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Debüt mit Druck: Christian Prokop geht mit umstrittenen Personalentscheidungen in sein erstes großes Handballturnier.
Debüt mit Druck: Christian Prokop geht mit umstrittenen Personalentscheidungen in sein erstes großes Handballturnier.(Foto: dpa)
Mittwoch, 10. Januar 2018

Daniel Stephan zur Handball-EM: "Klappt es nicht, hat Prokop ein Problem"

Vor seiner ersten Bewährungsprobe als Handball-Bundestrainer überrascht Christian Prokop, indem er statt den Europameistern Finn Lemke und Fabian Wiede zwei Debütanten mit zur EM nach Kroatien nimmt. Vor allem der Verzicht auf Abwehrchef Lemke ist für den ehemaligen Nationalspieler und TV-Experten Daniel Stephan ein Risiko. Dennoch sieht er die "Bad Boys" bestens gerüstet, wenn es beim Projekt Titelverteidigung am Samstag (ab 17.15 Uhr im Liveticker) zum Auftakt gegen Montenegro geht, wie er im Interview mit n-tv.de betont.

n-tv.de: Mit seinem Kader für die Handball-EM hat Bundestrainer Christian Prokop viele überrascht. Sie haben gesagt, die Entscheidung könnte zum Bumerang werden. Glauben Sie, es ist ein Fehler, auf Abwehrchef Finn Lemke zu verzichten?

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Daniel Stephan: Eine Fehlentscheidung ist das nicht. Meine Äußerungen sind erst einmal nicht als Kritik an Prokop zu deuten. Er hat seine Spielphilosophie. Besonders in der Abwehr vertraut er mehr auf wendige und aktive Spieler und hat sich für Bastian Roschek anstelle von Finn Lemke entschieden. Trotzdem war ich davon sehr überrascht, Lemke war ja Dreh- und Angelpunkt der deutschen Abwehr. Und die ist in der Vergangenheit immer das Prunkstück gewesen. Nur: Wenn der Bundestrainer meint, Lemke passt nicht in sein Team - dann muss er das so machen. Aber der Druck ist jetzt gestiegen: Lemke ist nicht verletzt. Und wenn es nicht funktioniert, wird Prokop Probleme haben, seine Entscheidung zu begründen.

Daniel Stefan zählt die deutschen Handballer zu den Mitfavoriten beim Kampf um die EM-Medaillen.
Daniel Stefan zählt die deutschen Handballer zu den Mitfavoriten beim Kampf um die EM-Medaillen.(Foto: imago/foto2press)

Auch sein Trainer bei der MT Melsungen, Michael Roth, hat Unverständnis geäußert.

Das hat einige überrascht - wie ich gehört habe, auch die Spieler. Und da muss ein Trainer vorsichtig sein. Wenn man einen absoluten Leistungsträger nicht mit zu einem Großereignis mitnimmt, muss man natürlich weiterhin das Vertrauen der Spieler haben. Aber, wie gesagt: Wenn das der Weg des Bundestrainers ist, dann muss er das so machen. Meine persönliche Meinung ist: Ich glaube, ein Finn Lemke würde der deutschen Mannschaft guttun.

Daniel Stephan

Daniel Stephan ist einer der erfolgreichsten Handballer der Geschichte. 1998 wurde er als erster Deutscher zum Welthandballer gewählt, mit der Nationalmannschaft holte er die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 2014 in Athen, bei Europameisterschaften gewann er sowohl Silber (1998) als auch Bronze (2002). Stephan, der mehr als dreizehn Jahre beim TBV Lemgo spielte, hat seine Karriere nach der Saison 2007/2008 beendet und ist inzwischen als TV-Experte tätig.

Nun ist Lemke ein reiner Abwehrspezialist. Das kann ja auch ein Nachteil sein, wenn man nach jeder Angriffsaktion erst einmal wechseln muss.

Dasselbe Problem hat der Trainer, wenn er Bastian Roschek bringt. Auch er wird kaum eine Minute im Angriff spielen - wir verfügen schließlich mit Patrick Wiencek, Jannik Kohlbacher und Hendrik Pekeler über drei Kreisläufer im Kader. Das ist sozusagen ein 1:1-Wechsel. Der einzige Unterschied ist, dass er meint, mit Roschek sein Konzept einer offensiven und aggressiveren Abwehr besser umsetzen zu können. Ob das aufgeht, wird sich zeigen.

Es ist ja immerhin nicht ausgeschlossen, dass der Abwehrchef nachnominiert wird. Der Bundestrainer darf bis zu sechs Spieler austauschen.

Der DHB-Kader für die Handball-EM

Tor: Silvio Heinevetter (Füchse Berlin), Andreas Wolff (THW Kiel)

Linksaußen: Uwe Gensheimer (Paris St. Germain HB/FRA)

Rückraum links: Maximilian Janke (SC DHfK Leipzig), Julius Kühn (MT Melsungen), Paul Drux (Füchse Berlin)

Rückraum Mitte: Steffen Fäth (Füchse Berlin), Philipp Weber (SC DHfK Leipzig)

Rückraum rechts: Kai Häfner (TSV Hannover Burgdorf), Steffen Weinhold (THW Kiel)

Rechtsaußen: Patrick Groetzki (Rhein-Neckar Löwen), Tobias Reichmann (MT Melsungen)

Kreis: Jannik Kohlbacher (HSG Wetzlar), Patrick Wiencek (THW Kiel), Hendrik Pekeler (Rhein-Neckar Löwen), Bastian Roschek (SC DHfK Leipzig)

Diese Wechselei hat schon im vergangenen Jahr bei der WM in Frankreich nicht funktioniert, sondern Unruhe ins Team gebracht. Ich glaube nicht, dass man jetzt sagt: Wenn es nicht so richtig läuft, habe ich noch wen in der Hinterhand, den nominieren wir nach. Das ist allein daher schwierig, weil die, die nicht von Beginn an im Kader stehen, daheim in Deutschland bleiben. Klar, die trainieren und halten sich fit. Aber jemanden nachzuholen, birgt immer Risiken.

