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Depressionen in der Glitzerwelt Das härteste Duell der Naomi Osaka

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Echte Freude? Echte Angst!

(Foto: AP)

Naomi Osaka ist eine der besten Tennisspielerinnen der Welt. Sie gilt als bestbezahlte Sportlerin überhaupt. Das alles hilft ihr gesundheitlich nicht. Von den French Open zieht sie sich zurück, macht ihre Depression öffentlich. Und könnte damit tatsächlich etwas bewegen.

Erstmal war da nur eine kleine Meldung: Naomi Osaka wird bei den French Open die Medien boykottieren. Am Ende ist es ein Riesenthema: Die je zweimalige US-Open- und Australian-Open-Gewinnerin zieht sich vom Turnier in Paris zurück. Der Tennis-Star macht seine Depression öffentlich. In schonungslosen Worten, die ihre Verletzlichkeit offenbaren, schreibt sie über ihr Innerstes bei Instagram.

Erst jetzt gibt es viel Verständnis, noch mehr Mitgefühl, Unterstützungsbekundungen und Sorge. Erst jetzt verstummt die harsche Kritik an der 23-Jährigen weitgehend: Wer viel Ruhm, Ehre und Geld möchte, kann doch nicht die Medien kritisieren, die sie groß gemacht haben. Medienarbeit gehört zum Job dazu, nicht nur das schöne Spiel. Da muss auch ein Superstar mit Millionenverträgen durch.

Und natürlich ist es in Teilen auch so. Journalist*innen gehören dazu, sie müssen Fragen stellen können, sind keine Freunde und Bittsteller der Athlet*innen. Es wäre zu kurz gedacht, auf die PR-Macht, die eigenen sozialen Netzwerke zu verweisen. Doch die Veranstalter*innen von Paris haben es sich trotzdem zu einfach gemacht. Osaka hatte vom Weltverband eine Strafe von 15.000 Dollar kassiert, weil sie sich der Pressekonferenz verweigerte, zu der sie vertraglich verpflichtet ist. Der Präsident des ausrichtenden französischen Tennisverbands, Gilles Morretton, sprach in "L'Équipe" von einem "gigantischen Fehler" Osakas. Sie verletze den Tennissport. Von etwaigen seelischen Verletzungen Osakas sagte er nichts.

Dabei hatte die Japanerin ihren Boykott begründet. Der Tennis-Star findet, es würden zu häufig Fragen gestellt, die bei den Athlet*innen Zweifel hervorrufen. Dies führe dazu, dass "Personen niedergemacht werden, und ich verstehe den Grund dahinter nicht", schrieb sie bei Instagram. Später entschuldigte sie sich gar für die Aufregung um ihre Person: "Mein Anliegen richtet sich gegen das System, das Athleten, die gerade mit ihrer mentalen Gesundheit zu kämpfen haben, verpflichtet, Medienanfragen nachzukommen."

"An langen Phasen der Depression gelitten"

Es reichte nicht. Auch dass die Spielervereinigung der Damentour WTA ein Statement über mentale Gesundheit veröffentlichte und Osaka ein Gespräch anbot, reichte nicht. Osaka fehlte bei der Medienrunde nach ihrem Erstrundensieg am Sonntag gegen die Rumänin Patricia Maria Tig (6:4, 7:6). Sie kassierte die Geldstrafe, sie nahm die Androhung einer Disqualifikation hin. Und kam dieser zuvor. "Das Beste für das Turnier, die anderen Spielerinnen und Spieler und meine eigene Verfassung ist, dass ich aus dem Turnier zurücktrete, damit sich alle wieder auf Tennis in Paris fokussieren können."

Ein Ansinnen, das freilich scheiterte. Weil Osaka auch schrieb: "Die Wahrheit ist, dass ich seit den US Open 2018 an langen Phasen der Depression gelitten habe und wirklich Schwierigkeiten hatte, damit zurechtzukommen. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich introvertiert bin; und jeder, der mich bei Turnieren gesehen hat, hat wahrscheinlich mitbekommen, dass ich Kopfhörer trage, die mir helfen, meine sozialen Ängste abzuschwächen."

