Torhüter der stärksten Liga der Welt. Und ja, er darf auch den Respekt kriegen, den er verdient hat." An der außergewöhnlichen Qualität von David Späth hatte allerdings auch vor dem Plädoyer seines Mitspielers keiner der Experten und Kommentatoren einen Zweifel, der Respekt vor dem 23-Jährigen ist nicht nur im Trainerteam und unter seinen Mitspielern gewaltig.
Gegen Frankreich kam Späth für den diesmal glücklosen Wolff und zeigte, warum er so hoch geschätzt wird: Er hielt vier wichtige Bälle und verschaffte seinen Vorderleuten einen kräftigen emotionalen Push.
Gislason hatte den Wechsel zwischen den Pfosten nach dem Dänemark-Spiel mit Späths Stärken gegen Würfe aus dem Rückraum begründet. Gleichzeitig ließ der Bundestrainer allerdings auch durchblicken, dass er seinem 1A-Torwart gerne eine Verschnaufpause verschaffen wollte: "Eigentlich war die Empfehlung an mich, ihn letztes Spiel nicht spielen zu lassen. Aber da habe ich gesagt: 'Das kommt nicht infrage'. Und da hat er super gespielt", sagte Gislason. Man müsse "die Last auch auf die anderen verteilen. Wir vertrauen David sehr, und die sind super untereinander. Ich habe überhaupt keine Angst, dass er nicht die Leistung bringt, wenn die Abwehr so steht."