In der Vergangenheit war es oft so, dass sich Spieler kurz vor oder während eines Turniers verletzt haben. Dann musste der Bundestrainer reagieren und taktisch noch mal umstellen. Jetzt sind tatsächlich alle Leistungsträger fit und er kann frei auswählen.

Klar, wenn sich jemand verletzt, muss der Trainer reagieren. Wie vor zwei Jahren in Polen, als Deutschland den EM-Titel geholt hat. Aber da war es nicht so, dass wir gesagt haben: Okay, die Leistung stimmt nicht, sondern da haben sich im Turnierverlauf zwei Spieler verletzt. Mit Kai Häfner und Julius Kühn kamen zwei, die sensationelle Leistungen gebracht haben, da hat das funktioniert. Aber ich warne davor, ohne Not zu viel zu wechseln. Wer den 16 Spielern einmal das Vertrauen ausgesprochen hat, muss ihnen auch den Halt geben.

Eine der großen Stärken der Deutschen war stets, dass sie über das Team kommen - auch, weil die großen Stars fehlen. Sowas entwickelt sich meistens erst im Turnier.

Deutschland verfügt über einen sehr, sehr hochwertigen Kader, das ist sensationell. Das ist unsere Stärke, wir haben viele Akteure, die ein Spiel entscheiden können. Allerdings ist genau das das Problem, nämlich wenn es nicht läuft - wie bei der WM in Frankreich gegen Katar. Dann gibt es eben nicht den einen Führungsspieler, der die Mannschaft nach vorne trägt und heraussticht. Andere Nationen haben diese Akteure, die Franzosen einen Nikola Karabatić, die Dänen einen Mikkel Hansen. Wir haben in der Breite eine sehr gute Qualität, in der Spitze fehlt vielleicht jemand. Das ist ein wenig Stärke und Schwäche zugleich.

Stefan Kretzschmar hat in einem Interview mit dem "Spiegel" jüngst bemängelt, der deutsche Handball bringe keine "Heros" hervor, die größeres Zuschauerinteresse wecken. Eigentlich paradox, weil die Qualität ist ja da.

Uwe Gensheimer ist einer der Stars im deutschen Team.
Uwe Gensheimer ist einer der Stars im deutschen Team.(Foto: imago/Heuberger)

Es wäre schön, wenn wir so einen Spielertyp hätten. Aber den kann man nicht schnitzen. Uwe Gensheimer wäre einer, der heraussticht, auch weil er beim internationalen Topklub Paris Saint-Germain spielt. Diese Typen waren der frühere Bundestrainer Heiner Brand oder auch Kretzschmar. Die sind nicht nur durch den Handball auffällig geworden, sondern auch abseits des Platzes. Diese Rolle will aber nicht jeder haben.

Uwe Gensheimer ist der einzige, der im Ausland spielt. Ist das ein Problem?

Klar, es kann interessant sein, im Ausland Erfahrungen zu sammeln. Aber die Bundesliga ist noch immer die stärkste Liga der Welt. Wer sich hier durchsetzt, wird auf internationalem Niveau bestehen, ob mit der Nationalmannschaft oder in der Champions League.

Frankreich gehört seit Jahren zur absoluten Weltspitze, auch Dänemark zählt zum Favoritenkreis. Wen sehen Sie beim Turnier in Kroatien vorne?

Ich glaube, dass es fünf bis sechs Mannschaften gibt, die um die Medaillen spielen. Gerade deswegen ist eine EM auch so interessant, vom Wettkampfcharakter her fast spannender als eine Weltmeisterschaft. Die Qualitätsdichte der Nationalmannschaften ist in Europa sehr hoch. Da können viele um den Titel mitspielen, auch Kroatien als Gastgeber wird nur sehr schwer zu schlagen sein. Dazu Frankreich, Norwegen, Dänemark, Spanien, Schweden und natürlich Deutschland, das sind schon mal sieben Mannschaften. Der Unterschied ist einfach nicht mehr so groß wie früher, die Spitze ist zusammengerückt.

Und Deutschland?

Hat sich wieder herangekämpft, nachdem unsere Nationalmannschaft den Anschluss komplett verloren hatte. Durch die hervorragende Arbeit von Dagur Sigurdsson haben wir groß aufgeholt und mit dem Europameistertitel alle überrascht. Klar wird das schwer, eine Medaille zu holen, das muss trotzdem das Ziel sein, sprich: das Halbfinale zu erreichen. Das muss jedoch hart erarbeitet werden, ein Selbstläufer wird das auf keinen Fall.

Als Titelverteidiger sind die "Bad Boys" nun die Gejagten, ist das ein Nachteil?

Das glaube ich nicht. Das Selbstbewusstsein müssen wir in die EM mitnehmen. Wir haben den Respekt der anderen Nationen, eben auch weil wir diesen Titel haben. Der Druck besteht immer, wenn du eine EM spielst, egal ob man jetzt eine Bronzemedaille geholt hat oder den Titel verteidigt. Wir können stolz sein auf das, was wir in der Vergangenheit geleistet haben.

Also eher eine zusätzliche Motivation.

Ganz genau, positiver Druck.

Mit Daniel Stephan sprach Judith Günther.

Quelle: n-tv.de