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Nadals unfassbarer Triumph Eine letzte bittere Pointe für Djokovic

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Im direkten Duell zwischen Djokovic und Nadal führt der Serbe mit 30:28 Siegen.

(Foto: imago images/Xinhua)

Die Australian Open beginnen ohne Novak Djokovic, am Ende ist der Serbe trotzdem ein großer Verlierer beim ersten Grand Slam des Tennis-Jahres. Dass ausgerechnet der große Rivale Rafael Nadal gewinnt, ist für den Weltranglisten-Ersten eine schwere Niederlage.

Als Rafael Nadal tief in der australischen Nacht seinen Matchball verwandelte und sich zum König der Australian Open machte, war da Ungläubigkeit. Der Champion schlug die Hände vors Gesicht und fing an zu lachen. Dann erst jubelte er. Aus seinem Gegner Daniil Medwedew brach nicht einmal mehr die Enttäuschung über ein verlorenes Spiel heraus. Auch die Wut, mit der Medwedew sich durch den vierten Satz kämpfte, war weg. Der Anerkennung gewichen. Medwedew gratulierte Nadal ohne Vorbehalt. Trotz einer bitteren Niederlage. Der Russe und der Spanier schenkten der Tenniswelt eines der denkwürdigsten Matches in der langen Historie des Sports. Mehr als fünf Stunden lieferten sich beide ein Finale auf unglaublichem physischen Niveau, droschen sich Ball um Ball hin und her.

Ein Abnutzungskampf für die Ewigkeit, der als Duell zwischen Geschichte und Zukunft startete, ausgetragen im Jetzt. Auf der einen Seite der 35 Jahre alte Nadal, auf der anderen der 23-jährige Medwedew. 20 Grand-Slam-Siege gegen einen. Als Medwedew, der bald die Nummer 1 der Tenniswelt sein wird, den zweiten Satz trotz 1:4-Rückstands gewann, schien die Vergangenheit besiegt. Doch Nadal, der große Kämpfer, der zuletzt vor allem mit seinem über die Jahre perfektionierten Körper gekämpft hatte, arbeitete sich Ball für Ball, Schlag für Schlag zurück. Und triumphierte.

Es ist eine große Geschichte. Eine Heldengeschichte, wie sie der Sport nicht allzu oft schreibt. 2:6, 6:7, 6:4, 6:4, 7:5 gewann Nadal und holte sich seinen 21. Grand-Slam-Titel. Damit ließ er Roger Federer und Novak Djokovic hinter sich, die beide 20-mal eines der vier Major-Turniere gewinnen konnten. Der Spanier hat damit im Rennen der Allergrößten die Nase vorn.

Alles wurde viel, viel schlimmer

Es ist angesichts des großen Spiels unfair, aber es ist auch unmöglich, es nicht zu tun: Die Geschichte des Australian-Open-Endspiels ist auch die Geschichte von Novak Djokovic. Und die Geschichte hielt für den Weltranglisten-Ersten eine ganz bittere Pointe parat: Ausgerechnet Rafael Nadal gewann die epische Schlacht. Auf der Bühne, die Djokovic eigentlich für sich reserviert sah, auf die er unbedingt und gegen alle bürokratischen und pandemischen Widerstände strebte.

So vehement, dass er seine große Karriere nachhaltig beschädigte, auch wenn auch andere in der skandalösen Affäre um annullierte Visa, umstrittene Testergebnisse und bilaterale Verwerfungen Schuld auf sich geladen haben. Hätte Medwedew seine Zweisatz-Führung gegen einen immer müder werdenden Nadal ins Ziel gebracht, hätte der Russe Djokovic an der Spitze der Weltrangliste sofort abgelöst. Nun dauert es einige Tage länger. Durch das große Comeback von Nadal wurde alles viel, viel schlimmer.

