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Baylor, die Superstar-Blaupause Der Bürgerrechtsheld mit drei Händen

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Baylor (rechts) im Einsatz für die Los Angeles Lakers 1968.

(Foto: imago images/Icon SMI)

Ein unfassbares Leben: Der verstorbene Elgin Baylor war ein menschgewordenes Highlight der NBA: Sogar Michael Jordan und Kobe Bryant schauten ihm ihre Tricks ab. Und er war ein Vorreiter im Kampf gegen Rassismus. Auch hätte es ohne Baylor die Los Angeles Lakers nie gegeben.

Diskutieren Fans und Medien über den besten Basketballer aller Zeiten, fehlen bestimmte Namen nie. Da ist natürlich zuallererst der Größte von allen, Michael Jordan. Sein Erbe LeBron James wird manchmal schon fast in einem Atemzug genannt. Magic Johnson, Larry Bird, Kobe Bryant, Kareem Abdul-Jabbar, Bill Russell und Wilt Chamberlain sind meist auch auf der Liste. Elgin Baylor, der am Montag im Alter von 86 Jahren starb, dafür fast nie.

Wenn jedoch NBA-Legenden über die Größten ihrer Zunft sprechen, hört sich das anders an - und Baylor wird regelrecht mit Lobpreisungen überschüttet. Denn der Forward von den Los Angeles Lakers war in den 1960er Jahren eine dominierende Kraft auf dem Parkett. In einem umwerfenden Lauf von 1960 bis 1963 erzielte er durchschnittlich 35,3 Punkte und 17,3 Rebounds pro Spiel. Dann war da noch der 15. November 1960, als Baylor einen Liga-Rekord aufstellte mit 71 Punkten (plus 22 Rebounds) in einem einzigen Spiel. Der sollte anschließend nur von Chamberlain, Byant und David Thompson gebrochen werden. Unglaubliche Zahlen. Besonders, weil das Basketballspiel dieser Jahrzehnte für Center-Riesen wie Chamberlain und Russell gemacht war und nicht für einen nur 1,96 Meter großen Flügelspieler.

Aber Baylor war das egal. Er konnte passen wie Magic Johnson, mit dem Ball umgehen wie Stephen Curry und hatte die Körperstärke von LeBron James. Mit einem seidenweichen Sprungwurf und wunderschön flüssiger Athletik war er eine Art Vorgänger von Michael Jordan. Der Forward zeigte eine Kombination aus Physis und Anmut wie kein anderer Spieler vor ihm und kaum einer nach ihm. Baylor, das war ein menschgewordenes Highlight. Der erste Überflieger der NBA. Die erste Hang-Time-Maschine der Liga. Noch bevor Hang-Time oder spektakuläre Dunkings überhaupt Worte waren, die Einzug in die NBA hielten.

"Ich habe dir so viele Bewegungen geklaut"

Sein charakteristischer Stil, mühelos durch die Luft zum Korb zu gleiten, seine Gabe, Würfe und Täuschungen noch in seiner Sprungbewegung zu improvisieren und seine unheimliche Fähigkeit, für eine schier unbegrenzte Zeit in der Luft zu hängen - das sind die Gründe, warum Basketball-Legenden Baylor stets auf ihren Listen mit den Besten der Besten haben. Richie Guerin von den New York Knicks urteilte einmal: "Elgin Baylor hat entweder drei Hände oder zwei Basketbälle da draußen. Gegen ihn ist es, wie gegen eine Flut zu verteidigen." Baylor war ein Pionier. Er änderte die Richtung des Basketballs, das Spiel wurde damals vor allem horizontal gespielt und gedacht. Dann kam der Flügelspieler mit seinem bahnbrechenden Flugstil und erst ab diesem Moment wurde in der NBA wirklich vertikal.

Wenn Baylor nicht den Weg geebnet hätte, würde Basketball heute anders aussehen. Jahre später imitierten Michael Jordan, Julius Erving oder Kobe Bryant seine Künste und wurden mit ihren ähnlich akrobatischen Aktionen zu internationalen Helden. Baylor schuf die Blaupause für den modernen Superstar. "Ich habe dir so viele Bewegungen geklaut, dass es nicht mehr lustig ist", sagte Bryant einst zu Baylor. "Ich habe das alles von dir bekommen." Jede hochfliegende Highlight-Maschine der vergangenen 60 Jahre ist Baylors Weg gefolgt. Nur weiß das kaum jemand.

Obwohl der Flügelspieler jeden Abend akrobatische Kunststücke zeigte und immer wieder in Richtung Korb schwebte, sollen nur etwa zwei Prozent seiner vielen Punkte auf Video festgehalten worden sein. Wäre Elgin Baylor ein Vierteljahrhundert später geboren worden, wären seine atemberaubenden Bewegungen täglich im Fernsehen gelaufen (oder gar in den sozialen Medien verbreitet worden), sein Name hätte auf Turnschuhen geprangt und er wäre eines DER Gesichter der NBA geworden. Seine bisher unerreichten 61 Punkte in einem Spiel einer Finalserie wären um die Welt gegangen.

"Ein Typ von einem anderen Planeten"

Aber Baylor hatte Pech. Er spielte vor den Tagen der weit verbreiteten Fernsehpräsenz. Und in einer Epoche mit den dominanten Big Men Wilt Chamberlain (verwies Baylor im Rennen um den Scorer-Titel stets auf Platz zwei) und Bill Russell. Zwar war Baylor maßgeblich an den Erfolgen der Lakers beteiligt, die von 1959 bis 1970 acht NBA-Finals erreichten, aber in sieben dieser Finalspiele unterlag er gegen die Russell-Dynastie der Boston Celtics. Fast schon tragisch: Baylor - der im Verlauf seiner illustren Karriere, die einen Rookie of the Year Award und elf All-Star-Spiele beinhaltete, durchschnittlich 27,4 Punkte und 13,5 Rebounds erzielte - gewann nie einen NBA-Titel. Und als er in der Saison 1971/72 nach neun Spielen wegen einer Knieverletzung seine Karriere beendete, holten die Lakers am Ende der Saison die Meisterschaft.

