Fußball-WM 2019

Ansgar Brinkmann zieht Fazit "Die Frauen-WM zeigt tollen Straßenfußball"

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USA-Star Megan Rapinoe und Schwedens Kosovare Asllani schenken sich nichts im Vorrundenspiel und kämpfen um den Ball.

(Foto: imago images / PA Images)

Ex-Bundesliga-Profi Ansgar Brinkmann ist glühender Anhänger des Fußballs der Frauen. Die WM in Frankreich verfolgt der "weiße Brasilianer" genau und attestiert ihr herausragendes Niveau, Leidenschaft und taktische Verbesserungen. Die DFB-Elf brauche aber noch mehr Unberechenbarkeit für die Weltspitze. Im Interview mit n-tv.de erklärt Brinkmann, warum die US-Amerikanerinnen so gut sind, warum die Frauen mehr "Straße" als die Männer sind und was Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg im Viertelfinale hätte anders machen können.

n-tv.de: Herr Brinkmann, heute findet das Finale der Fußball-WM in Frankreich statt: Wie haben Sie das Turnier erlebt?

Ansgar Brinkmann: Ich habe alle Spiele bis auf eines oder zwei vor dem Fernseher mitverfolgt. Seit fünf Jahren bin ich mit Dzsenifer Marozsán, Simone Laudehr und Ana Maria Crnogorčević, die schweizerische Nationalspielerin und Rekordtorschützin, in einer WhatsApp-Gruppe. Ich kenne die drei noch aus der Zeit, als sie alle in Frankfurt spielten. Wir kommunizieren viel und haben einen riesen Spaß während der Spiele.

Was hielten Sie vom fußballerischen Niveau bei der WM?

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Alex Morgan schiebt die Kugel lässig weiter, Nikita Parris aus England kommt nicht hinterher.

(Foto: imago images / MB Media Solutions)

Das war wirklich sehr gut. Es ist noch nicht lange her, da gab es zwei oder drei Top-Teams. Selbst an einem schlechten Tag haben die dann 2:0 gewonnen. Das war ein bisschen langweilig. Heute müssen die Favoriten ihre Leistung voll abrufen in jedem Spiel. Sie müssen an ihr Limit gehen, damit sie weiterkommen - auch gegen so genannte Underdogs. Es werden keine Geschenke mehr verteilt. Das Niveau ist in den letzten sieben oder acht Jahren stark angestiegen.

Sprechen Sie von spielerischen oder physischen Verbesserungen?

Von beidem. Die individuelle Klasse vieler Spielerinnen hat sich gesteigert auf ein hohes Niveau. Wenn man sieht, wie die den Ball annehmen und verarbeiten, wie sie kombinieren und Flanken aus vollem Lauf in den Strafraum ballern - das kann man sich richtig gut angucken. Auch sieht man kaum noch eine Mannschaft, die ab der 65. Minute einbricht, weil die Kräfte fehlen. Das ist vorbei. 90 Prozent der Teams der WM spielen physisch auf dem höchsten Level.

Welche taktischen Neuerungen haben Sie bei der WM beobachtet?

Die Variabilität. Viele Teams können verschiedenste Spielsysteme auf den Platz bringen. Die USA machen das am besten. Sie haben aber natürlich auch eine große individuelle Qualität, sind körperlich unfassbar stark und besitzen eine große Mentalität und zurecht enorm viel Selbstvertrauen. Damit sind sie natürlich auch klarer Favorit fürs Finale heute Abend.

Woran liegt es, dass die USA gefühlt einen Schritt weiter sind als alle anderen?

Der Frauenfußball in den USA hat einen höheren Stellenwert als der Männerfußball. In Portland, wo Ana Crnogorčević spielt, kommen 20.000 zu jedem Heimspiel. Frauenfußball wird dort auch im TV gezeigt, die bekommen viel Sendezeit. Die Liga ist natürlich eine der stärksten der Welt, aber Europa muss sich auch nicht verstecken. England und Frankreich sind auf einem guten Weg, nur die deutsche Liga macht mir ein bisschen Sorgen. Alle guten deutschen Spielerinnen gehen nach Frankreich, England, Norwegen oder Schweden, weil dort mehr bezahlt wird.

Sie galten als einer der letzten Straßenfußballer Deutschlands - erkennen Sie solche Charakteristika noch heutzutage in Spielerinnen bei einer WM?

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Caroline Graham Hansen (rechts) im Viertelfinale gegen England.

(Foto: imago images / ZUMA Press)

Einige haben da technisch enorm was drauf. Was die Norwegerin Caroline Graham Hansen, die beim VfL Wolfsburg spielt, mit dem Ball veranstaltet und was für Dribblings sie auf dem Flügel ansetzt, das hat schon was. Es gibt einige Spielerinnen, die ein Spiel alleine entscheiden können, die nicht berechenbar sind. Deutschland hat da natürlich Maroszán.

Bei der WM ging es auch öfters ganz schön ruppig zu, die Spielerinnen wälzten sich aber nicht minutenlang auf dem Boden, wie es bei den Männern auf der Fall ist. Ist der Frauenfußball sogar mehr Straße als der Männerfußball?

Absolut. Die Frauen-WM zeigte tollen Straßenfußball. Ehrliche Arbeit und Leidenschaft pur. Die Mädels knallen alles rein, was sie haben. Das spürst du förmlich. Niemand schont sich da. Mit wie viel Ehrgeiz, Euphorie und Leidenschaft es da zugeht! Das ist besonders. Die wollen alle gewinnen, die wollen alle eine Runde weiter kommen. Auch die Außenseiter haben gesagt: Wir sind nicht hier, um Urlaub zu machen, wir wollen uns so teuer wie möglich verkaufen. Bei den Männern geht es viel darum, wer sich am besten vermarktet. Das ist bei den Frauen zum Glück noch weit weg.

