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Corona-Alarm beim DHB Das große Zittern vor der Rückkehr der Helden

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Fabian Wiede soll, will und muss schneller im DHB-Trikot jubeln als er erhofft hatte.

(Foto: picture alliance / SvenSimon)

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft muss vor dem Vorrundenfinale bangen: Ein massiver Corona-Ausbruch hat das Team getroffen, sieben Spieler wurden inzwischen positiv getestet. Prominente Nationalspieler eilen zu Hilfe.

Es lief so gut bei der deutschen Handball-Nationalmannschaft. Die ersten beiden Vorrundenspiele gewinnt die unerfahrene Mannschaft bei der Europameisterschaft, mit Julius Kühn gibt es in den ersten Turniertagen nur einen Coronafall. Doch dann kommt es knüppeldick: Fünf Spieler werden auf einen Schlag positiv getestet, mit Kai Häfner, Timo Kastening und Torhüter Andreas Wolff fallen drei der wenigen Arrivierten aus, mit Lukas Mertens der zweitbeste Torschütze aus dem zweiten Vorrundenspiel. Alle fehlen mindestens im Vorrundenfinale gegen Polen (18 Uhr/ZDF und im Liveticker auf ntv.de) und beim ersten Hauptrundenspiel. Am Spieltag folgen dann Marcel Schiller und Torwart Till Klimpke als Coronfälle acht und neun. Nach fünf Tagen können sich Spieler freitesten. Auch Kühn fällt noch aus.

Der ehemalige DHB-Kapitän Uwe Gensheimer spricht von einem "Schock", dem "Worst-Case-Szenario. Es tut mir unheimlich leid für die Mannschaft und alle Betroffenen." Sportlich versucht der DHB den überraschenden Corona-Ausbruch spektakulär zu reparieren: Mit Fabian Wiede und Rune Dahmke machten sich zwei der Sensations-Europameister von 2016 auf den Weg, 2007er-Weltmeister Johannes Bitter wird mehr als 20 Jahre nach seinem ersten Länderspiel ein Comeback geben und Olympia-Medaillengewinner Paul Drux ließ sich ebenfalls nicht lange bitten, um der Mannschaft zu helfen. Obwohl der Berliner eigentlich pausieren wollte.

Das bange Warten auf die Testergebnisse

"Nach wie vor ist so ein bisschen die Sorge bei uns, dass wir nie so richtig da sind von Anfang an. Das muss ein bisschen besser werden", hatte Bundestrainer Alfred Gislason nach dem Spiel gegen Österreich gesagt. Nun geht es erstmal darum, wer überhaupt am Anfang da ist: Alle nachnominierten Spieler müssen bis zum Anpfiff einen negativen PCR-Test vorlegen. Erst am Montag hatte die DHB-Delegation angemahnt, die Labore in Bratislava müssten das Tempo erhöhen.

Der komplette deutsche Tross wird heute noch einmal getestet. Bis die Ergebnisse vorliegen, muss gezittert werden. Nicht ausgeschlossen, dass zu den bisherigen sieben positiven Tests noch weitere dazu kommen. Am Wochenende hatte der für Kühn nachnominierte Wagner noch gar keinen Kontakt mit der Mannschaft, da war die EM für ihn auch schon wieder beendet: Der Rückraumspieler wurde positiv getestet und befindet sich in Isolation.

Wie es zu dem Corona-Ausbruch kommen konnte? Rätselhaft. "Ich weiß gar nicht, wo das herkommt. Besser isoliert sein und aufpassen als wir geht ja kaum noch. Ich verstehe nicht, wie er sich anstecken konnte", sagte Bundestrainer Alfred Gislason mit Blick auf Julius Kühn. Dass die Situation etwas mit dem Team macht, ist unstrittig. Rückraumspieler Christoph Steinert sprach davon, dass so etwas "nicht aus dem Kopf zu kriegen" sei. "Die Einschläge kommen näher", meinte der Erlangener - wohlgemerkt vor der neuen großen Hiobsbotschaft. Die Einschläge kamen mit Macht und trafen die deutsche Mannschaft voll. DHB-Sportvorstand Axel Kromer versicherte dem Sport-Informationsdienst aber: "Wir haben mit den Spielern zwei Teams-Meetings anberaumt und sie darin ganz offen nach ihrer Meinung gefragt. Sie waren durchweg motiviert, hier weiterhin alles zu geben", berichtete Kromer.