Sie entschuldigte sich bei eventuell gekränkten Journalisten: "Aber ich bin kein geborener Redner, und ich spüre große Wellen von Angst, bevor ich zur Weltpresse spreche. Ich bin nervös und empfinde es als belastend, die bestmögliche Antwort zu geben." Sie habe sich "verletzlich und ängstlich" gefühlt. Deshalb war es einfacher und besser, sich die Pressetermine zu ersparen und stattdessen präventiv die "veralteten Regeln" zu kritisieren.

"Es war sehr mutig von ihr"

Tennis wird in Paris natürlich auch weiterhin gespielt, auch ohne die bestverdienende Sportlerin der Welt. Doch der Sport ist zur Nebensache geworden, Osakas Offenbarung ist das bestimmende Thema. "Ich hoffe wirklich, dass es ihr gut geht", sagte Martina Navratilova, 18-malige Grand-Slam-Siegerin: "Als Sportler wird uns beigebracht, auf unseren Körper zu achten, und vielleicht kommt der mentale Aspekt zu kurz." Osakas Rivalin Serena Williams wünschte, sie "in den Arm nehmen" zu können. "Denn ich weiß, wie es ist. Ich war auch in einer solchen Situation." Der Weltranglistenerste Novak Djokovic sagte: "Ich unterstütze sie. Es war sehr mutig von ihr, das zu tun. Dass sie eine so schwere Zeit durchlebt und psychisch leidet, tut mir sehr leid." Er ergänzte: "Wenn sie Zeit braucht, Dinge zu reflektieren und ihre Akkus wieder aufzuladen, dann habe ich großen Respekt davor. Ich hoffe, dass sie stärker zurückkommen wird."

Zurückkommen in eine womöglich leicht veränderte Tenniswelt. Was bei allem Kommerz, um den es im Hochleistungssport geht, schwierig klingt. Doch die vier Grand-Slam-Turniere haben "sinnvolle Verbesserungen" angekündigt. "Psychische Gesundheit ist ein sehr herausforderndes Thema, das unsere größte Aufmerksamkeit verdient." Man lobe Osaka dafür, "dass sie den Druck und die Ängste, die sie empfindet, in ihren eigenen Worten mitgeteilt hat. Wir haben Verständnis für den einzigartigen Druck, dem Tennisspieler ausgesetzt sein können."

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Es klingt schön. Zu schön, um wahr zu sein. Denn der Veranstalter hatte wahrlich unerbittlich gehandelt, den Druck auf Osaka trotz der Offenlegung ihrer Zweifel am System immer weiter erhöht. Es wirkte wie ein Machtkampf mit der Top-Athletin. Mit einer, die zwar hart und unerbittlich in ihrem Spiel ist. Die Abseits des Wettkampfes aber schüchtern und introvertiert ist. Das fällt auf in einer Welt, in der es immer Frau gegen Frau geht, immer ums Gewinnen geht, ausgetragen immer auf großer Bühne.

Die nutzte Osaka nach ihrem kometenhaften Aufstieg nicht so sehr für Eigenwerbung, sondern für Anliegen, die ihr wichtig sind. Bei den US Open 2020 trug sie wechselnde Mund-Nase-Masken mit Namen von Opfern von Polizeigewalt und Rassismus in den USA. Sie wurde zur Botschafterin der "Black Lives matter"-Bewegung. Mit Taten aufmerksam machen, nicht mit Worten, das ist Osakas Ding. Oder war es bisher. Denn nun könnten ihre Worte dazu beitragen, dass im Spitzensport mehr der Mensch im Mittelpunkt steht, nicht mehr so sehr die perfekte Werbefigur. Dafür braucht es Fingerspitzengefühl. Von allen Seiten.

Quelle: ntv.de

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