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Miro Schluroff knallt in die EMDeutschlands liebenswürdigster Gewalttäter Sport

23.01.2026, 19:47 Uhr Bild-AnjaVon Anja Rau
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Und ab durch die Deckung: Miro Schluroff. (Foto: IMAGO/Eibner)

Nicht einmal zwölf Minuten Spielzeit hat Miro Schluroff in der EM-Partie gegen Portugal. Und doch avanciert der 25-Jährige zum Matchwinner der deutschen Handballer. Da kann sich nicht einmal mehr Bundestrainer Alfred Gislason mit ihm streiten.

Der Angriff ist eigentlich schon tot, die deutsche Mannschaft hat keinen Pass mehr übrig, die Portugiesen versperren Miro Schluroff in der 53. Spielminute der ersten Hauptrunden-Partie dieser Handball-Europameisterschaft mit allem, was sie haben, den Weg. Aber der deutsche Shooter denkt gar nicht ans Aufgeben. Täuscht an gegen den Block, dreht bei, prellt den Ball, macht sogar ein paar Schritte nach hinten, um dann mit voller Wucht weit aus der Entfernung den Ball an der Deckung vorbei im Tor zu versenken. Der portugiesische Torhüter Gustavo Capdeville ist bedient, seine Abwehr ebenfalls.

Sie waren gewarnt, aber machtlos. Es war nur einer von sieben Treffern von Schluroff an diesem Nachmittag, der 25-Jährige ist diesmal der beste Werfer des DHB-Teams - obwohl er erst in der zweiten Hälfte zum Einsatz kam und insgesamt nur elf Minuten und 56 Sekunden auf der Platte stand.

Wer Miro Schluroff ist, das fragt seit dieser EM niemand mehr. Er hat sich schon in die Rekordlisten eingetragen. Mit 134,1 Kilometern pro Stunde hat er in der Vorrunde den härtesten Wurf aller Spieler im Tor versenkt. Die Videos davon aus dem Niederlagen-Spiel gegen Serbien gehen um die Welt. Ein "Gewalttäter Sport" - aber im besten Sinne. Nicht wie die Personen, die in der mehr als umstrittenen Polizeidatei geführt werden. Sondern er nutzt seinen Armzug als Waffe. Auf die bemitleidenswerten Gegner gehen Gewaltwürfe nieder. Wenn sie einschlagen, richten sie Schaden an.

Der "Gummersbacher Zwilling"

Erst seit März 2025 ist Schluroff beim DHB-Team dabei, anfangs nannte ihn Bundestrainer Alfred Gislason den "Gummersbacher Zwilling" von Julian Köster. Jenem Rückraum- und Innenblockspieler, der einer der verheißungsvollsten Stars in Deutschlands allgemein überaus verheißungsvollem Kader ist, der schon in jungen Jahren so enorm auftrumpfte und als Teenie- und Schwiegermutterliebling gilt. Beide haben dunkle Haare, sind mit 1,98 Meter (Schluroff) bzw. glatten zwei Metern (Köster) fast gleich groß, haben eine schlaksige Statur, sind wurfgewaltig. "Es gab am Anfang ein, zwei Szenen, in denen er mich falsch angesprochen hat", erzählte Schluroff über den Bundestrainer.

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Die "Gummersbacher Zwillinge" - sogar in siamesischer Ausführung. (Foto: IMAGO/Kessler-Sportfotografie)

Doch längst hat er sich seine eigenen Meriten verdient. Er hat ein "Fass im Arm", sagt Co-Trainer Erik Wudtke. "Jeder weiß, was er für eine Wumme hat", sagt Torhüter David Späth. Nicht jedes Mal weiß er sie perfekt zu nutzen, kritisiert der Bundestrainer: "Meistens haben wir Stress miteinander, wenn er viel zu nah an den Kreis geht. Mit der Wurfkraft muss er nicht mal zur Neun-Meter-Linie gehen." Gegen Portugal aber klappt es formidabel: "Wir haben es gesehen: Bei seinen Würfen hat der Torwart nicht mal gesehen, wo die herkamen."

Schlurofff sagt dazu bescheiden: "Ich glaube, ich bin hier, weil ich ganz gut aus dem Rückraum werfen kann. Ich habe dann probiert, das zu erledigen." Der Bundestrainer lobt: "Er war eine riesige Hilfe für uns." Während offiziell in der Halle Torhüter Andreas Wolf - mit 13 Paraden hatte er ebenfalls großen Anteil am Sieg - zum Spieler des Spiels gekürt wurde, wurde vonseiten des DHB in den sozialen Medien Schluroff zum Spieler des Spiels ernannt.

Wolff lobte ihn ebenfalls: "Miro hat das gezeigt, wofür wir ihn brauchen: Er hat unseren fehleranfälligen Angriff belebt und die Würfe aus der zweiten Reihe verwandelt. Ich kann nur aus eigener Erfahrung sagen: Wenn er so trifft, hast du keine Chance." Wolff, der furchtlose Weltklassetorwart, adelte Schluroff zur Urgewalt, seine Würfe landen nicht einfach im Tor. Nein, der Ball wird "reingeschrotet".