"Djokovics Besessenheit ist es, seinen 21. Grand Slam zu gewinnen, um Roger Federer und Rafael Nadal zu überholen. Sein Ziel ist es nicht, Medwedew oder Zverev zu schlagen", unterstellte die Tennisjournalistin und Djokovic-Biografien Carole Bouchard im vergangenen Dezember. Djokovic ist tatsächlich besessen von Zahlen, von Rekorden. Daraus macht der Serbe keinen Hehl. Als eines von zwei Karrierezielen hatte er einst ganz offiziell ausgegeben, die meisten Wochen als Nummer eins der Weltrangliste zu sammeln. "Wenn ich ersteres erreicht habe, was ich im kommenden Jahr erhoffe", sagte Djokovic 2020, "wird mein Fokus noch mehr auf die Grand-Slam-Turniere ausgerichtet sein, was den Ansatz, meine Energie und den Zeitplan angeht."

Er selbst habe aber "nicht das Gefühl, dass ich von irgendetwas im Leben besessen bin. Was ich fühle, ist Leidenschaft. Ich strebe danach, meine Ziele zu erreichen und ich hatte noch nie ein Problem damit, das zu verbalisieren", erzählte Djokovic 2021. Er erklärte, dass es ihm noch nie schwergefallen sei, offen über seine Ziele und geplanten Rekorde zu sprechen: "Ich wollte die Nummer eins sein und Slams gewinnen. Natürlich wachsen diese Ziele - wenn man eines erfüllt, taucht ein anderes auf."

"Sicher, dass Novak zuschauen wird"

Ab Anfang 2021 stand er mehr Wochen an der Spitze der Weltrangliste als der bisherige Rekordhalter Roger Federer, das Jahr schloss er zum siebten Mal als Nummer eins der Tenniswelt ab - und kassierte so den Rekord von Pete Sampras. "Ich glaube, was Novak über die vergangenen zehn Jahre geleistet hat, die Major-Siege, sehr konstant zu sein und siebenmal das Jahr als Nummer 1 zu beenden. Das ist für mich ein klares Zeichen, dass er der Größte aller Zeiten ist", schwärmte der amerikanische Tennislegende.

Die 21 war also fortan die Zahl, der er hinterherjagte. Mit dem 21. Grand-Slam-Titel hätte er die großen Rivalen Rafael Nadal und Roger Federer hinter sich gelassen und sich auch in dieser Statistik zum Größten aller Zeiten gemacht. Mit Nadals wundersamen Comeback ist aus der 21 eine 22 geworden. Und Grand-Slam-Titel sind auch für Djokovic harte Arbeit, selbst wenn der Serbe sportlich weiterhin nahezu unantastbar ist. 27 von 28 Grand-Slam-Matches gewann er im vergangenen Jahr, nur im Finale der US Open verlor er gegen Daniil Medwedew und verpasste da erstmals die 21 - und den ebenfalls historischen Grand-Slam-Triumph.

"Ich bin sicher, dass Novak zuschauen wird", hatte Medwedew nach seinem Halbfinalsieg gegen den Griechen Stefanos Tsitsipas lächelnd gesagt. Wahrscheinlich hatte er damit recht. Und ganz sicher erkennt Djokovic die große Leistung Nadals an, vielleicht hat das Match den zum Zuschauen verdammten Titelverteidiger sogar begeistert. "Ich respektiere Rafa, wahrscheinlich mehr als jeden anderen Spieler auf der Welt. Er ist der größte Rivale, den ich in meinem Leben hatte", hatte der Serbe im vergangenen Jahr in Richtung des Spaniers gesagt. Djokovic ist kompliziert, aber er ist auch ein großer Sportsmann. Fair und respektvoll gegenüber der Konkurrenz, auch wenn er sportlich unersättlich ist. In seinem ersten Social-Media-Beitrag seit seinem Rausschmiss aus Australien, schrieb Djokovic unmittelbar nach dem Endspiel: "Glückwunsch an Rafael Nadal zum 21. Grand Slam. Erstaunliche Leistung. Immer wieder beeindruckender Kampfgeist, der ein weiteres Mal gesiegt hat!"

