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THW-Coach im Interview Ewiger Gislason will zum Abschied den Titel

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Gislason freut sich nach 20 Jahren Bundesliga auf ruhigere Zeiten.

(Foto: imago/Agentur 54 Grad)

Nach weit über 20 Jahren als Bundesliga-Trainer, sieben deutschen Meisterschaften, fünf Pokalsiegen und drei Champions-League-Gewinnen bricht für Alfred Gislason die letzte Spielzeit mit dem Handball-Ausnahmeklub THW Kiel an. Nach dem enttäuschenden Abschneiden in der vergangenen Saison will der 58 Jahre alte Isländer das Kapitel erfolgreich beenden.

n-tv.de: Sie stehen vor Ihrer letzten Spielzeit als Trainer des THW Kiel. Macht Sie das wehmütig?

Nein, daran denke ich jetzt nicht. Gegenwärtig habe ich viel Arbeit, damit die neue Saison besser wird als die vergangene. Dass es meine letzte Spielzeit sein wird, habe ich dabei allenfalls im Hinterkopf. Aber ich werde das vor mir liegende Jahr ganz sicher genießen.

Der THW hat den höchsten Etat der Liga. Zuletzt aber standen Aufwand und Ertrag in keinem gesunden Verhältnis. Warum?

Ich würde mich freuen, wenn die Leute, die die Etats vergleichen, genauer hinter die Zahlen schauen. Ein reeller Vergleich wäre möglich, wenn man fragen würde: Was kostet der Kader? Der THW Kiel hat insgesamt, zum Beispiel für den Spielbetrieb, deutlich höhere Kosten als die meisten anderen Klubs. Was die Ausgaben für die Spieler angeht, liegen wir aber sicher nicht weit vor den Konkurrenten. Das muss man also relativieren.

Dennoch blieb Ihr Team hinter den Erwartungen zurück.

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Duvnjak wird noch eine Weile brauchen, bis er bei 100 Prozent ist.

(Foto: imago/Eibner)

Stimmt, aber dafür gab es Gründe. Zum einen haben wir nach den erfolgreichen Jahren einen großen Umbruch gemacht. Und dann verletzten sich in den vergangenen zwei Spielzeiten immer wieder jene Schlüsselspieler, die diese Mannschaft durch den Umbau führen sollten. Unser Abwehrchef Rene Toft-Hansen beispielsweise hat zwei Jahre so gut wie gar nicht gespielt. Und unser Spielmacher Domagoj Duvnjak stand in der ersten Saisonhälfte nur für drei Kurzeinsätze in der Liga auf dem Feld und fährt dann im Januar zu seiner Heim-Europameisterschaft nach Kroatien. Dort sollte er auch nur Kurzeinsätze haben, steht aber in der 58. Minute des ersten Spiels noch immer auf der Platte und verletzt sich dann schwer. Auch Christian Dissinger und Steffen Weinhold sind nach ihren Verletzungen bei der Nationalmannschaft entweder nicht wieder richtig fit oder sehr verletzungsanfällig geworden. Ich stelle mal die provokante Frage, was aus den Rhein-Neckar Löwen geworden wäre, wenn sich deren Spielmacher Andy Schmid schwer verletzt hätte?

Und die jungen Spieler waren noch nicht so weit?

Doch, das sind sehr talentierte Spieler. Aber ihnen fehlte verständlicherweise die Konstanz. Der Druck wird so gut wie immer von den erfahrenen, routinierten Spielern getragen.

Verzweifelt man, oder liegt darin auch ein besonderer Reiz, solch schwierige Situationen zu meistern?

Klar, es ist schon reizvoll, wenn plötzlich zwei, drei 20-Jährige durchspielen. Trotzdem willst du in erster Linie gewinnen. Und jungen Spielern musst du zugestehen, dass sie sich entwickeln und an die Bundesliga gewöhnen müssen. Andererseits könnte das im Umkehrschluss in der neuen Saison ein großes Plus sein, dass die Talente bereits viele Spielanteile in der Vergangenheit hatten und dadurch in ihrer Entwicklung einen Sprung gemacht haben.

Was wird denn besser beim THW? Ist Duvnjak wieder fit?

Nein, er ist noch lange nicht so weit, dass er konstant auf hohem Niveau spielen kann. Aber er ist der einzige, der noch nicht bei einhundert Prozent ist. Und wir haben mit unseren Zugängen Hendrik Pekeler, Harald Reinkind und Magnus Landin einen deutlichen Qualitätszuwachs, vor allem in der Defensive, bekommen.

Die Spitzenklubs klagen regelmäßig über Terminhatz. Sie spielen nun nicht mit der Belastung der Champions League. Könnte ein Segen sein, oder?

Wir spielen im EHF-Cup, und wenn man darin etwas Positives sehen möchte, dann eben, dass die Belastung deutlich geringer ist. Während du in der Champions League ständig im Drei-Tages-Rhythmus spielst, weil du allein in der Vorrunde unfassbare 14 Spiele absolvieren musst, kann ich nun in der Woche mal richtig mit dem Team trainieren. Ein völlig neues Gefühl für mich.

