"Ich bin enttäuscht"Genervter Juri Knorr zeigt mit "krasser Aussage" seine Größe

Beim mühsamen EM-Hauptrundensieg über Norwegen liefert die deutsche Handball-Nationalmannschaft vor allem anfangs eine vogelwilde Vorstellung. Teil des Problems: Spielmacher Juri Knorr. Der deutsche Topstar weiß das - und lobt hinterher den, für den er seinen Platz räumen musste.
Juri Knorr ist einer der besten deutschen Handballspieler: Der hochbegabte Spielmacher kann mit seinem individuellen Tempo, seinen Finten und dem unbedingten Willen, stets für Torgefahr zu sorgen, in jeder Abwehrreihe der Welt gewaltigen Schaden anrichten. Doch ausgerechnet zum immens wichtigen EM-Spiel des DHB-Teams gegen Norwegen (30:28) erwischt er einen schwachen Tag. Ein Treffer bei vier Versuchen, dazu zahlreiche Fehlpässe und Ballverluste: Bundestrainer Alfred Gislason setzte seinen Regisseur früh in der ersten Hälfte auf die Bank, später durfte er wieder auf die Platte.
Seinen größten Moment des Abends hat der Topstar dann hinterher: "Ich glaube, Nils hätte heute mehr spielen müssen, er hat es super gemacht", befand Knorr im ZDF. "Er ist ein überragender Spieler." Nils ist Nils Lichtlein, der zweite Spielmacher im deutschen Kader. Spielt Lichtlein super, sitzt Knorr in der Regel auf der Bank. Es ist eine bemerkenswerte Aussage für einen ehrgeizigen, hoch ambitionierten Profisportler, der es gewohnt ist, in großen Spielen große Verantwortung zu übernehmen.
"Das zeichnet diese Mannschaft aus"
"Krass, das Interview von Juri Knorr. Er sagt: Nils Lichtlein hätte heute mehr spielen müssen. Nach dem Spiel. Das ist schon eine krasse Aussage", staunte dann auch Handball-Legende Stefan Kretzschmar im Podcast Harzblut. Lichtlein, der in der vergangenen Saison die Füchse Berlin zur ersten deutschen Meisterschaft der Klubgeschichte dirigiert hatte, stand in einem wilden Spiel knapp 13 Minuten auf dem Feld, bei Knorr waren es knapp 18.
"Das zeichnet diese Mannschaft aus, dass immer jemand kommen und das Spiel für uns drehen kann. Auch im Angriff. Darauf können wir aufbauen, aber es darf sich auch jeder an die eigene Nase fassen und unzufrieden sein, wenn er nicht so gut spielt." Lichtlein hatte ein in den Anfangsminuten vogelwildes deutsches Angriffsspiel Mitte der ersten Hälfte weitestgehend befriedet. "Lichtlein hat es sehr schlau geleitet in beiden Halbzeiten, wo er drauf war", lobte auch Bundestrainer Alfred Gislason seinen Mittelmann.
Knorr zeigte sich auch am Tag nach dem Spiel noch selbstkritisch: "Ich bin enttäuscht über meine Leistung", sagte er nach seinen zwei glanzlosen Hauptrundenauftritten gegen Portugal und Norwegen. "Mich nervt das extrem."
Nach der überraschenden Vorrundenniederlage gegen Serbien (27:30) hatte Knorr noch vehement mehr Einsatzzeiten für sich selbst eingefordert ("Verstehe ich nicht!"), nun wirbt er für einen direkten Positionskonkurrenten. Für Kretzschmar ein starkes Signal der Stärke: "Die Teamchemie stimmt, alle kommen gut miteinander klar."
"Juri, du kannst die Welt nicht retten"
DHB-Co-Trainer Erik Wudtke sagte vor der EM 2024, man müsse "Juri manchmal vor sich selbst schützen. Man muss ihm hin und wieder sagen: Juri, du kannst die Welt nicht retten. Du bist nicht für alles verantwortlich." Mangels hochklassiger Alternativen hatte Knorr zu oft selbst an schlechten Tagen bis zur Verzweiflung spielen müssen, inzwischen ist das anders: "Ich bin einfach froh, in so einer starken Mannschaft zu spielen", sagte er nach einem stressigen Abend.
Die deutsche Mannschaft steht bei der EM nun vor zwei Mega-Aufgaben: Aus den Spielen gegen Weltmeister und Olympiasieger Dänemark am Montag (20.30 Uhr/ARD und im Liveticker auf ntv.de) und gegen Europameister Frankreich am Mittwoch (18 Uhr/ZDF und im Liveticker auf ntv.de) reicht ein Sieg zum sicheren Einzug ins Halbfinale.