Schluroff hätte auch für Österreich spielen können

Kein Wunder, dass der ehemalige österreichische Nationaltrainer und heutige Trainer des Bundesligisten SG Flensburg-Handewitt mal bei Schluroff durchgeklingelt hat: "Ich bekam vor ein paar Jahren einen Anruf von Ales Pajovic. 8.30 Uhr, ich habe gepennt, unbekannte Nummer. Ich musste erstmal klarkommen, Rollladen hoch. Dann ging es tatsächlich um das Thema, ob ich mir nicht vorstellen könnte, für Österreich zu spielen." Denn Schluroff wurde im österreichischen Bregenz geboren. Damals spielte sein Vater Lars Unger als Fußballprofi dort, wechselte später zu Werder Bremen. Schluroff wuchs im Norden auf, lernte beim ATSV Habenhausen das Handballspielen.

Seitdem sind einige Jahre vergangen, inzwischen bringt Schluroff Abwechslung in das deutsche Offensivspiel. Wurfgewaltig, mit enormer Sprungkraft ausgestattet, ist er ein anderer Spielertyp als etwa die so flinken, wuseligen Spielmacher Nils Lichtlein und Juri Knorr. Schluroffs Gefahr kommt aus der Ferne, wenn er einfach abzieht. Es bringt eine neue Komponente in den DHB-Angriff, wenn Knorr, Lichtlein und Co. sich in einer so körperlich stabilen Abwehr wie der der Portugiesen festrennen, kann Schluroff auftrumpfen.

Er ist flexibel, offiziell steht er für den Rückraum links im Kader, kann aber auch rechts übernehmen - und zudem nicht nur Angriff, sondern auch noch Abwehr spielen. Die Eierlegende Wollmilchsau für Gislason. Schluroff selbst gibt sich demütig, er sei einfach dankbar, eine Chance zu bekommen, ihm ist "egal, wo ich spiele".

Überhaupt das Spielen, das liegt ihm auch abseits des Feldes im Blut. Bei Brettspielen mit den Teamkollegen. Bei diesem Turnier liegt "Siedler von Catan" hoch im Kurs im Teamhotel von Silkeborg. Das Spiel des Jahres 1995 - da waren weder Schluroff noch die meisten seiner Mitspieler geboren. Als Kabinen-DJ. Als Gute-Laune-Onkel. "Er ist ein großer Entertainer und sorgt für eine tolle Atmosphäre", sagte Co-Trainer Wudtke schon vor dem Turnier. Das zeigt sich auch in den Social-Media-Videos seines Heimatklubs VfL Gummersbach, bei denen er die Fans launig mitnimmt in den Kraftraum oder in den Bus zur Auswärtsfahrt. Von Zurückhaltung keine Spur.

Schluroff sieht es auch als seine Verantwortung. "Es gehört zum Job dazu. Viele wollen, dass der Handball größer und cooler wird. Weg vom Altherren-Sport. Um diesen Switch zu machen, ist Social Media extrem wichtig. Den Lifestyle dahinter auch zeigen. Ich verstehe jeden, der sagt, das ist nicht sein Thema. Diejenigen dürfen sich aber auch nicht beschweren, wenn es nicht vorangeht mit dem Handball", sagte er der dpa.

Schluroff ist schon mal Europameister geworden

Wie es hinter den Kulissen eines Klubs läuft, weiß der U18-Beachhandball-Europameister von 2018 auch durch Berufserfahrung. Während seiner Zeit bei den Füchsen Berlin, wo er in der zweiten Mannschaft zum Einsatz kam, absolvierte er eine Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann. Er sei das "Mädchen für alles" von Geschäftsführer Bob Hanning gewesen, habe mancher gelästert, erzählte Schluroff mal und dass er da wirklich überall eingesprungen sei, wo Not am Mann sei, auch mal am DJ-Pult beim Bundesliga-Spiel.

Durchsetzen konnte sich Schluroff in Berlin nicht, wechselte zu GWD Minden und von dort nach Gummersbach, wo er zum gestandenen Bundesliga-Profi und schließlich Nationalspieler reifte. Es hat ein bisschen gedauert, aber nun geht es ganz schnell: Nationalspieler Miro Schluroff ist eine feste Größe. Der will natürlich auch in diesem Turnier so weit wie möglich kommen. Das Halbfinale hatte der DHB vorab als Ziel ausgerufen - der hammerharten Hauptrunden-Gruppe mit Weltmeister Dänemark, Titelverteidiger Frankreich, Spanien, Portugal und Norwegen zum Trotz.

Die Ausgangslage ist erfreulich. Deutschland hat als einziges Team der Gruppe A nach dem ersten Hauptrundenspieltag vier Punkte auf dem Konto und führt die Tabelle an. "Jetzt haben wir eine komfortablere Ausgangslage, aber man weiß noch gar nichts", sagt Schluroff allerdings berechtigterweise. Es ändert sich nichts mit Blick auf die anstehende Partie gegen Norwegen (Samstag, 20.30 Uhr/ZDF, Dyn und im ntv.de-Liveticker): "Wir wollen die nächsten zwei Punkte in dieser Hauptrundengruppe holen und den Weg weiter ebnen fürs Halbfinale." Gut möglich, dass Schluroffs Qualitäten wieder gefragt sind.

Quelle: ntv.de

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