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Ohne abhanden gekommenen Star Handball-Zwerg produziert nächstes Märchen

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Am Ende gabs für die tschechischen Handballer mehr als ein blaues Auge im Nordatlantik.

(Foto: imago images/CTK Photo)

Dem färöischen Handball ist sein größter Star abhanden gekommen, dennoch gelingt dem Inselstaat die größte Sensation seiner Verbandsgeschichte. Ein Märchen, ganz ohne den außergewöhnlichsten Ballsportler des Inselstaats.

Die Färöer sind ein kleiner Inselstaat, gerade einmal 50.000 Menschen leben dort im Nordatlantik verteilt auf 18 Inseln. Im Fußball galten die Menschen von den "Schafsinseln" lange als Inbegriff des "Zwergs", im Handball war es lange noch viel schlimmer. Die Fußballer sind immer noch klein, unter den Kleinen aber inzwischen führend. Die Handballer dagegen konnten in ihrer Verbandsgeschichte noch kein internationales Qualifikationsspiel gewinnen - bis Freitagabend. In 34 Spielen war man vorher 32-Mal geschlagen worden, zwei Unentschieden gab es an und dann kamen die Tschechen in die kleine, enge Halle in Torshavn und wurden Teil färöischer Handballgeschichte.

Am Ende eines Spiels, in dem die Skandinavier bis auf die letzten gut zehn Minuten ununterbrochen zurücklagen, stand ein 27:26 auf der Anzeigetafel der gut gefüllten Halle. Der erste Sieg im 35. EM-Qualifikationsspiel, er gelang dank eines Inzidenzwertes von null auf den Färöer vor einer würdigen Kulisse. Mit nun zwei Punkten ist der Traum von einer EM-Teilnahme für die Nationalspieler der "Schafsinseln" aber dennoch schon längst ausgeträumt, die Tschechen ihrerseits sind trotz der Blamage bereits sicher für das Turnier in der Slowakei qualifiziert. Je nach Verlauf des letzten Spieltags als Gruppenzweiter oder als einer der besten Gruppendritten.

Nach Tabellenarithmetik war an einem historischen Handballabend aber wohl den wenigsten Beteiligten zumute, auf beiden Seiten. Während die Tschechen, die sportlich für die WM im Januar qualifiziert waren, aufgrund eines Coronaausbruchs die Reise nach Ägypten aber in letzter Minute absagen mussten, noch bei den Färingern. Die waren 47 Minuten einem Rückstand von bis zu vier Treffern hinterhergerannt, erst dann konnten sie zum 21:21 ausgleichen. Ihrerseits entscheidend davonziehen konnten die Skandinavier drei Minuten vor dem Ende, nach einer Parade von Tordur Skorheim traf Teis Torn Rasmussen zum 27:25 ins leere Tor der Tschechen. Die Möglichkeit zum Ausgleich ließen die Gäste wenige Sekunden vor Schluss ungenutzt und mussten geschlagen die Heimreise von den "Schafsinseln" antreten. Ein Schicksal, das sie unter den führenden Handballnationen Europas ganz exklusiv haben.

Der 18-Jährige Elias Ellefsen und Sjurdur Olsen trafen jeweils fünffach für die Färöer, bei denen der wohl bemerkenswerteste Sportler der Insel im Kader fehlte: Hilmar Jakobsen hatte 2020 eine andere Geschichte des färingischen Handballs produziert - indem er neben seiner Handballlaufbahn zum Fußball-Nationalspieler seines Landes wurde.

Ein Handball-Wunder ohne den größten Star

"Ich wollte immer Fußballer werden, aber mit 17 Jahren haben mir die Ärzte geraten, aufzuhören, weil ich eine Hüftoperation machen lassen musste", erzählte der 23-Jährige im Dezember der BBC, die Geschichte ging von den Färöer aus durch die Sportwelt. "Sie haben gesagt, dass Handball besser für meine Gesundheit wäre. Das war damals sehr enttäuschend für mich", gestand Jakobsen. Drei Meisterschaften und zwei Pokalsiege feierte Jakobsen mit H71, nach Einsätzen in der Jugend-Nationalmannschaft ging es für ihn ins Nationalteam. Doch dann kam Corona und der Handball-Betrieb ruhte auch auf den Inseln im Nordatlantik und "unter diesen Umständen habe ich mich dazu entschlossen, ein bisschen Fußball bei der Zweiten von HB Torshavn zu spielen, um fit zu bleiben", sagte Jakobsen.

Nach zwei Treffern im ersten Spiel wurde das Multitalent flugs in die erste Mannschaft befördert - als Mittelstürmer. "Ich hatte noch nie auf dieser Position gespielt, aber der Trainer meinte, dass ich in den Strafraum gehöre", so Jakobsen. Eine gute Idee, denn in den folgenden 17 Ligaspielen sammelte Jakobsen 17 Scorerpunkte (12 Tore, 5 Vorlagen). Die Belohnung für den märchenhaften Blitzaufstieg: Sechs Jahre nach seinen beiden Länderspielen mit der U19 folgte die Berufung in die Nationalmannschaft. Im Fußball. Inzwischen stehen drei Länderspiele für Jakobsen in den Büchern, zuletzt wurde er aber nicht mehr berufen.

Auch das Handball-Wunder fand ohne Jakobsen statt, der in der vergangenen Woche zweimal für HB Tórshavn in der Liga auflief und dort um den Titel kämpft. Vom Handball hat sich Jakobsen vorerst verabschiedet: "Fußball war und ist meine große Liebe. Dabei soll es bleiben. Ich bin so froh, dass ich jetzt meiner Leidenschaft nachgehen kann und ich mein Land in meiner Lieblingssportart vertreten darf", sagte er. Und so fand das Handball-Wunder ohne den bekanntesten Handballer des Landes statt.

Quelle: ntv.de, ter

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