Playoff-Kandidat nach FehlstartHistorischer Arschtritt weckt Denvers Mile-High-Ensemble

Im höchst gelegenen Stadion der NFL wird die Luft für die Gegner wieder dünner. Denn die Denver Broncos sind nach Jahren im Mittelmaß wieder im Aufwind. Das liegt an Neu-Trainer Sean Payton und den spendierfreudigen Eignern.
Das Mile High Stadium in Denver gehört, was den Ausblick angeht, zu einem Schatz unter den NFL-Arenen. Wenige Kilometer entfernt erstrecken sich die massiven Rocky Mountains, deren Spitzen auch im Sommer schneebedeckt sind. Nun gibt es Spötter, die behaupten, dass eben diese traumhafte Aussicht das Einzige gewesen sei, das den Broncos-Fans in den vergangenen Jahren die Herzen erwärmt habe - oder gar der Hauptgrund war, um überhaupt zu einem Heimspiel zu gehen. Denn sportlich gab es nichts Erfreuliches.
Seit dem 24:10-Sieg im Super Bowl 50 am 7. Februar 2016 gegen die Carolina Panthers ging's für die Wildpferde aus Colorado bergab. Die damalige Partie war nicht nur die Letzte in der Karriere von Quarterback Peyton Manning, sondern auch der letzte Playoff-Auftritt des Vereins. Es folgten sieben Jahre, 114 Spiele, 44 Siege, 70 Niederlagen. Eine solche Leidenszeit hat es seit Anfang der Siebziger in Denver nicht mehr gegeben.
Millimeter kosten NFL-Wunderkind die nächste HeldentatIm achten Jahr nach Titel endlich wieder Playoffs?
Doch eben jene Leidenszeit könnte in dieser Saison, der achten seit dem letzten Meistertitel, enden. Mit Neu-Trainer Sean Payton ist in Denver zwar noch nicht alles wieder so beeindruckend, wie der Blick auf die Rockys, doch zumindest wurde der Abwärtstrend der vergangenen Jahre gestoppt. Und eventuell könnte Denver sogar die Playoffs erreichen. Konjunktiv ist hier ganz wichtig. Denn die Broncos haben zwar nach nur einem Sieg aus den ersten sechs Spielen tatsächlich die vergangenen fünf Partien alle gewonnen und somit derzeit eine Bilanz von 6:5. Allerdings hatten sie in vier dieser fünf Partien Heimrecht - womit wir wieder beim Mile High Stadium wären.
Die Arena liegt, wie der Name erahnen lässt, genau eine Meile (1609,34 Meter) über dem Meeresspiegel - und ist somit das am höchsten gelegene NFL-Stadion. Dort oben kann die Luft für Gästeteams durchaus schon mal etwas dünn werden. So gewann Denver eben unter anderem gegen Meister Kansas City Chiefs (24:9), die Minnesota Vikings (21:20) und die Cleveland Browns (29:12). Hinzu kam ein durchaus erwähnenswerter 24:22-Triumph bei den Buffalo Bills. Allesamt Mannschaften, die mit einer positiven Saison-Bilanz gegen die Broncos antraten.
Also, nur Heimvorteil oder tatsächlicher Aufschwung? Mitte des Monats werden sie in Denver mehr wissen. Bis dahin stehen drei richtungsweisende Spiele an - alle drei auswärts. Am Sonntag bei den Houston Texans (6:5-Siege), danach bei den Los Angeles Chargers (4:7) und abschließend der wohl größte Test, bei den Detroit Lions (8:3).
Richtungsweisendes Spiel in Houston
Die Partie in Houston ist gleich ein richtungsweisendes Match. Denn es ist das Duell der beiden ersten Teams außerhalb der Playoff-Plätze in der AFC. Laut dem Online-Portal "The Athletic" sei "alles möglich", wenn die Defensive weiterhin so herausragend agiere, wie in den vergangenen vier Partien, als sie die Gegner zu 15 Turnover zwang - und Denver somit jeweils in Ballbesitz kam.
Sean Payton ist durchaus zufrieden, wenn er auf das blickt, was er da in den vergangenen Monaten aufgebaut hat. Payton hatte von 2006 bis 2021 die New Orleans Saints gecoacht - und die "Heiligen" aus dem US-Bundesstaat Louisiana 2010 zum Meistertitel geführt. Anfang 2022 hatte er dann seine Karriere für beendet erklärt, in diesem Jahr jedoch so viele Anfragen bekommen, dass es ihm nicht schwer viel, an die Seitenlinie zurückzukehren - in Denver.
