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Thiel zum Rohrzangen-Ritual "Körperliche Gewalt, das geht nicht. Punkt"

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Andreas Thiel bestritt 525 Spiele in der Handball-Bundesliga und gewann 1984 Olympia-Silber mit der Nationalmannschaft.

(Foto: imago/Eibner)

Ole B. wird diesen Tag vor drei Jahren nicht mehr vergessen Mit einer Rohrzange bearbeiteten seine Mitspieler in der Jugendakademie der SG Flensburg-Handewitt die Brustwarze des damals 16-jährigen Nachwuchshandballers. Diesem radikalen Ritual, so war im Spiegel zu lesen, mussten sich damals sämtliche Neuzugänge der Flensburger Eliteschmiede unterziehen. Mindestens Ole B.s Handballkarriere ist daran zerbrochen. Und beinahe auch er. Ja, es gibt Aufnahmerituale, bestätigt auch Andreas Thiel (59), Justitiar der Handball-Bundesliga und seit Sommer vergangenen Jahres auch Präsident der Frauen-Bundesliga. Doch die seien deutlich harmloser als das, was in Flensburg passiert ist, so der einstige Weltklasse-Torhüter mit dem Beinamen "Hexer"

n-tv.de: Herr Thiel, Sind solche Initiationsriten im Handball Usus?

Andreas Thiel: Nein, solche Initiationsriten ganz sicher nicht. Da ist offensichtlich etwas extrem aus dem Ruder gelaufen. Aber natürlich gibt es Aufnahmerituale im Handball wie in anderen Mannschafts-Sportarten auch. Oder sagen wir so: Es gab sie. Ob es sie im heutigen professionellen Bereich noch gibt, weiß ich nicht. Ich habe sie aber früher, als Handball noch den Charakter einer großen Klassenfahrt mit Bezahlung hatte, selbst erlebt. Meine Zeit halt. Beim VfL Gummersbach gab es in der Vorbereitung den klassischen Mannschaftsabend, an dem die Neuen einen halben Liter Bier exen und danach über ein bestimmtes Thema aus dem Stand referieren mussten. Das war witzig, das war manchmal auch sensationell.

Und worüber haben Sie referiert?

Dieses Ritual wurde eingeführt, als ich schon Kapitän war. Ich musste tatsächlich gar nichts machen. Bei der Nationalmannschaft – das gab es bei den Schweden übrigens auch – musste man über sein "erstes Mal" berichten. Da ist der halbe Liter Bier vorher nicht ganz unwichtig. Aber das war es dann auch. Ich kann mich nicht erinnern, dass irgendjemand irgendwo zwei Minuten unter der zugefrorenen Ostsee schwimmen oder nackt im Schnee sich wälzen musste. Da sind in Flensburg ganz sicher Dinge komplett schief gelaufen. Und das ist noch ein wenig zu euphemistisch ausgedrückt.

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Thiel war zu seiner Zeit selbst einer der besten Torhüter der Welt.

(Foto: imago/Sven Simon)

Woher kommt diese Härte? Hat das mit dem selbstgewählten Image der Handballer zu tun?

Das hat gar nichts damit zu tun, dass Handballer harte Hunde sind, die sich über 60 Minuten mit allen erlaubten und unerlaubten Mittel bekämpfen, um ein Spiel zu gewinnen. Das Ganze erinnert mich eher an Schulklassen, in denen der Außenseiter fertiggemacht wird. Das passt nicht zu uns Handballern.

Was sagen Sie denn als Justitiar der Handball-Bundesliga dazu?

Dazu sage ich, dass nach Kenntnis der HBL Flensburg – und das dürfte unstrittig sein – den Vorfall von vor drei Jahren umfassend aufbereitet hat, dass sich Dinge dieser Art hoffentlich nicht wiederholen können. Wobei: Ausschließen kann man das bei den pubertierenden Knaben ja nie. Man kann sie ja nicht 24 Stunden kontrollieren.

Inwiefern ist Tabellenführer Flensburg da in der Verantwortung?