Ihnen wird mit Filip Jicha ein Co-Trainer zur Seite gestellt, mit dem Sie vor Jahren im Unfrieden geschieden sind, als der Tscheche mitten in der Saisonvorbereitung zum FC Barcelona wechselte. Sie waren damals "not amused".

Stimmt. War ich auch nicht, weil dieser Wechsel so kurz vor Saisonbeginn kam und wir keine Zeit hatten, zu reagieren. Das hat uns extrem viele Probleme bereitet. Aber diese Sache ist längst ausgestanden. Wir haben uns ausgesprochen. Filip Jicha war damals in einer Situation, in der er diese Möglichkeit ergreifen musste. Und: Ich habe ihn nicht zur Seite gestellt bekommen. Es war vielmehr auch meine Idee, ihn zu holen.

Jicha soll Ihre Nachfolge antreten, wenn Sie im Sommer des kommenden Jahres aufhören, ohne dass er jemals einen anderen Verein trainiert hat. Ein mutiger Schritt, oder?

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Ex-Profi Jicha soll Gislason nach der Saison als Trainer beerben.

(Foto: imago/Beautiful Sports)

Von außen betrachtet, mag das so scheinen. Aber wir werden nun ein Jahr gemeinsam den THW trainieren, sodass Filip allmählich in seine Rolle reinwachsen wird. Zudem hat Filip hier in Kiel ein Umfeld, das ihn unterstützen wird. Er wird gut vorbereitet in seine erste Saison gehen. Ganz sicher!

Die Experten erwarten für diese Spielzeit die Renaissance des THW. Sie könnten sich mit dem Meistertitel in Kiel unsterblich machen.

Unsterblich? Das ist Quatsch. Es wäre extrem schön, das Kapitel Kiel so zu beenden, aber jede Meisterschaft war auf ihre Art besonders. Ich mache mir nicht allzu viele Gedanken darüber, was möglich ist. Wir wollen einfach gute Arbeit abliefern.

Wer wird Ihnen beim Anlauf auf den Titel in die Quere kommen?

Das sind die üblichen Verdächtigen. Ich halte die Rhein-Neckar Löwen für den Titelfavoriten. Sie haben eine sehr erfahrene Mannschaft, haben die erste Sechs behalten und sich super verstärkt. Titelverteidiger Flensburg macht zwar einen Umbruch durch, hat aber noch immer ein eingespieltes Team. Die Füchse Berlin, der SC Magdeburg, MT Melsungen oder Hannover-Burgdorf können ebenfalls ganz oben angreifen.

Wenn es nicht der Titel wird, so ist doch die Champions-League-Qualifikation das Minimalziel. Noch ein Jahr ohne Teilnahme an der Königsklasse dürften die verwöhnten Fans Ihnen übel nehmen.

Die Champions-League-Qualifikation ist unser großes Saisonziel.

Apropos Champions League: Zuletzt war die Bundesliga gleich zwei Mal nur Zaungast beim Final Four der Königsklasse in Köln.

Das zeigt in erster Linie, wie schwierig es für Bundesligisten geworden ist, nach Köln zu kommen. Die Gegner aus den anderen Ligen können zwischen zwei Champions-League-Spielen pausieren oder haben deutlich leichtere Begegnungen in ihren jeweiligen Ligen, während die deutschen Klubs selbst zwischen den Hin- und Rückspielen in der K.o.Phase noch beschwerliche Auswärtsfahrten und knallharte Ligaspiele absolvieren müssen.

Ist es ein Alarmzeichen dafür, dass die Handball-Bundesliga nicht mehr die stärkste Liga der Welt ist?

Ich denke schon, dass sie nach wie vor die Nummer eins ist. Sie tut sich aber im internationalen Vergleich aus bekannten Gründen schwer. Für die Franzosen ist es ungleich einfacher, sich international zu behaupten. Die Liga ist deutlich kleiner, die Konkurrenz nicht so hochwertig und zudem unterstützen die Kommunen und der Staat die Klubs. Das kennt man in Deutschland nicht. Kein Wunder, dass sich gleich drei französische Teams in diesem Jahr für das Final Four qualifizieren konnten.

Was sind Ihre Pläne für die Zeit nach dem THW?

Ich möchte gern noch weiterhin im Handball bleiben, weil ich die Zeit genossen habe und Handball mein Leben ist. Aber nach 27 Jahren Bundesliga möchte ich erst einmal pausieren. Eines ist sicher: Ich werde mit 60 Jahren nicht mehr bei einem Klub auf der Bank sitzen, weil das einfach elf Monate im Jahr Dauerstress bedeutet. Meine vier Enkel leben alle in Island, der jüngste davon ist gerade eine Woche alt…

…Glückwunsch!

Danke. Aber ich hatte bislang viel zu wenig Zeit für sie. Es ist schade, weil man so viel verpasst. Einen Großteil meiner Zeit werde ich zwar weiterhin in Deutschland verbringen, aber mindestens ein Drittel des Jahres in Island sein.

Liest sich zwischen den Zeilen so, als ob ein Job als Trainer einer Nationalmannschaft für Sie geradezu ideal wäre.

Auf jeden Fall. Das ist etwas, was ich mir gut vorstellen kann.

Mit Alfred Gislason sprach Arnulf Beckmann.

Quelle: ntv.de