Eine neue Herausforderung mit spendierfreudigen Team-Besitzern, die genug hatten von all den unterdurchschnittlichen Leistungen der vergangenen Jahre. Die Gruppe der Broncos-Eigner um Rob Walton, der durch den Einzelhandelskonzern Walmart zu viel Geld kam und aktuell in der Liste der reichsten Menschen der Welt mit einem Vermögen von 69,2 Milliarden Dollar auf Platz 16 geführt wird, öffnete ihre bestens gefüllten Privatkonten.
Denver gab in der Saisonpause 259,5 Millionen Dollar für Free Agents wie Defensive End Zach Allen (drei Jahre/45,75 Mio Dollar) sowie die Offensive Linemen Mike McGlinchey (fünf Jahre/87,5 Mio Dollar) und Ben Powers (vier Jahre/51,5 Mio Dollar) aus - und somit so viel wie kein anderer NFL-Klub.
Quarterback Wilson hat endlich Lieblings-Adressaten
Hinzu kam mit Samaje Perine im Sommer ein erfahrener Runningback von den Cincinnati Bengals. Er ist mittlerweile der Lieblings-Addressat von Russell Wilson geworden. Der Quarterback spielt seine zwölfte Saison - und hat endlich wieder Spaß an seinem Job. Mit den Seattle Seahawks hatte Wilson viele Jahre zum Besten gehört, was die NFL zu bieten hatte. Super Bowl-Sieger 2013 und fast Super Bowl-Sieger 2014.
Als Wilson im Frühjahr 2022 nach Denver kam, galt er als nächster großer Quarterback des Vereins nach John Elway und Peyton Manning. Doch sein erstes Jahr war eines zum Vergessen. Nun hingegen hat er mit Mike McGlinchey und Ben Powers oder auch Left Tackle Garett Bolles zuverlässige Bodyguards vor sich. Sie geben ihm die Zeit geben, auch in Denver endlich so zu spielen, wie er es viele Jahre lang in Seattle getan hatte.
Wilson war bekannt geworden als jemand, der vor allem im vierten Viertel die Präzision in Person ist. Der in der Crunch Time, also dann, wenn das Spiel in der entscheidenden Phase ist, kleinste Lücken in der gegnerischen Abwehr findet und seine Mitspieler durch genau diese dann bedient. In den vergangenen Wochen fand er so immer öfter Samaje Perine.
Bei Denver's Sieg bringenden Angriffspielzug beim 21:20-Erfolg gegen Minnesota hatte Perine fünf Mal den Ball berührt und damit einen Raumgewinn von 47 Yards erzielt. Die Woche zuvor, als Denver in Buffalo gewann (24:22), waren es drei gefangene Pässe und 35 Yards bei zwei Spielzügen der Broncos im Schlussviertel gewesen, die zu neun Zählern geführt hatten. "Ich werde da sein, wo ich sein muss. Wilson weiß das, deshalb gibt er mir den Ball", betont Perine.
Historischer Arschtritt in Miami
Russell Wilson hat natürlich immer noch einen starken Arm, aber er geht jetzt weniger Risiko ein. Das wird beim Blick auf seine Statistiken deutlich. Mit 20 Touchdowns rangiert er auf Platz fünf, seine vier Interceptions sind Ligaspitze. Payton ist es wichtig, den Ball im Angriff nicht zu verlieren. Wenn die Broncos punten müssen, ist das für den Coach kein unzureichend ausgeführter Offensiv-Spielzug, sondern ein akzeptables Ergebnis. Denn er weiß, wie stark seine Defensive ist, wie sehr sie sich in den vergangenen Wochen darauf spezialisiert hat, den Gegner zu Turnovern zu zwingen.
Nun wäre dieser Artikel natürlich unvollständig, wenn nicht der 25. September erwähnt werden würde. Der Tag, an dem Denver ein Debakel erlebte. Der Tag, an dem Denver mit 20:70 bei den Miami Dolphins einen historischen Arschtritt bekam. Nie zuvor hatte ein Broncos-Team mit 50 Punkten verloren. Diese Schmach ist natürlich nicht vergessen. Aber sie hat geholfen, dass die Broncos mittlerweile zu dem Team geworden sind, das nun ernsthafte Playoff-Ambitionen hegt.
"Es hat viele Veränderungen gegeben. Ich weiß, dass die Leute Resultate sehen wollen, aber sowas braucht Zeit", sagt Zach Allen. "Glücklicherweise", ergänzt der Verteidiger, "ist alles zusammengekommen." Und deshalb macht es wieder Spaß, in Denver ins Mile High Stadium zu gehen. Die sportlichen Aussichten sind interessant und reizvoll - und der Blick auf die Rocky's, der ist es sowieso.