Sport

Brand zum Gummersbacher Abstieg "Da fehlt künftig ein ganz großer Name"

imago37597041h.jpg

Heiner Brand ist das populärste Gesicht des traditionsreichen VfL Gummersbach.

(Foto: imago/Sven Simon)

Erstmals muss der VfL Gummersbach den Gang in die zweite Handball-Liga antreten. Klubikone Heiner Brand leidet mit. Im Gespräch mit n-tv.de erklärt der Ex-Bundestrainer den Niedergang des zwölfmaligen deutschen Meisters und welchen Weg dieser nun einschlagen sollte.

n-tv.de: Herr Brand, wie sehr trifft Sie als Gummersbacher Urgestein der Abstieg Ihres Klubs?

Heiner Brand: Das berührt mich wirklich sehr. Mich hat die Situation schon im Vorfeld belastet, als die Gefahr sich abzeichnete, dass der VfL absteigen könnte. Aber nun müssen wir die bittere Realität akzeptieren und begreifen, dass wir im Verlaufe dieser Saison nicht gut genug waren. 14 Punkte reichen dann für die Gummersbacher eben nicht aus, um weiterhin in der 1. Liga zu spielen. Das ist bitter für die Menschen in Gummersbach, für die Stadt, für die Region, aber auch für die Bundesliga insgesamt. Da fehlt künftig ein ganz großer Name.

Sie selbst waren in Düsseldorf beim Spiel des Bergischen HC gegen die SG Flensburg-Handewitt als TV-Experte vor Ort. Wie haben Sie dieses unfassbare Abstiegsdrama miterlebt?

*Datenschutz

Mein Mit-Kommentator Karsten Petrzika hat mir die Zwischenstände durchgesagt. Aber erst nachdem wir auch die Siegesfeier der Flensburger kommentiert hatten, und ich auf dem Weg hinunter zum Spielfeldrand war, kam die entscheidende Nachricht, dass Friesenheim mit einem Tor gewonnen hatte und der VfL damit abgestiegen war.

Ein Moment der Niedergeschlagenheit sicherlich.

Ganz ohne Frage. Ich habe bis zum Schluss gehofft, dass es reichen würde. Aber natürlich wusste ich um die Stärke der Eulen, die ich eineinhalb Wochen zuvor bei ihrem überraschenden, aber auch verdienten Auswärtssieg bei den Rhein-Neckar Löwen kommentiert habe. Danach musste man damit rechnen, dass die ihr letztes Saisonspiel gewinnen würden.

In Gummersbach herrscht nun Trauer.

Ich habe vor allem in der letzten Woche gespürt, wie viele Leute in der Stadt das Schicksal des VfL begleiten. Handball ist in Gummersbach schon seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein Stück Normalität. Der VfL hat sich ja schon früh - und auch vor den Zeiten der Bundesliga - auf deutscher Ebene in den Vordergrund gespielt. Und nun, in den letzten Tagen und Wochen, waren da unglaublich viele Leute, die mich auf Handball und den VfL angesprochen haben. Die Bundesliga hatte hier immer eine überregionale Bedeutung. Das zog die Leute an, weil es dazugehörte, zum Handball zu gehen. Und nun wird ein großes Stück Freizeitwert erst einmal fehlen.

Haben Sie schon mit alten Mitstreitern darüber sprechen können?

Bislang noch nicht, aber ich werde heute Abend mal bei Joe (Deckarm, Anm. d. Red.) vorbeischauen und mal hören, wie er das wahrgenommen hat.

Wo sind denn die Fehler gemacht worden?