Nichtsdestotrotz, seine Legenden-Kollegen wissen, dass sie sich bei ihm zu bedanken haben für seine Superstar-Blaupause. Baylor wurde 2018 die sechste Lakers-Legende neben Kareem Abdul-Jabbar, Magic Johnson, Chick Hearn, Jerry West und Shaquille O'Neal, die vor dem Staples Center mit einer Statue in Bronze verewigt wurde. Magic Johnson sagte damals: "Du hast Dinge mit dem Ball angestellt, die Dr. J [Julius Erving; d. Red.], Michael Jordan, Kobe Bryant und ich selbst nicht konnten." Er fügte mit einem Lachen hinzu: "Und ich habe es versucht, ich konnte nur einfach nicht so lange in der Luft hängen."

Dr. J urteilte: "Er war wie ein Typ von einem anderen Planeten". Charles Barkley hält Baylor sogar für den "am meisten unterschätzten Basketballspieler aller Zeiten". Und Jerry West, der Spieler, dessen Abbild das NBA-Logo ist, beschrieb seinen ehemaligen Mitspieler als einen der spektakulärsten Spieler, die der Basketball je hervorbrachte. "In meinen ersten Jahren in der Liga kümmerte er sich um mich wie ein Vater um einen Sohn", sagte West. "Wir haben die Freude am Sieg und die herzzerreißenden Verluste in den Finalserien geteilt. Er war sowohl auf als auch außerhalb des Courts ein Prinz. "

Die Rettung der Lakers

In der Saison 1961/62 erzielte Baylor durchschnittlich 38,3 Punkte pro Spiel, obwohl er nur am Wochenende spielte, weil er gleichzeitig Wehrdienst leisten musste. Aber Baylor war mehr als Zahlen und Rekorde. Kurzum: Die Los Angeles Lakers hätte es ohne ihn wahrscheinlich nie gegeben. Gedraftet wurde er 1958 nämlich nicht von den Los Angeles Lakers, die gab es damals noch überhaupt nicht. Die Minneapolis Lakers wählten Baylor an erster Stelle aus, er schlug direkt ein und führte den Verein in seinem ersten Jahr ins Finale. "Wenn er mich damals abgelehnt hätte, wäre der Klub bankrottgegangen", sagte der damalige Klub-Besitzer Bob Short 1971 gegenüber der LA Times.

So aber rette Baylor, auch mit den seinetwegen verkauften Tickets, die beinahe Pleite gegangenen Lakers, die in seiner dritten Saison zum ersten NBA-Team überhaupt wurden, das an die Westküste der USA zog. Der akrobatische Flügelspieler war maßgeblich daran beteiligt, dass die Lakers sich in der Sportkultur von Los Angeles etablieren konnten. Zu einer Zeit, als das neue Team kritisch beäugt oder kaum wahrgenommen wurde. Es war Baylor, der den Klub bei Westküstenfans beliebt machte. Magic Johson, Kobe Bryant und LeBron James hätten ohne ihn definitiv eine andere Karriere hingelegt.

Baylors vielleicht wichtigste Hinterlassenschaft war aber nicht sportlicher Natur. Denn die Lakers-Legende war nicht nur ein Pionier auf dem Parkett. Er war in der NBA er erste, der gegen systemischen Rassismus und damals herrschende Rassengesetze in den USA protestierte. Baylor, der 1934 in Washington DC geboren wurde, wo damals eine strikte Trennung von Schwarz und Weiß vorherrschte, vertrat jederzeit seine Meinung, dass der beste Weg zur Bekämpfung der Segregation darin bestehe, einen würdigen Standpunkt einzunehmen.

"Ich bin kein Tier, das in einen Käfig gesteckt wird"

Baylor boykottierte 1959 ein Auswärtsspiel mit den Lakers in den Südstaaten, weil ein Hotel ihm und seinen schwarzen Teamkollegen die Übernachtung verwehrte. Er sagte der Presse damals, wenn die Lakers ihn als Mann respektierten, hätten sie überhaupt keine Spiele im Süden gebucht. "Ich liebe Basketball. Ich spiele sehr gerne in der Liga", erklärte Baylor, "aber nicht auf Kosten meiner Würde". Einem Teamkollegen erklärte er: "Ich bin ein Mensch. Ich bin kein Tier, das in einen Käfig gesteckt und für die Show herausgelassen wird. Sie werden mich nicht wie ein Tier behandeln."

Baylors Protest-Aktionen wurden zu einem Wendepunkt für Sportleraktivismus während der Bürgerrechtsbewegung. Seine Haltung zwang die Besitzer der Liga zu Änderungen. Einen Monat nach seinem Boykott einigten sie sich darauf, dass NBA-Teams nicht in südlichen Städten spielen würden, wenn die Veranstalter nicht die gleichen Übernachtungsmöglichkeiten für alle Spieler organisierten. Dem Protest der NBA in der vergangenen Saison gegen rassistische Ungerechtigkeiten nach der Erschießung von Jacob Blake durch die Polizei wurde der Weg auch durch die Legende Elgin Baylor geebnet. Sein Einfluss auf und neben dem Parkett wird auch nach seinem Tod für immer weiterleben.

Quelle: ntv.de

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