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"Vom deutschen Torwart gefressen"Wütender Wolff bringt Norwegern erst die Angst - und dann bricht er sie

24.01.2026, 23:43 Uhr
imageVon Till Erdenberger, Herning
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Andreas Wolff blickte den Norwegern tief in die Seele. (Foto: picture alliance / NTB)

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft darf weiter vom großen Coup träumen. Das hat sie vor allem ihrem Weltklassetorwart zu verdanken: Andreas Wolff verbreitet so viel Angst und Schrecken, dass seine Vorderleute gar nicht anders können, als zu gewinnen.

Als alles vorbei war, der deutsche Handball-Höllenritt durch Wut und Wahnsinn, durch Licht und Dunkelheit sein dramatisches aber glückliches Ende gefunden hatte, konnte sich Andreas Wolff nicht sofort freuen. Der Torwart-Gigant, der der deutschen Nationalmannschaft in den 60 Spielminuten zuvor das so unglaublich wichtige EM-Duell gegen Norwegen (30:28) nahezu im Alleingang gewonnen hatte, schüttelte entgeistert den Kopf. Er wirkte fast sauer trotz des Sieges, der die Tür ins Halbfinale weit geöffnet hat.

Wolf schrie während des Spiels. Teils tobte er. Und zwischendurch wirkte der Hüne, als wäre er kurz davor, jemandem etwas anzutun. Vor allem aber hielt er. Ball um Ball, einen freien Wurf der Norweger nach dem nächsten. Er tat das so erfolgreich, dass aller Mut, den sich die Mannschaft um Superstar Sander Sagosen zuvor beim fantastischen 35:34 über Spanien erspielt hatte, nach und nach aus ihren Wurfarmen wich.

"Ich finde, wir haben wirklich gut gespielt, wir haben viele Chancen auf den Flügeln und in den Außenpositionen herausgespielt", sagte Norwegens Trainer Jonas Wille hinterher, "aber wir haben das Duell gegen Wolff wieder nicht gewonnen. Das war das Hauptproblem."

"Man macht sich keine Gedanken mehr"

Am Ende schoben sich die Norweger den Ball von Mann zu Mann, bis sich noch irgendein Mutiger auftreiben ließ, der es versuchte. Oder eben ein Unglücklicher, der den Wurf nicht mehr vermeiden konnte. "Man macht sich keine Gedanken mehr, sondern schaut sich nur den Gegner an", sagte Wolff hinterher. Er schaute ihnen tief in die Seele. Andi essen Seele auf! "Deutschlands Torwart hat den norwegischen Schützen einen Schrecken eingejagt", schrieb das norwegische "Dagbladet": "Der deutsche Star-Torwart Andreas Wolff terrorisierte Norwegen und hielt die Deutschen im Spiel."

22 Paraden waren es am Ende für den deutschen Torwart, ein unglaublicher Wert. Fast noch absurder: Ab 30 Prozent gehaltener Bälle sprechen Handballer von Weltklasse - an Wolff waren an diesem Abend in Herning 44 Prozent der norwegischen Würfe abgeprallt.

"Andi gewinnt uns das Spiel alleine", sagte Rechtsaußen Lukas Zerbe hinterher und hatte damit trotz der grandiosen Leistungen von Marko Grgic (mit sieben Treffern bester deutscher Torschütze) und Franz Semper recht. "Man muss einfach sagen: Danke an Andi. Wahnsinn, wie oft er uns den Arsch rettet", schwärmte Grgic, der eine andere große Geschichte dieses Spiels geschrieben hatte. Hätte Wolff nicht die wohl außergewöhnlichste Torwartleistung des gesamten Turniers gezeigt, sein Team hätte schon zur Halbzeit hoffnungslos zurückgelegen.

Die deutsche Mannschaft präsentierte sich in der ersten Hälfte offensiv desolat, nahm verrückte, völlig unvorbereitete Würfe und leistete sich wieder technische Fehler. Mehr als zehn Fehlwürfe produzierten die deutschen Angreifer alleine im ersten Durchgang.

Und Wolff, der von der ersten Sekunde voll da war, wütete: Er brüllte Linksaußen Lukas Mertens an, weil der einen Abpraller nicht sichern konnte, später zog sich Juri Knorr den gerechten Zorn seines Schlussmanns zu. Mitte der zweiten Hälfte, nachdem sie einen 3-Tore-Rückstand aufgeholt hatte, schaffte es die deutsche Mannschaft halbwegs, dieses wilde Spiel zu befrieden. Und zu gewinnen. Am Ende wussten sie selbst nicht so recht, wie sie das geschafft hatten. Nicht auszudenken, was sonst passiert wäre.

Wäre Andreas Wolff Däne ...

Frisch sind noch die Bilder vom letzten Mal, als Andreas Wolff eine unglaubliche Leistung zeigte und das DHB-Team einen möglichen großen Sieg einfach wegwarf: Es war das WM-Viertelfinale im vergangenen Jahr, das Deutschland nach Verlängerung 30:31 gegen Portugal verlor und damit die ersehnte Medaille verpasste. Wolff ließ sich nach dem Schlusspfiff nur schwer beruhigen, zu tief saß die Enttäuschung. Er fühlte sich von seinen Vorderleuten im Stich gelassen, wollte hinterher in der Mannschaft ein paar Dinge ansprechen.

Es ist ein Segen für den deutschen Handball und vor allem der verdiente Lohn für dessen fantastischen Torwart, dass dieses Mal eine andere Geschichte erzählt werden kann. Deutschland braucht nur noch einen Sieg aus den Mammutaufgaben gegen Serienweltmeister Dänemark (Montag, 20.30 Uhr) und Europameister Frankreich (Mittwoch, 18 Uhr), um ins Halbfinale einzuziehen.

Handball-EMDeutschland vs Norwegen

Und so nahm Bundestrainer Alfred Gislason ein anderes Spiel als Referenz für den Wahnsinn von Herning: Das olympische Halbfinale vom vergangenen Jahr, als sich sein Titan in die Albträume der spanischen Angreifer schlich - und Deutschland durch ein 25:24 ins Endspiel einziehen konnte. Die olympische Silbermedaille ergänzt Wolffs Medaillensammlung nach dem sensationellen EM-Coup von 2016, als sein Stern aufging, und Olympiabronze 2016.

Wäre Andreas Wolff Däne, er wäre bereits vielfacher Weltmeister und Olympiasieger. So ist er die Lebensversicherung des deutschen Teams. Und frisst sich durch die Albträume gegnerischer Angreifer. Niemand hätte es mehr verdient, endlich wieder fette Beute zu machen.

Quelle: ntv.de

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