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Transsexuelle Frauen im Sport Darf sie das oder ist das unfair?

Caroline Layd spielte als Transfrau für den Rugby Club Sydney.

Caroline Layt spielte als Transfrau für den Rugby Club Sydney.

(Foto: Paul Seizer)

Sie hat 30 Jahre lang Rugby gespielt, zuletzt bei den Frauen - aber vorher bereits 20 Jahre bei den Männern. Caroline Layt ist eine Transfrau. Dass eine Frau wie sie auch in Zukunft im Frauenrugby antreten darf, will der Rugby-Weltverband jetzt verbieten.

"Bitte sage es niemandem, das ist vertraulich zwischen dir und mir." Was Caroline Layt ihrem damaligen Trainer erzählte, blieb nicht privat. Kurze Zeit später wusste es jeder. Layt ist in Sydney als Mann zur Welt gekommen und hat sogar schon gegen ihren Trainer gespielt. Als Frau war die Australierin 2005 eine der sechs besten Spielerinnen im Bundesstaat New South Wales. Doch was ihr Trainer ausplauderte, machte ihren Weg in die Nationalmannschaft unmöglich. Ein offizielles Verbot für Trans-Frauen gab es damals noch nicht, aber die Trainer mobbten sie: "Die australischen Trainer lachten mich aus an der Seitenlinie, während ich spielte, und das war ziemlich hart."

"Ich würde auf keinen Fall bei den Männern Rugby spielen", so Caroline Layd.

"Ich würde auf keinen Fall bei den Männern Rugby spielen", so Caroline Layt.

(Foto: Paul Seizer)

Layt war als Mann nicht nur als Rugbyspieler sehr erfolgreich, sondern auch als Sprinter. Sie lebte als Ehemann an der Seite von Sophie, bis sie sich vier Jahre später scheiden ließen. Kurz vor ihrem 30. Lebensjahr begann sie eine Hormontherapie und entschied sich zu einer Geschlechtsumwandlung. Die mittlerweile 54 Jahre alte Journalistin erinnert sich daran, wie ihr Körper sich durch das Anti-Androgen veränderte, wie ihr Körper quasi eine Scheinschwangerschaft durchmachte: "Beim Übergang von Mann zu Frau, habe ich damit begonnen Milch zu produzieren, aus meiner Brust kam Milch."

Das dritte Geschlecht

Das Geschlecht bedeutet in unserer Gesellschaft eine vermeintlich selbstverständliche Unterscheidung zwischen Männern und Frauen. Doch es gibt Menschen, die diesem Zwei-Geschlechter-System nicht entsprechen können oder wollen. Dazu zählen Transgender, Transsexuelle und Intersexuelle.

Ein Mensch ist intersexuell, wenn sein Geschlecht biologisch nicht eindeutig bestimmt werden kann, sondern eine Mischung aus männlich oder weiblich ist. Als Transgender bezeichnen sich Menschen, denen bei der Geburt das weibliche oder männliche Geschlecht zugeordnet wurde, sich aber weder als Frau noch als Mann fühlen. Sobald sich ein Mensch eindeutig mit dem Gegengeschlecht identifiziert, sich also ein Mann als Frau sieht oder andersherum, spricht man von Transsexualität.

In Deutschland wird versucht einen Platz für das dritte Geschlecht in der Gesellschaft zu schaffen. Seit 2019 kennt nun auch das Personenstandsrecht drei mögliche Geschlechtseinträge: 'männlich', 'weiblich' und 'divers'. Davon macht auch der Berliner Fußball-Verband gebraucht: Dort können sich Menschen mit dem Personenstandseintrag 'divers' aussuchen, bei welchem Geschlecht sie spielen wollen.

Doch das ist längst nicht überall der Fall, die geschlechtliche Vielfalt stellt den Sport vor große Herausforderungen. Wie geht man dort, wo eindeutig zwischen Frauen und Männern unterschieden wird, mit Transidentität und Intersexualität um?

Sport vor großen Herausforderungen

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) setzt sich seit Längerem mit dem Thema auseinander und hat es 2004 transsexuellen Athleten erlaubt, an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Transmänner können seitdem ohne Einschränkung an den Wettkämpfen der Männer teilnehmen. Transfrauen mussten jahrelang eine Geschlechtsangleichung vorweisen, um teilnehmen zu können. Erst seit 2015 ist der chirurgische Eingriff nicht mehr nötig. Doch der Testosteronwert muss mindestens ein Jahr lang vor dem ersten Wettkampf bei unter zehn Nanomol pro Liter liegen.