"Ich weiß, worum es für Rafa geht"

"Ich bin glücklich, dass ich die Chance habe, wieder jemanden aufzuhalten, Geschichte zu schreiben", hatte Medwedew noch eine Kampfansage gen Nadal nachgeschoben - und schränkte ein: "Ich weiß, was passiert. Ich weiß, worum es für Rafa geht. Ich wusste, worum es für Novak geht. Das ist irgendwie ihre Sache, nicht meine. Ich bin bloß hier, um zu versuchen, das Finale zu gewinnen." Das gelang ihm nicht und deshalb muss Djokovic ab jetzt die 22 jagen. "Ich denke, dass Novak nur noch den Rekord von 20 Grand-Slam-Turnieren brechen will. Ich glaube, das ist die einzige Besessenheit, die er hat", sagte die ehemalige Wimbledon-Siegerin Marion Bartoli im Dezember. Nach seiner Niederlage bei den ATP Finals gegen Alexander Zverev habe sie ihn "nicht sehr wütend gesehen, er war nicht massiv niedergeschlagen."

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Nadal siegte nach 2009 zum zweiten Mal in Melbourne.

(Foto: imago images/AAP)

Zumindest in dieser Saison drohen dem wohl weiterhin ungeimpften Serben die Gelegenheiten auszugehen, weiter an seiner beeindruckenden Statistik zu schrauben: Sowohl die French Open als auch Wimbledon hatten zuletzt angekündigt, dass Profis ohne Impfschutz unerwünscht sind. Frankreich überlegt, den Genesenenstatus von sechs auf vier Monate zu reduzieren. Für Djokovic würde es dann nicht mehr reichen. In New York, wo die US Open stattfinden, gelten strenge Regeln für Sportler, ungeimpfte Profis dürfen in der Stadt ihrem Beruf derzeit nicht nachgehen.

"Ich musste leiden, ich musste kämpfen"

Djokovics Vorteil: Er ist der jüngste der großen drei, die seit Federers Wimbledon-Triumph 2003 unglaubliche 61 von 72 möglichen Grand-Slam-Titeln holten. Ob Federer, der im August 41 Jahre alt wird, noch einmal auf die Tour zurückkehrt, zumal auf wettbewerbswürdigem Niveau, ist nach zahlreichen Knieoperationen und einer nahezu zweijährigen Pause mehr als fraglich. Nadal ist zwar nur elf Monate älter als Djokovic, hatte aber ebenfalls zuletzt lange mit Verletzungen zu kämpfen, Wimbledon und die US Open hatte er 2021 wegen Fußproblemen verpasst.

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"Ich musste leiden, ich musste kämpfen. Es bedeutet mir sehr viel, hier im Finale zu stehen", sagte Nadal, der in der Vorbereitung auch noch durch eine Corona-Infektion zurückgeworfen worden war, nach seinem Halbfinalsieg gegen den zehn Jahre jüngeren Matteo Berrettini gesagt. Und mit Blick auf seinen schon 13 Jahre zurückliegenden ersten und lange einzigen Sieg bei den Australian Open: "Ich hätte nie mit einer weiteren Chance im Jahr 2022 gerechnet."

Nach seinem Viertelfinaltriumph über den Kanadier Denis Shapovalov war Nadal befragt worden, was ihm die 21 bedeuten würde. "Ich hoffe auf gar nichts mehr. Ich will nur weiterspielen, denn das bereitet mir die meiste Freude", antwortete der neue alleinige Grand-Slam-Rekordhalter. "Ich glaube nicht, dass mein Glücksgefühl davon abhängig ist, ob ich mehr Grand-Slam-Turniere gewinne als andere oder andere mehr als ich." Nadal wird im Mai bei den French Open an den Start gehen, die er schon 13-mal gewann. Möglich, dass Djokovic dann wieder zuschauen muss.

Quelle: ntv.de

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