Man könnte rechtlich spitzfindig argumentieren, aber letztlich ist es die Jugendakademie der SG, die dazu dient, für die Bundesligamannschaft Talente auszubilden und – wenn machbar – auch in den Bundesligakader zu integrieren. Klar können die Flensburger sagen: Das hat mit uns rechtlich nichts zu tun. Aber das ist aus meiner Sicht Augenwischerei. Flensburg hat Verantwortung übernommen, und die Konsequenzen sind gezogen worden. Die Sensibilisierung, die wir als HBL leisten können, findet sich im Audit-Verfahren im Jugendzertifikat wieder. Mehr kann die HBL als Dachverband nicht tun.

Muss man so eine Behandlung als Handballer aushalten?

Das muss man auch als Handballer nicht aushalten. Das ist übergriffig, das sprengt aus meiner Sicht alle Grenzen und hat nichts mit harter Schule zu tun. Das regeln Handballer anders. Wenn ich als Jungspund beim Kicken im Training beispielsweise Gerd Rosendahl (früherer VfL- und Nationalmannschaftsspieler, Anm. der Red.) ausgespielt hatte, dann hat er mich umgegrätscht und mich angegrinst. Das ist okay für Handballer, auch wenn viele andere das nicht so sehen werden. Wir Handballer regeln die Dinge auf dem Feld, und anschließend trinkt man ein Bier miteinander. Aber grenzverletzende Dinge wie in Flensburg gehen gar nicht. Ich kann verstehen, wenn sich danach jemand ausklinkt.

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Handball ist eine der körperbetontesten Mannschaftssportarten der Welt.

(Foto: imago/Annegret Hilse)

Man ist kein Weichei, wenn man da nicht mitmacht.

Um Gottes Willen. Körperliche Gewalt in einer derart vorsätzlichen Weise, das geht nicht. Punkt. Aus.

Gilt man als Nestbeschmutzer, wenn man solche Geschichten auspackt?

Bei dieser Geschichte sicher nicht.

Sonst aber schon…

… es gibt nun mal in jeder Mannschaftssportart ein geschriebenes und auch ein ungeschriebenes Regelwerk. Wenn du hinreichend vernünftig an diese Dinge herangehst, weißt du, was okay ist und was nicht. Das sollte der gesunde Menschenverstand einem sagen. Wenn überzogen wird, muss die Gruppe das regeln. Das tut sie normalerweise auch, und das intern. Kann eine Gruppe nicht gegensteuern, dann funktioniert eine Mannschaft nicht.

Was halten Sie persönlich von solchen Aufnahmeritualen?

Sich bei einem Mannschaftsabend einmal zum Affen zu machen, finde ich nicht schlimm. Da muss man durch. Und wenn man das witzig macht, sorgt das auch für das Renommee innerhalb der Mannschaft. Aber so etwas wie in Flensburg? Ne, bitte nicht.

Ist das so ein Männerding?

Nein, auch bei meinen Leverkusener Handball-Mädels gibt es Mannschaftsabende, bei denen einzelne Spielerinnen zur Belustigung der Truppe etwas vorführen müssen. Die machen sich schon Gedanken. Das läuft nach dem Motto: Wenn du dazugehören willst, dann musst du da nun durch.

In Flensburg zeigte man sich irritiert darüber, dass die Vorkommnisse aus dem Jahr 2016 drei Jahre danach ausgerechnet am Tag vor dem Derby in Kiel publik gemacht wurden.

Ich halte wenig von Verschwörungstheorien, seltsam aber ist es schon. Der NDR kannte die Geschichte schon lange, weil die Mutter des Betroffenen dort angestellt ist. Die Absprache war, dass die Geschichte intern bleiben solle, bis der junge Mann sein Abitur in der Tasche habe. Ich bin ein großer Verfechter davon, Dinge intern zu regeln. In diesem Fall jedoch nicht. Den Zeitpunkt allerdings hinterfrage ich, ohne dass ich damit sagen will, dass das etwas mit dem Nordderby zu tun hat.

Mit Andreas Thiel sprach Arnulf Beckmann

Quelle: n-tv.de

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