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WM trotz Hitze, dank Bestechung Leichtathleten müssen Profitgier ausbaden

Extrem hohe Temperaturen, leere Ränge im Stadion und eine fragwürdige Auslegung der Menschenrechte: Katar ist Gastgeber der Leichtathletik-WM. Während der Verbandspräsident keine Probleme sieht, sind einige Athleten schwer enttäuscht.

Tiefschwarze Nacht, alles schläft, nur ein paar verrückte Sportler sind in der katarischen Wüstenmetropole Doha verdammt schnellen Schrittes unterwegs. Was nach einer lustigen, etwas kuriosen Laufgruppe klingt, wird tatsächlich ein Wettbewerb der Leichtathletik-Weltmeisterschaft sein, die am Freitag eröffnet wird. Bei brutal heißen 30 Grad werden die Geher ihren Wettbewerb über 50 Kilometer abspulen, werden sich die Marathonläuferinnen und -läufer auf ihren Weg machen. All das um Mitternacht Ortszeit, also um 23 Uhr deutscher Zeit. Allzu viele Zuschauer werden die Läufer und Geher mutmaßlich nicht anfeuern.

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Geher Carl Dohmann sieht vor allem ein Problem darin, nachts leistungsfähig zu sein.

(Foto: imago images / Bildbyran)

Bei den Wettbewerben am Tag wird die Kulisse allerdings ebenfalls nicht herausragend sein, dem "Guardian" zufolge wurden erst 50.000 Tickets für die zehn Wettkampftage verkauft. Die oberen Ränge des Stadions, das 40.000 Plätze bietet, wurden schon abgedeckt. Bleiben immer noch 20.000 - zum Teil wohl leere - Plätze. Zum Vergleich: Bei der Leichtathletik-Europameisterschaft im vergangenen Jahr feuerten im Schnitt mehr als 50.000 Fans im Berliner Olympiastadion ihre Idole an.

40 Grad draußen, 23 im Stadion

Nun, Katar hat nicht gerade einen Ruf als Sportnation, in die man unbedingt reisen muss. Dagegen sprechen allein schon die klimatischen Bedingungen: 30 Grad in der Nacht, bis zu 40 Grad am Tag, bei elf Stunden Sonne, staubigem Wind und null Prozent Niederschlagsrisiko. Das ist alles andere als geeignet für Sportler, insbesondere für Ausdauersportler. Ihre Wettbewerbe wurden kurzerhand in die Nacht verlegt. Nicht alle Athleten schlucken das einfach so. "Wenn es mal Funktionäre geben würde, die sich um die Sportler und nicht um die Kohle kümmern, wäre die WM wohl in ein Land vergeben worden, in dem es nicht so abartig hohe Temperaturen gibt", ärgert sich etwa Speerwerfer Johannes Vetter, der in Doha seinen WM-Titel verteidigen möchte. Dabei hat er es als Athlet, der im Stadion um Medaillen kämpft, noch verhältnismäßig gut. Die Arena soll auf 23 Grad heruntergekühlt werden, reguliert mit einer Klimaanlage, die 40 Prozent schonender sein soll als vergleichbare Anlagen. Freundliche Grüße an Fridays for Future übrigens.

Recht ist das den Sportlern dennoch nicht. "Wir machen uns bei 40 Grad warm und kommen dann ins Stadion, das runtergekühlt wurde. Da muss man aufpassen, dass man selber nicht zu sehr runterkühlt", sagt Sprinterin Gina Lückenkemper. Geht es nach Weltverbandspräsident Sebastian Coe ist die Hitze aber gar nicht dramatisch, sondern vielmehr eine große Übung für die Olympischen Spiele im kommenden Jahr: Die finden in Tokio statt, wo es noch heißer werden soll. So kann man sich die Vergabe also auch schönreden.

"Tummelplatz skrupelloser Arbeitgeber"

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Gina Lückenkemper fürchtet die Klimaanlage.

(Foto: picture alliance/dpa)

Denn die ist das nächste Problem der WM. Katar hat das Event im Jahr 2014 unter sehr dubiosen Umständen zugeschustert bekommen. Höchstwahrscheinlich unter Einsatz von viel Geld. Die französische Zeitung "Le Monde" recherchierte, dass schon im Herbst 2011 3,5 Millionen Dollar geflossen sind. Damals war noch der skandalumwitterte Lamine Diack Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF. Seit 2015 steht er unter Hausarrest, ihm soll wegen Korruption der Prozess gemacht werden. Auch sein Sohn Papa Massata ist in die Machenschaften verwickelt. Dessen Agentur soll das Geld erhalten haben - von der katarischen Firma Oryx QSI. Die ist verbandelt mit Nasser al-Khelaifi, Chef des katarischen Staatsfonds QSI und Präsident des französischen Fußballklubs Paris Saint-Germain. Der sagt, die 3,5 Millionen Dollar seien eine Anzahlung für ein TV-Rechte-Paket gewesen. Aufgeklärt ist das alles bis heute nicht.

Genauso dubios ist die Menschenrechtslage in Katar. Immer wieder gibt es Berichte von Arbeitern, die wie Sklaven gehalten werden. Angebliche Reformen scheinen nur wenig zu verbessern. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International bezeichnet Katar als einen "Tummelplatz skrupelloser Arbeitgeber". Unzählige Mitarbeiter "blieben ohne Bezahlung in ärmlichen Unterkünften hängen. Sie arbeiteten monatelang unbezahlt und wurden von einem System enttäuscht, das sie nicht schützte." Mehrere Menschen sind auf Baustellen - auch für die Fußball-WM 2022 - gestorben.

"Nicht scheinheilig sein"

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Malaika Mihambo wäre lieber in einem anderen Land angetreten.

(Foto: imago images / Beautiful Sports)

Homosexuelle Sportler sollten in dem Staat, der das als Vergehen ansieht und Gefängnisstrafen von bis zu sieben Jahren verhängt, ebenfalls vorsichtig sein. Geher Tom Bosworth lebt seit 2015 offen homosexuell. Dem "Guardian" sagte er, er werde sicherlich "nicht mit der Regenbogenflagge die Straße herunterlaufen". Er wolle zwar nicht verbergen, wer er sei, aber: "Aber ich bin ausschließlich für den Wettkampf hier". In Katar, dem Amnesty International "willkürliche Einschränkungen" und "Menschenrechtsverletzungen" bescheinigt, sicherlich eine vernünftige Ansicht.

Coe sieht in dem allen kein Problem: "Wir dürfen nicht scheinheilig sein. Wenn wir daran glauben, dass Sport globalisiert sein muss, müssen wir globale Kapazität aufbauen." Würde er einige seiner Athleten befragen, würde er durchaus anderes zu hören bekommen. Deutschlands Goldmedaillenhoffnung im Weitsprung, Malaika Mihambo, sagt dem Deutschlandfunk: "Ein Mitspracherecht wäre schön." Und: "Als Athlet wird man sicherlich sehr gute Bedingungen vorfinden. Als Gastarbeiter, der beim Stadionbau geholfen hat, ist es wahrscheinlich etwas anders."

Quelle: ntv.de