Der Niedergang zieht sich zweifelsohne über viele Jahre hin. Das wohl größte Problem waren Altlasten aus der Vergangenheit und eine über viele Jahre viel zu teure Mannschaft. Solche Dinge haben immer wieder die aktuelle Arbeit belastet. Auch bei der Besetzung diverser Positionen im Verein hätte ich mir hier und da andere Entscheidungen gewünscht. Mir fehlte auch aufgrund einiger Trainerwechsel die Erziehung der Mannschaft zu einer Gewinnermentalität. Der VfL war in den zurückliegenden Jahren eine Durchschnittsmannschaft, selbst in einer Phase, als es mit Spielern wie Julius Kühn oder Simon Ernst ein wenig besser lief. Und wenn du das weißt, dann musst du dich darauf besinnen, was du kannst. Dann musst du eben über den Kampf und über eine mannschaftliche Geschlossenheit eine gute Deckung stellen und im Angriff die Fehlerquote möglichst gering halten. Aber zu viele Spieler haben sich zu viele Risikoanspiele oder undisziplinierte Würfe herausgenommen. Eine solche Mentalität hat mir in den vergangenen Jahren gefehlt.

In dieser Saison hatte der VfL aber auch Verletzungspech.

*Datenschutz

Der Ausfall von Drago Vukovic sehr früh in der Spielzeit hat der Mannschaft richtig weh getan. Der Kroate war als Führungsspieler vorgesehen und war so etwas wie ein Hoffnungsträger, bis seine Achillessehne riss. Das war nicht zu kompensieren.

Schade eigentlich, denn nach dem Neubau der Schwalbe Arena vor fünf Jahren wähnte man den VfL vor einer Renaissance.

Das war eine richtig gute Phase, als der VfL mit seinen Jungstars Kühn und Ernst aufspielte. Im Umfeld ist das damals noch kritisch aufgenommen worden, dass man versuchte, mit jungen Leuten Erfolg zu haben. Doch dann begann auch der Rest der Liga unserem Beispiel zu folgen und das zu tun, was ich über 15 Jahre gefordert hatte: junge Leute in die Verantwortung zu nehmen. Und nach und nach mussten wir unsere Jungs ziehen lassen. Heute ist es richtig schwer, an junge deutsche, talentierte Spieler heranzukommen. Aber das müsste nun der Weg des VfL in der zweiten Liga sein.

Aber macht Sie dieser Abstieg nicht auch wehmütig, wenn Sie an die großen Zeiten des VfL denken?

imago13222625h.jpg

Als Spieler wurde Heiner Brand sechs Mal Deutscher Meister mit dem VfL Gummersbach.

(Foto: imago sportfotodienst)

Nein, gar nicht. Ich sehe einfach nur, wie sich der VfL über die Jahre entwickelt hat, und wie es stets schwierig war, Gelder zu akquirieren. Schon in den überragenden 70er- und 80er- Jahren wären viele Erfolge ja gar nicht möglich gewesen ohne uns dumme Oberberger, die klein gehalten wurden. Es gab ja immer wieder Versuche, die wirtschaftliche Lage zu verbessern, als man zu Beginn der 2000er in die große Halle nach Köln umzog. Aber da waren die Kosten für die Heimspiele so hoch, dass das vom Zuschauerschnitt am Ende nicht reichte. Insofern ist die Schwalbe-Arena schon passend für den VfL.

Wie weit sind Sie beim VfL noch eingebunden?

Gar nicht mehr, nachdem sich der Beirat, in dem ich sportlicher Ratgeber war, im vergangenen Jahr aufgelöst hatte. Im sportlichen Bereich ist nur noch Christoph Schindler verantwortlich. Ich will das aber auch nicht mehr. In einem Beirat bin ich einer von vielen, und dann werden gemeinsame Entscheidungen getroffen, die ich mit meinem Selbstverständnis als Mannschaftsportler auch zu akzeptieren habe. Ich war es in meiner Karriere als Trainer gewohnt, selbst Entscheidungen zu treffen und diese später auch selbst zu verantworten. Das wäre für mich der einzige Weg, beim VfL zu helfen. Aber ich habe andererseits heute mit 66 Jahren keine Lust mehr, Verantwortung zu übernehmen. Das ist kein Thema mehr für mich.

Mit Heiner Brand sprach Arnulf Beckmann

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema