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Bundestrainer fliegt doch Der DHB spielt falsch mit Prokop

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Was soll er machen, scheint sich Prokop zu fragen. Die DHB-Spitze ist offenbar unberechenbar.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Jetzt ist es also doch passiert: Der Deutsche Handball-Bund entlässt Bundestrainer Christian Prokop. Der Nachfolger steht auch schon fest: Alfred Gislason soll das DHB-Team zu den Olympischen Spielen führen. Das Spiel war falsch, das Ergebnis ist richtig.

Dem DHB ist nicht vorzuwerfen, dass er Christian Prokop beim ersten Gegenwind entlässt. 2017 war er für 500.000 Euro aus seinem Vertrag beim Handball-Bundesligsten SC DHfK Leipzig herausgekauft worden - mit vielen Vorschusslorbeeren. Doch die Kritik kam schnell, die Erfolge fehlten. Nach dem Debakel bei der EM 2018, die nicht nur mit dem zehnten Platz endete, sondern schlimmer noch mit einer offenen verbalen Saalschlacht zwischen dem Team und dem Trainer endete, hatten Fans, Experten, eigentlich alle mit einer schnellen Trennung von Prokop gerechnet. Führungsspieler wie Abwehrchef Hendrik Pekeler hatten sich gegen Prokop ausgesprochen, auch Patrick Wiencek und Uwe Gensheimer sollen nicht einverstanden gewesen sein mit ihrem jungen Trainer.

Immer aber durfte Prokop im Amt des Bundestrainers bleiben. Nun wird er elf Tage nach der Europameisterschaft doch rausgeschmissen. Nach einem fünften Platz. Direkt vor dem Qualifikationsturnier für die Olympischen Spiele. Das ist eine absolute Überraschung - und Enttäuschung.

Und zwar eine der negativen Art: Weil die Entscheidung sportlich nachvollziehbar ist, der Weg dorthin aber unwürdig. Schließlich hatte Vizepräsident Bob Hanning gegen die Kritik an Prokop gepoltert: "Die Trainer-Diskussion wurde nicht von uns, sondern medial aufgemacht." Die EM-Partie gegen Gastgeber Österreich wurde zwar als Schicksalsspiel für Prokop interpretiert, doch dieses gewann das DHB-Team absolut überzeugend - und mit riesigem Vorsprung. Torhüter Andreas Wolff hatte hinterher gesagt: "Wenn die Mannschaft mit zwölf Toren gewinnt, dann will sie den Trainer behalten."

"Mit Christian in Richtung Olympia"

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Gemeinsam sollte es Richtung Olympia gehen.

(Foto: imago images/Kessler-Sportfotografie)

Aus der maximalen Enttäuschung nach dem bitteren Ende der Medaillenträume gegen Kroatien erwuchs binnen Stunden die maximale Zustimmung für Prokop. Aus einer Europameisterschaft, die schwach begann, auf ihrem Höhepunkt eine dramatische Enttäuschung produzierte, und an einem Ziel endete, an das keiner wollte, ging der Bundestrainer gestärkt hervor.

Prokop ist dem Aus noch einmal entkommen, so lautete das EM-Fazit übereinstimmend. Obwohl die Mannschaft das angepeilte Ziel Halbfinale knapp verpasst hat. Das darf man trotz aller Begeisterung über die jüngeren Auftritte des Teams ruhig sagen. Dennoch hatte Sportvorstand Axel Kromer gesagt: "Ich möchte die Chance nutzen, um zu erklären, dass es intern nie eine Diskussion gab, ob Christian der richtige Trainer ist." Damit ihn auch niemand falsch verstehen kann, fügte er an: "Wir werden natürlich mit Christian in Richtung Olympia gehen. Wir sind überzeugt davon, mit Christian einen hervorragenden Weg eingeschlagen zu haben."

Gislason-Verpflichtung für "frische Energie"

Nur knapp zwei Wochen dauerte es nun bis zur Kehrtwende. Plötzlich heißt es von Seiten des DHB, dass man von Prokop nicht den nötigen Impuls für die kurzfristigen Ziele erwartet. Die Olympia-Qualifikation findet also mit dessen Nachfolger Alfred Gislason an der Seitenlinie statt. Ihm traut DHB-Präsident Andreas Michelmann zu, "frische Energie in die Nationalmannschaft" zu bringen.

Gislason ist unbestritten ein Fachmann, eine Top-Lösung. Der 60-Jährige steht für Emotionen, der Isländer ist ein Vulkan an der Seitenlinie. Im Gegensatz zu Prokop hat er bereits unzählige Titel gewonnen. Die Entscheidung ist sportlich ohne Zweifel nachvollziehbar, wahrscheinlich sogar richtig - die Art und Weise beschädigt den DHB dagegen mindestens kurzfristig schwer.

Quelle: ntv.de