Gab es etwas, dass sie überrascht hat?

Wenn ich an die deutschen Vorrundensiege gegen Spanien und China denke - die hätten auch komplett anders ausgehen können und wir hätten uns nicht beschweren dürfen. Dass das deutsche Team die Gruppenphase übersteht, war auf einmal nicht mehr selbstverständlich. Da hatten wir ganz schön Glück und den Fußballgott auf unserer Seite. Damit hatten die wenigsten gerechnet.

Wie sehen Sie denn das Team von Martina Voss-Tecklenburg?

Es gibt da einen kleinen Umbruch in der Mannschaft. Aber ich mache mir schon ein bisschen Sorgen. Die typisch deutschen Tugenden, das Laufen und Kämpfen und die Mentalität, funktionieren, aber wir haben nicht diese drei oder vier Spielerinnen, die den Unterschied machen können und die nicht berechenbar sind. Viele von unseren Spielerinnen sind gut bis sehr gut, aber nicht außergewöhnlich. Marozsán ist so eine, aber die hat sich leider zu früh verletzt.

Neben Marozsán sehen Sie keine Spielerin, die ein Spiel entscheiden könnte?

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Außergewöhnlich, aber damit im DFB-Team leider allein, laut Brinkmann: Dzenifer Marozsan.

(Foto: imago images / HMB-Media)

Wir haben natürlich ein paar Newcomerinnen, die auch individuell etwas auf den Platz bringen. Bei denen müssen wir die Entwicklung noch abwarten, noch ist das aber zu wenig. Wir haben bei der WM gesehen, dass das, was bei uns auf dem Platz steht und passiert, zu berechenbar ist. Wir hatten keine Waffen auf dem Platz. Spielerinnen, die einen Sieg erzwingen können. Die ein Tor machen können, ohne dass alles funktioniert und ohne dass Abwehr, Mittelfeld und Angriff gut miteinander harmonieren. Eine Außergewöhnliche reicht nicht, die kann das gegnerische Team immer rausnehmen. Einen Fehler in diese Richtung hat vergangenen Sommer auch Jogi Löw gemacht, als er Leroy Sané nicht mitgenommen hat.

Was genau lief denn schief bei der DFB-Elf, als sie im Viertefinale ausschied?

Die Mittelfeldriege der Schwedinnen hatte wirklich Hand und Fuß. Und wenn ich gegen einen Gegner spiele, der besser besetzt ist, dann muss ich mir als Trainer überlegen: Wie kann ich stärkere Mannschaften schlagen? Da gibt es natürlich Klassiker: Wenn ich mit Mainz gegen München spiele, muss ich tief stehen, aggressiv spielen und nach Ballgewinn auf Konter setzen, denn in der Vorwärtsbewegung ist die Chance am größten, gegen Top-Mannschaften erfolgreich zu sein. Eine weitere Option wären die Standards gewesen, mit Alexandra Popp haben wir ja eine kopfballstarke Spielerin. Aber ich habe nur ein leicht selbstüberschätztes Auftreten der deutschen Elf gesehen nach dem Motto: Wir sind stark, wir sind das Maß aller Dinge und die anderen müssen sich nach uns richten. So weit sind wir von der Qualität noch nicht, das hatten wir ja in der Vorrunde schon deutlich gesehen. Da hätte man taktisch anders agieren können.

Durch den Videobeweis, der 29 Mal in den ersten 44 Partien zum Einsatz kam, wurde das Turnier auch zu einer WM des Wartens.

Stimmt, aber der Videobeweis macht das ganze Spiel fairer - auch wenn das alles noch nicht ganz ausgereift ist. Die, die da im Keller sitzen, brauchen einfach noch mehr Empathie für die Situation. Ich brauche nicht eine Regel, um dir zu sagen, ob es ein Elfmeter war oder nicht. Wenn du von klein auf Fußball gespielt hast, dann kannst du so eine Situation bewerten, weil du sie 1000 Mal erlebt hast. Es gibt da teilweise Entscheidungen, wo jemand am Werk ist, der einfach noch nicht oft genug in diesen Situationen war.

Wie wird der Ligaalltag künftig aussehen: Zurück zu leeren Stadien und kaum medialer Präsenz oder springt der Funke von der WM nach Deutschland über?

Ich würde zum Letzterem gerne ja sagen, aber das ist Wunschdenken. Wie die Realität nächste Saison aussieht, weiß ich nicht. Ich hoffe, dass die Mädels zukünftig mehr und öfter im Fokus stehen. Ich finde, dass zum Beispiel die ARD Sportschau zukünftig auch mal die Highlights aus der Frauen-Bundesliga zeigen sollte. Das gehört da rein, gerade bei den Öffentlich-Rechtlichen, die einen Auftrag haben. Das würde den Teams helfen, Werbepartner und mehr Zuschauer zu bekommen.

Sollten große Vereine wie Borussia Dortmund, Schalke 04 oder Hertha BSC sich auch Frauenteams zulegen?

Finde ich schon. Diesen Respekt und diese Chance haben die Spielerinnen verdient. Es muss ein größerer Etat her, auch was Fernsehgelder betrifft. Jede Mannschaft aus der Frauen-Bundesliga sollte vom DFB fünf Millionen Euro erhalten, dann würde sich da schon was tun. Wenn man die Bedingungen nicht verbessert, dann wird sich nichts verändern.

Das Interview führte David Bedürftig.

Quelle: n-tv.de

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