Die Leichtathletin Caster Semenya hielt sich an diesen Grenzwert und holte so mehrere Weltmeistertitel und zwei olympische Goldmedaillen im 800-Meter-Lauf. Semenya darf als Frau bei den Wettkämpfen antreten, doch man geht davon aus, dass auch sie eine Transgender-Athletin ist. Als der Leichtathletik-Weltverband den Grenzwert auf fünf Nanomol senkte, ging die Südafrikanerin gerichtlich dagegen vor. Mit ihrem Einspruch ist sie gescheitert.

Caroline Layts geschlechtsangleichende Operation ist bereits 20 Jahre her, der niedrige Testosteronwert von fünf Nanomol pro Liter ist mittlerweile ungesund für sie,"ich nehme jetzt wieder Testosteronpräparate." Andere Frauen haben so harte Trainingsprogramme, dass sie nicht schwanger werden können und ihre Periode nicht bekommen. Manchmal können Frauen auf natürliche Weise bis zu 14, 15 Nanomol Testosteron im Blut haben. Die Testosterongrenze für Frauen ist umstritten und ob das Hormon überhaupt der Grund für die Geschlechterunterschiede im Sport ist, weiß auch niemand mit Sicherheit.

Verbot für Transgender-Athletinnen

Während die einen fordern, dass Transfrauen ohne Einschränkung - also auch ohne Hormontherapie - am Sport teilnehmen dürfen, sind andere für einen generellen Ausschluss. Der Welt-Rugbyverband schlägt vor, Transfrauen komplett aus dem Spielbetrieb zunehmen. Rugby wäre damit die erste Sportart, die ein Verbot ausspricht.

Der Rugby-Verband bezieht sich dabei auf eine Studie, die von einem 20 bis 30 Prozent erhöhten Verletzungsrisiko ausgeht, wenn eine Rugbyspielerin von einer Transfrau getackelt wird. Genauso wie in der Diskussion um die Läuferin Semenya befürchtet man auch hier, dass Transfrauen einen erheblichen Vorteil gegenüber den anderen Spielerinnen haben. Sie seien schneller, größer und stärker.

Kirsti Miller ist Trans-Rugbyspielerin in Australien und sieht die Studie sehr kritisch: "Die Studie untersuchte über elf Monate acht transsexuelle Mädchen, die keine Athletinnen waren". Dabei wurde der Oberschenkelmuskel untersucht und einen fünfprozentigen Muskelabbau entdeckt. "Dass Testosteron aber für 250 weitere Funktionen im Körper verantwortlich ist, wurde nicht berücksichtigt", so Miller.

Layt und Miller - beide Frauen haben bereits als Mann Leistungssport betrieben. Kirsti Miller wurde Aquathlon-Weltmeisterin, einem Mehrkampf aus Schwimmen und Laufen. In 27 Jahren im Männersport hat sie sich keinen Knochen gebrochen, "aber in meinem ersten Sportjahr als transsexuelles Mädchen brach ich mir den Arm an drei Stellen bei einem Fußballspiel und meine Rippe beim AFL-Spiel". Caroline Layt spielte als Mann semiprofessionell Rugby, wurde als Frau viermal Meisterin mit ihrer Mannschaft in Sydney. Sie war eine sehr erfolgreiche Sprinterin und spielt heute auch noch Cricket. Sie hätte sich als Frau jedoch nicht vorstellen können, bei den Männern mitzumachen: "Ich konnte damals 115 Kilo Bankdrücken, nach meiner Umstellung waren es nur noch 70 Kilo".

Bei einer Arbeitstagung im November wird der Rugby-Weltverband darüber entscheiden, ob das Verbot für Transfrauen durchgesetzt wird. Der Deutsche Rugby-Verband hat sich nun mit einem Brief an den Welt-Rugbyverband gewandt und sich gegen einen Ausschluss ausgesprochen, genauso wie der kanadische Rugbyverband. Dass der Dachverband darüber diskutiert, ist für Layt eine positive Entwicklung: "Es zeigt eigentlich nur, wie weit wir als Transmenschen schon gekommen sind und das wir gesehen werden. Vor 10 oder 15 Jahren wurden wir noch gar nicht wahrgenommen, aber mit dem Outing von Caitlyn Jenner und anderen Schauspielern und berühmten Persönlichkeiten beginnt sich die Einstellung zu ändern."

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Quelle: ntv.de