Sport

Geht's am Ende nur ums Geld? IOC-Chef Bach findet Olympia-Absage unfair

imago46037919h.jpg

Bisher lehnt Bach die vorgebrachten Wünsche, Olympia abzusagen oder zu verschieben, ab.

(Foto: imago images/Mandoga Media)

Die Forderungen nach einer Absage der Olympischen Spiele werden lauter. Kaum jemand glaubt, dass die Coronavirus-Pandemie bis Juli so weit zurückgedrängt ist und die Spiele unter Normalbedingungen stattfinden können. Doch IOC-Chef Thomas Bach hält daran fest. Aus gutem Grund, sagt ein Marketing-Experte.

IOC-Präsident Thomas Bach hält das Festhalten an der planmäßigen Austragung der Olympischen Spiele trotz der Coronavirus-Pandemie vor allem im Interesse der Sportler für gerechtfertigt. "Die Absage würde den olympischen Traum von 11.000 Athleten aus 206 Nationalen Olympischen Komitees und dem IOC-Flüchtlingsteam zerstören", sagte der 66-jährige Tauberbischofsheimer im Südwestdeutschen Rundfunk. "Eine solche Absage wäre die am wenigsten faire Lösung."

Außerdem betonte er, dass man die Spiele nicht so einfach wie Spieltage im Fußball auf einen anderen Termin verlegen könne. "Olympische Spiele können Sie nicht verschieben wie ein Fußballspiel am nächsten Samstag", erklärte Bach, der wegen der Schließung des "Olympic House" in Lausanne im Homeoffice arbeitet. "Das ist ein sehr komplexes Unternehmen, bei dem Sie nur verantwortlich handeln können, wenn Sie verlässliche und klare Entscheidungsgrundlagen haben und die beobachten wir tagtäglich, 24 Stunden."

Norwegischer Sport fordert Absage

Derweil wächst die Kritik daran, dass Bach darauf besteht, in knapp vier Monaten die Spiele eröffnen zu wollen. Das Olympische und Paralympische Komitee sowie der Sportverband Norwegens haben in einem Brief an den IOC-Präsidenten appelliert, die Großveranstaltung nur durchzuführen, wenn das Coronavirus weltweit unter Kontrolle sei. Es sei weder "gerechtfertigt noch wünschenswert, norwegische Athleten zu den Olympischen oder Paralympischen Spielen zu schicken, bevor die Weltgemeinschaft diese Pandemie hinter sich gelassen hat". Weiter heißt es: "Die Situation in vielen Teilen der Welt ist komplex, herausfordernd und gefährlich." Daher sei man über die "Gesundheit und Sicherheit der Sportler besorgt".

Ähnlich argumentiert auch Virologe Alexander Kekulé. Er ist der Ansicht, dass die "ganz große Welle" an Infizierten im Olympia-Gastgeberland Japan noch bevorstehe, zudem sei ein Großereignis dieser Art ein möglicher Herd für eine weitere Verschlimmerung der Situation. "Es gibt für Viren quasi kein tolleres Fest als so eine Veranstaltung", sagte der Biochemiker.

Auch für den Sportmarketing-Experten Karsten Petry ist eine Absage die logische Konsequenz aus der Coronakrise. "Meine klare Meinung ist: Auch die Olympischen Spiele sollten abgesagt werden", sagte der Geschäftsführer der Agentur Octagon Deutschland: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Epidemie bis dahin so im Griff ist, dass für alle Athleten und Athletinnen und vor allem für die japanische Bevölkerung die Sicherheit gewährleistet werden kann."

Verschiebung der Fußball-EM erhöht Druck

Das starre Festhalten des IOC am geplanten Termin für die Spiele hängt für Petry vor allem mit kommerziellen Gründen zusammen. "Man klammert sich an den letzten Strohhalm, um Medienrechte, TV-Gelder, Sponsorengelder und alle Investitionen, die schon getätigt wurden, zu retten", sagte der 44-Jährige. Doch auch bei der japanischen Bevölkerung schwinde "die Unterstützung für die Durchführung in diesem Jahr", wie Petry nach Berichten eines Mitarbeiters in Tokio erzählte.

Aufgrund des nahezu vollständigen Stillstands des Weltsports, vor allem aber durch die Verschiebung der Fußball-EM auf Sommer 2021, sei der Druck auf das IOC in Bezug auf die Spiele in Tokio "enorm gewachsen", sagte Petry: "Der Druck ist so groß, dass ich mit einer Absage in der nächsten Zeit rechne." Doch er schränkte auch ein: "Fairerweise muss man auch sagen, dass die Komplexität von Olympischen Spielen, mit allem was eben im Vorfeld global über so viele Sportarten hinweg dranhängt, um einiges höher als bei einer Fußball-EM ist."

Quelle: ntv.de, tsi/dpa/sid