Mit der Anreise des neuen Quintetts, vorausgesetzt, sie dürfen am Abend spielen, ändert sich auch ein bisschen die Geschichte der Mannschaft. Drux, Wiede und Dahmke spielen seit vielen Jahren auf höchstem internationalen Niveau, alle sammelten bereits europäische Titel mit der Nationalmannschaft oder ihren Klubs. Der 39-jährige Bitter war bereits bei seinem ersten Comeback zur EM 2020 als erfahrener Leitwolf für ein junges Team im Umbruch auserkoren worden. Zwar waren allesamt bei den jüngsten DHB-Maßnahmen in der Vorbereitung auf die EM nicht dabei, aber jeder der Rückkehrer spielte schon unter Gislason. Die Anforderungen und die taktischen Abläufe sind bekannt.

"Können gegen Polen erfolgreich sein"

Vielleicht wird jetzt wieder einmal die Geschichte von 2016 erzählt, als Durchhalteparole, vielleicht auch als wohliges Pfeifen im Walde oder als Mut spendende Erinnerung an den letzten großen "Jetzt erst recht"-Moment des deutschen Handballs. Damals hatte die DHB-Auswahl, von Absagen gebeutelt, sensationell den Titel geholt. Damals waren ausgerechnet Kühn und Häfner fürs Halbfinale nachgerückt und spielten sich vom Sofa sofort in den Mittelpunkt.

Nun sind es die beiden Melsunger, die kurzfristig ersetzt werden müssen. Bob Hanning, langjähriger Vizepräsident des DHB, kommentiert den Austausch von gleich fünf Spielern auf einen Schlag vergleichsweise gelassen: "Was das Thema Nachverpflichtungen angeht, sind wir in einer absoluten Luxussituation", sagt der Macher von Bundesligist Füchse Berlin gegenüber ntv.de. "Ich bin mir sicher, dass alle ihre Aufgaben so erfüllen werden, dass wir gegen Polen erfolgreich sein können."

Europameister Wiede wird schnell den Platz von Häfner als spielstarker und torgefährlicher Führungsspieler im rechten Rückraum einnehmen müssen, Drux kann sowohl Kühn im rechten Rückraum ersetzen, als auch auf der Mitte spielen. Beide Berliner hätten sich "sofort bereit erklärt zu helfen", als der Anruf aus Bratislava kam, sagt Hanning ntv.de. Wiede hatte dem Bundestrainer aus familiären Gründen abgesagt, inzwischen habe sich die Sache "ein Stückchen entspannt, sodass er guten Gewissens die Reise nach Bratislava antreten konnte". Drux wollte die EM eigentlich auslassen, um nach Monaten mit mehreren Operationen und hoher Belastung mit Verein und Nationalmannschaft, zu regenerieren. Aber auch er bringe die körperliche Verfassung mit, um dieses Turnier zu spielen, sagt Hanning, "wenn er dosiert eingesetzt wird".

"Do-or-die"-Spiel

Zeit zum Einspielen gibt es nicht. Zwar ist die deutsche Mannschaft wie Polen bereits für die Hauptrunde qualifiziert, im Vorrundenfinale geht es aber bereits um die ersten Punkte für die Hauptrunde. Dort wartet mit Spanien, Schweden, Norwegen und Russland das "Nonplusultra des Welthandballs" (Stefan Kretzschmar) auf das erneut durcheinandergewürfelte Team. Startet man mit null Punkten auf dem Konto in diese sportliche Elefantenrunde, geht es wohl tatsächlich nur noch um Erfahrungen für die Heim-EM 2024.

Hanning hat die Begegnung bereits zum "Do-or-die"-Spiel ausgerufen. Das deutsche Team habe bei der Handball-EM "nur dann eine echte Chance, wenn wir ohne Verlustpunkt in die Hauptrunde einziehen. Das war aber von Anfang an ja auch das Ziel des deutschen Teams", schrieb Hanning in seiner EM-Kolumne für den "Kicker". Mit einem Sieg im Rücken winkt zumindest die Chance auf ein Platzierungsspiel um Platz 5. Es wäre ein gutes Ergebnis. Ein noch größerer Erfolg wäre es allerdings, wenn am Ende alle Spieler gesund zu ihren Vereinen zurückkehren könnten. "Wenn einer von den Jungs gesundheitliche Schäden davontragen würde, wäre das der absolute Super-GAU", sagte der ehemalige Nationalspieler Christian Schwarzer "Spox".

Quelle: ntv.de

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