Sport

Eine riesengroße Handball-Farce Deutschlands absurder EM-Kampf

Nur einen Tag nach der ziemlich deftigen Niederlage gegen Spanien muss die deutsche Handball-Nationalmannschaft die nächste Herausforderung bei dieser Chaos-Europameisterschaft meistern. Die Vorbereitung auf das Duell mit Norwegen ist allerdings alles andere als normal.

Eigentlich hätte sich in Bratislava niemand wundern müssen, denn mit spontanen Personalwechseln kennen sich Deutschlands beste Handballer seit ein paar EM-Tagen bestens aus. Ein massiver Corona-Ausbruch zwingt das Team beinahe täglich zu Veränderungen. Stammkräfte müssen in Isolation, Nachrücker ohne Training aufs Feld. Das ist alles reichlich absurd und hat schon mehrfach die Frage aufgeworfen: Macht das alles wirklich noch Sinn? Der Deutsche Handball-Bund (DHB) hat vorerst die Antwort gegeben und auf einen freiwilligen und vorzeitigen Rückzug verzichtet. Wohl auch, weil der Weltverband mit massiven Strafen droht.

Was also nun? Weitermachen und irgendwie versuchen, dieses Turnier zu einem guten Ende zu bringen. Wie sich das genau definiert? Unklar. Vermutlich geht es erst mal darum, möglichst Spieler ohne weitere Infektionen durch die Europameisterschaft zu bringen und zu hoffen, dass die Infizierten gut durch ihre Zeit der Quarantäne kommen (was für alle Nationen gilt, egal wie hart sie betroffen sind). Eine arg bizarre Ausprägung des kaum noch zu überblickenden Personalchaos in der Nationalmannschaft gab es am Donnerstagabend. Urplötzlich sprintete Christoph Steinert in die Halle und meldete sich gesund für das Duell mit Spanien, das nach einer starken ersten Halbzeit noch deutlich mit 23:29 verloren ging.

"In der Stunde vor dem Spiel hatte ich auf einmal alle Gefühle dieser Welt gleichzeitig", berichtete der erfahrene Rückraumspieler vom Bundesligisten HC Erlangen nach dem ersten Hauptrundenspiel in der ARD und sprach von einem "Riesenchaos". Der 32-Jährige gehörte zu jenen Spielern, die zuletzt positiv auf das Coronavirus getestet worden waren. Ein fehlerhaftes Ergebnis. "Ich habe einen Anruf bekommen, dass ich falsch positiv bin." Die drei Tests, die im Anschluss gemacht wurden, waren alle negativ.

Großteil der Ausrüstung nicht dabei

"Dann habe ich im Anschluss alles zusammengeklaubt, was ich in meinem Zimmer gefunden habe. Ich habe mir eine Hose übergezogen und bin losgesprintet", sagte Steinert. Einen Großteil seines Equipments habe er jedoch gar nicht dabei gehabt, weil er den Mannschaftsraum nicht betreten durfte. Steinert, der gegen Spanien ohne Torerfolg blieb, aber ein paar schöne Aktionen hatte, kam erst in der Halle an, als sich die deutsche Mannschaft bereits aufwärmte. "Das war schon ein bisschen verrückt", sagte sein Mannschaftskollege Julian Köster.

Die Geschichte des Spiels ist schnell erzählt: Gegen Titelverteidiger Spanien war das DHB-Team in Bratislava trotz eines 30 Minuten lang engagierten und mutigen Auftritts letztlich deutlich unterlegen. Eine Schwächephase mit aberwitzigen 15 Minuten (!) ohne Treffer war der Genickbruch. Ein 0:7-Lauf war vorentscheidend, beim Stand von 12:19 (39.) war die Partie dann im Prinzip schon gelaufen. "Wir haben heute eine Lehrstunde bekommen, vor allem in der zweiten Hälfte. Die Spanier haben uns extrem bestraft", urteilte Julian Köster. Auch das gegen Polen noch so überragend aufspielende Top-Talent hatte im Angriff viel Mühe und kaum starke Situationen. Spielmacher Philipp Weber gestand: "Das ist ein ordentlicher Dämpfer."

Zeit zum Hadern und Schimpfen bleibt allerdings nicht. Schon am Abend geht es gegen Norwegen um den Kieler Starspieler Sander Sagosen (ab 20.30 Uhr im ZDF und im Liveticker bei ntv.de), gegen eine nächste Topnation des Welthandballs. Trainer Alfred Gislason wird wieder mächtig improvisieren müssen, um seine Spieler auf diese Aufgabe einzustellen. "Wie sollen wir etwas vorbereiten? Der Trainer wird uns Videos schicken, die wird sich jeder angucken. Es klingt absurd, aber wir können nicht viel tun. Dennoch habe ich die Hoffnung, dass uns Norwegen mehr liegt als die Spanier und wir das Spiel gewinnen", so Torwart Johannes Bitter, der seinem Team kaum helfen konnte, gegen die Würfe des Gegners nur selten glänzen konnte. Auch ein Grund für die Klatsche.

Kaum Kontakt der Spieler untereinander

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Die Spieler werden nach den Partien wieder isoliert. Persönliche Begegnungen gibt es nur auf dem Weg zum Buffet. Gegessen wird wieder alleine auf den Zimmern, wie Rune Dahmke am berichtet. Um das Risiko maximal zu minimieren, tragen die Handballer während der Spiele Maske auf der Bank. Nach elf Corona-Ausfällen hatte der DHB-Tross die Sicherheitsvorkehrungen noch einmal hart verschärft. Das zeigt erste Erfolge: Am Donnerstag hatte es keinen neuen Fall beim Team gegeben. Und es besteht sogar die Hoffnung, dass Rückraumspieler Julius Kühn heute aus der Quarantäne zurückkehren und vielleicht wieder spielen kann.

Wäre das alles nicht absurd genug, bestärkt sich das Team im Chaos in ihren Ambitionen. "Es ist immer noch alles möglich", sagte der Bundestrainer nach der Spanien-Niederlage, der bislang einzigen im Turnier. Wenn der Medaillentraum weiterleben soll, muss dann die Fehlerquote vor allem im Angriff deutlich geringer werden. "Wir wissen genau, dass Norwegen mit einer guten Leistung machbar ist", sagte Torhüter Johannes Bitter, "heute war es eben nicht drin". Der 2007er-Weltmeister weiß: Die Chance auf das Halbfinale ist mit 2:2 Punkten weiter da...

Quelle: ntv.de, tno

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