Todesgruppe plötzlich Vorteil?DHB-Kapitän Golla hat Mitleid mit dem Gegner im EM-Halbfinale
Von Anja Rau
Sie hat sich das Halbfinale bei der Europameisterschaft verdient: Die deutsche Handball-Nationalmannschaft träumt weiter von einer Medaille. Auf dem Weg dorthin erkennt Kapitän Johannes Golla trotz Todesgruppe einen großen Vorteil.
Kurz freuen, dann wieder Ärmel hochkrempeln und aufs nächste Spiel vorbereiten: Der Kalender der Handball-Europameisterschaft zwingt die Teams in eine wahre Hatz. Auf den Gesichtern der deutschen Handballer liegt zwar nach dem überzeugenden 38:34-Sieg gegen Frankreich im Hauptrunden-Finale ein breites Strahlen. Doch auch die Müdigkeit ist ersichtlich.
So sagte der überragende Spieler, Juri Knorr, nach seinen zehn Treffern über die Schlussphase, in der er sich hatte auswechseln lassen: "Ich war stehend k.o., ich weiß nicht, warum meine Kondition so schlecht ist. Wenn ich auf der Platte geblieben wäre, hätten wir das Spiel niemals gewonnen." Es ist ein typischer Knorr, der sich bei allem Lob der Teamkollegen, des Trainers und der Medien und der eigenen Erleichterung, doch auch immer weiter mit Zweifeln herumträgt.
Dabei ist es wahrlich kein Wunder, dass die Kräfte nachlassen - bei allen. Sieben Partien hat das Team bis jetzt in den 13 Tagen seit Turnierstart absolviert. Nur einmal - zwischen Gruppenphase und Hauptrunde - lagen mehr als 48 Stunden zwischen zwei Spielen.
Spiel- und Reisestress für Kroatien
Und es geht so weiter. Am Freitag (17.45 Uhr/ARD, Dyn und im ntv.de-Liveticker) steht das Halbfinale an, am Sonntag folgen entweder das große Finale um Gold oder das Spiel um Platz drei. "Wir sind jetzt im Halbfinale, wollen uns darauf aber nicht ausruhen. Wir wollen den letzten Schritt ins Finale auch noch gehen", sagte Kapitän Johannes Golla.
Dafür muss ein Sieg gegen Kroatien her, der Vize-Weltmeister beendete die Hauptrundengruppe 2 als Erster und ist nun Gegner der Deutschen im Halbfinale. Und die Mannschaft von Ex-Bundestrainer Dagur Sigurdsson bekommt schon vorab Mitleid von Golla. Denn wenn der Turnierplan schon hart für das DHB-Team ist, kommt es für die Kroaten - und die ebenfalls in der Gruppe ins Halbfinale einziehenden Isländer - noch dicker.
Die Hauptrundengruppe 2 spielte nämlich im schwedischen Malmö und muss jetzt erst einmal ins dänische Handball-Mekka Herning reisen, wo die Finalspiele ausgetragen werden. Die Deutschen sind schon das gesamte Turnier dort beheimatet. Ja, Malmö ist nur eine kurze Fahrt mit der Fähre oder über die Brücke von Dänemark entfernt, nach Herning im Zentrum Jütlands dauert es aber dennoch etwa vier Stunden mit dem Auto.
Hinzu kommt, dass die Teams der Hauptrundengruppe 2 sich sogar innerhalb von 24 Stunden zweimal messen mussten. So spielte Kroatien am Dienstag ab 18 Uhr gegen Slowenien (29:25) und am Mittwoch ab 18 Uhr gegen Ungarn (27:25).
"Tun mir ein bisschen leid"
Und so stellt Golla im ZDF fest: "Wir sind natürlich jetzt glücklich, dass wir in dem Turnierbaum sind. Wenn wir heute verloren hätten, hätten wir sicherlich gesagt, wir wären lieber auf der anderen Seite gewesen. Es ist für uns sehr gut gelaufen, dass wir uns in dieser Todesgruppe durchgesetzt haben." Weil er mit Kroatien fühlt: "Die anderen Mannschaften haben schon meinen Respekt und tun mir auch ein bisschen leid. Die mussten gestern spielen, die müssen heute spielen und morgen reisen. Das ist ein hammerhartes Programm. Ich hoffe, dass alle Spieler fit bleiben und wir ein Spiel auf allerhöchstem Niveau erleben. Und das am Ende kein großes Thema wird."
Klar ist: Die Deutschen können das Spiel mit Selbstbewusstsein angehen. Unmittelbar vor der EM hatten die beiden Teams mit ihren jeweils isländischen Trainern gegeneinander getestet. Beide Partien hatte das DHB-Team gewonnen - erst 32:29 in Zagreb, dann 33:27 in Hannover. "Wir haben zwei absolute Härtetests mit Bravour bestanden", hatte Golla anschließend gesagt.
Allerdings gehörte auch zum Bild, dass die Deutschen in beiden Spielen den Start in die zweite Halbzeit verschliefen und sich erst nach und nach wieder aus dem Tief herauskämpfen konnten. Bei der EM wird eine solche Phase womöglich entscheidend bestraft. Jedoch spielt auch der Vize-Weltmeister, der sich im vergangenen Jahr nur dem Serien-Weltmeister aus Dänemark geschlagen geben musste, noch kein fehlerfreies Turnier. Der Einzug ins Halbfinale war bis zuletzt kein Selbstläufer, im entscheidenden Spiel gegen Ungarn ging Kroatien erst in der 46. Minute erstmals in Führung. Keiner der Spieler erzielte dabei mehr als vier Treffer.
Ausgerechnet Gold-Trainer ist jetzt Gegner
Bei den Deutschen dagegen brillierte gestern Knorr mit zehn Toren, gegen Dänemark zuvor erzielte Renars Uscins sechs Tore, gegen Norwegen war Marko Grgic mit sieben Toren der beste deutsche Werfer, gegen Portugal Miro Schluroff mit derselben Anzahl - und immer so weiter. Heißt: Bislang ist immer rechtzeitig ein Spieler explodiert und konnte das Spiel prägen.
Matchwinner Knorr sagte nach dem Sieg gegen Frankeich: "Wir freuen uns aufs Halbfinale." Es war fast etwas ungläubig: "Hätte mir das jemand vor zwei Tagen gesagt, hätte ich ihm den Vogel gezeigt. Und hätte uns das jemand vor anderthalb Wochen nach dem Serbien-Spiel gesagt, da hätten wir auch nicht dran geglaubt, und jetzt sind wir da und sind einfach glücklich darüber."
Das DHB-Team hat damit weiterhin die Chance auf den ersten Titel seit 2016. Vor genau zehn Jahren hatten die "Bad Boys" Gold bei der Europameisterschaft gewonnen. Ausgerechnet der damalige Dagur Sigurdsson könnte die Feierlaune nun mit Kroatien crashen. Aber soweit soll es nicht kommen.