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Doncic überflügelt Nowitzki Die beste schlechte Entscheidung überhaupt

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Nach seinem unfassbaren Wurf bricht es aus Doncic heraus.

(Foto: AP)

Eigentlich soll Luka Doncic gar nicht spielen. Der Superstar der Dallas Mavericks verletzt sich am Knöchel, läuft aber trotzdem in den NBA-Playoffs auf. Und zaubert eine historische Vorstellung aufs Parkett. Dabei waren die Zweifel am Erben von Dirk Nowitzki groß.

Für Dirk Nowitzki ist all das nichts Neues. "Luka spielt, als wäre er nicht von dieser Welt", sagte der ewige Superstar der Dallas Mavericks schon im Dezember über Luka Doncic. Der Aufbauspieler hatte damals gerade den Titelfavoriten Los Angeles Lakers um LeBron James mit einer Meisterleistung zerpflückt. Aber es war eben "nur" ein reguläres Saisonspiel in der NBA, nur das Vorprogramm für die beste Zeit des Basketball-Jahres: die Playoffs. Was vorher war, zählt dann nicht mehr. Große Leistungen in der regulären Saison sind ganz nett, aber zum Superstar wird nur, wer auch in den Playoffs abliefert.

Und dieser 21 Jahre alte Luka Doncic spielt auch in den Playoffs so, als wäre er nicht von dieser Welt. Nicht nur, weil er Statistiken auflegt, die eher nach Videospiel als nach echtem Leben klingen. 43 Punkte, 17 Rebounds, 13 Assists. Wer das in einem Videospiel bringt, sollte danach dringend den Schwierigkeitsgrad erhöhen. Doncic aber produziert solche Werte auf der größten Bühne, die sein Sport bietet, in der Erstrundenserie gegen die Los Angeles Clippers. Und nicht nur das.

"Wir wissen, dass dieser Junge eine Vorliebe fürs Drama hat", sagte Dallas-Coach Rick Carlisle im ESPN-Interview kurz nach dem vierten Spiel, das die Mavericks nach Verlängerung mit 135:133 (121:121, 58:66) gewonnen und so und die Best-of-Seven-Serie mit 2:2 Siegen ausgeglichen hatten. Aber nicht irgendwie, sondern dank Doncic, der 3,7 Sekunden vor Schluss bei einem Punkt Rückstand den Ball in den Händen hält. Wenn es eng wird, sind die Superstars gefragt. Alle wissen, dass Doncic den letzten Wurf für Dallas nehmen wird. So wie früher Nowitzki.

Vier Dribblings und "er braucht sowas nicht"

Doncic bekommt den Ball kurz hinter der Mittellinie, dribbelt einmal, zweimal, dreimal, viermal. Noch 1,5 Sekunden auf der Uhr. Doncic nimmt an der Dreierlinie den Ball auf, stößt sich vom rechten Bein nach hinten ab, ein Stepback-Dreier. Also ein Wurf nach einem Rückwärtsschritt, viel schwieriger geht es nicht. Aus mehr als achteinhalb Metern, deutlich hinter der 7,24 Meter vom Korb entfernten Dreierlinie. Mit ablaufender Uhr schlägt der Ball im Netz ein. Drei Punkte für Dallas, die Mavericks stürmen auf Doncic zu, die Clippers schleichen geschlagen in ihre Umkleide.

"Das war etwas Besonderes, eines der besten Gefühle, die ich je hatte", berichtete der Slowene anschließend in der Pressekonferenz. Und es war einer der beeindruckendsten Würfe dieser außergewöhnlichen NBA-Saison, die nach der Unterbrechung in Disney World in Orlando in der von der Außenwelt abgeschirmten "Bubble" zu Ende gespielt wird. Nicht allein, weil Dallas in der Serie eher als Außenseiter gilt gegen die favorisierten Clippers um den zweimaligen Finals-MVP Kawhi Leonard. Auch nicht nur deshalb, weil solche Würfe statistisch als eher schlechte Wahl gelten, da die Erfolgswahrscheinlichkeit so gering ist.

"Als der Wurf seine Hand verlassen hat, ganz ehrlich, da dachte ich, er hätte sich eine bessere Position erarbeiten können", erzählte Mavericks-Guard Trey Burke seine Sicht der Dinge: "Aber hey, er braucht sowas nicht." Stattdessen war es die Krönung eines Abends, an dem Doncic eigentlich überhaupt nicht auf dem Feld stehen sollte. Und im ersten Viertel war ihm auch noch anzusehen, dass er nur zwei Tage zuvor bei der Niederlage in Spiel drei so schwer umgeknickt war, dass er seinen linken Fuß kaum noch belasten konnte.

Mit 14 bei den Profis

Im ersten Viertel humpelte der 21-Jährige zurück in die Defensive, viel mehr war aber nicht davon zu sehen, dass der Slowene angeschlagen war. Stattdessen legte er sein (vorläufiges) Meisterstück ab, auch wenn zur tatsächlichen Meisterschaft noch insgesamt zwei Siege in der ersten Playoffrunde und zwölf weitere in den drei folgenden Runden fehlen. Vor allem bewies Doncic es einmal mehr denjenigen, die nur deshalb an ihm zweifelten, weil er aus Europa in die NBA kam und nicht aus dem US-amerikanischen College-System.

Zwar hatte Doncic für Real Madrid schon als 16-Jähriger sein Profidebüt gegeben, hatte mit 18 gemeinsam mit Goran Dragic die slowenische Nationalmannschaft zum sensationellen Europameister-Titel geführt und war mit 19 als wertvollster Spieler des höchsten europäischen Vereins-Wettbewerbs Euroleague ausgezeichnet worden. Aber trotzdem fragten sich nicht wenige NBA-Funktionäre ernsthaft, ob Doncic überhaupt auf dem College-Level herausgestochen hätte.

Ob der Doncic, der allwöchentlich gestandene Stars an die Wand spielte, auch gegen Studenten bestehen würde, von denen nur die wenigsten bis zum Ende ihrer Karriere jemals das Level erreichen würden, das Doncic schon vor seiner Volljährigkeit hatte. Von denen eine nicht geringe Anzahl nicht einmal den Sprung zu den Profis schafft, bei denen Doncic in Madrid schon als 14-Jähriger mittrainierte. Wie einst bei Dirk Nowitzki wunderten sich (offensichtlich unkundige) Beobachter, warum ein europäischer Teenager so viel Interesse der besten Liga der Welt auf sich zog.

"Wenn du Luka in Europa gesehen hast ..."

Nun, diese Frage beantwortete Doncic von seinem ersten NBA-Spiel an wieder und wieder, indem er in so gut wie jedem Spiel klarmachte, das große Erbe Dirk Nowitzkis bei den Dallas Mavericks antreten zu wollen - und zu können. Oder wie es Jerry West, dessen Silhouette das Logo der Liga ziert, den Dallas Morning News sagte: "Er wird einmal der beste Spieler, den die Mavs jemals hatten. Ich habe großen Respekt vor Dirk Nowitzki, aber Dirk ist einfach kein Doncic." Am Ende der ersten Saison war dieser Doncic Rookie des Jahres, in seiner zweiten Saison steht er erstmals in den Playoffs und produziert dort ein Highlight nach dem anderen.

Das vielleicht eindeutigste Indiz, dass der Aufbauspieler der wohl beste junge Basketballer dieses Planeten ist, lieferten die, die dies am besten einschätzen können: seine Gegenspieler. LeBron James feierte den unfassbaren Doncic-Buzzerbeater auf Twitter, der zweifache MVP Steph Curry bezeichnete den Wurf im positivsten und anerkennenden Sinne als "lächerlich". Damian Lillard, MVP des Bubble-Turniers in Orlando, nannte Doncic "einen herausragenden Spieler, der herausragende Dinge tut". Da verkommt es fast zur Nebensache, dass dieser Doncic nach seinem Buzzerbeater nun der jüngste NBA-Profi ist, der ein Playoff-Spiel mit dem letzten Wurf für sein Team entschieden hat.

Dirk Nowitzki dürfte das sehr genau beobachtet haben, meldete sich allerdings über die sozialen Medien nicht zu Wort, er hatte seine Einschätzung ja ohnehin längst abgegeben. Sie dürfte ähnlich klingen wie die von Will Cummings, in der Saison 2018/19 im Trikot der EWE Baskets Oldenburg als wertvollster Spieler der deutschen Bundesliga ausgezeichnet: "Das Verrückte ist - wenn du Luka [in Europa] spielen gesehen hast, erwartest du nichts anderes."

Quelle: ntv.de