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Münchner Trainingslager in Katar Der FC Bayern spielt mit der Menschenwürde

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Die Idylle im Trainingslager des FC Bayern in Katar trügt.

dpa

Der FC Bayern fliegt ins Trainingslager nach Katar - und die Klub-Bosse loben die verbesserte Menschenrechtssituation vor Ort. Ihre Aussagen sind falsch und gefährlich. Was passiert wirklich in Katar? Ein Faktencheck.

Alle Jahre wieder: dieselben Ausreden, dieselben Wischiwaschi-Statements von Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß - dieselbe Reiseroute. Der FC Bayern München fliegt auch Anfang 2019, zum neunten Mal in Folge, nach Katar, um sich dort im Wintertrainingslager auf die Rückrunde der Fußball-Bundesliga vorzubereiten. Und mag so gar nichts Verkehrtes in seiner Kooperation mit dem Emirat an der Ostküste der arabischen Halbinsel erkennen.

Der Vorstandsvorsitzende Rummenigge sagte noch kurz vor der Reise der Münchner der "tz" und der "Abendzeitung", dass "Katar auf öffentliche Kritik reagiert und Änderungen realisiert hat. Dazu zählen die positive Entwicklung der Rechtslage für Wanderarbeiter und Verbesserungen der Arbeitsrechte in Katar". Aber stimmt das? Zeit, die Münchner Worte mal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Seit wann ist Rummenigge Menschenrechtsexperte?

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Wenzel Michalski ist der Direktor von Human Rights Watch Deutschland

(Foto: imago/Jürgen Heinrich)

Wenzel Michalski, Direktor von Human Rights Watch Deutschland, zeigt sich im Gespräch mit n-tv.de überrascht: "Ist Rummenigge heimlich Menschenrechtsexperte geworden? Wie kommt er zu dieser Aussage? Das kann man so nicht sagen und erinnert an Franz Beckenbauers Aussage, in Katar gebe es keine Sklaven."

Rummenigge und der FC Bayern ignorieren den anhaltenden repressiven und menschenverachtenden Umgang mit den mehr als 1,9 Millionen Arbeitsmigranten in Katar, die hauptsächlich aus Indien, Nepal und Pakistan stammen. "Es gibt zwar Reformen, aber die klingen nur auf dem Papier toll. Ihre Umsetzung greift noch nicht", sagt Michalski. So soll jetzt ein, wenn auch sehr geringer, Mindestlohn ausgezahlt werden, Pausen und arbeitsfreie Tage eingeführt und das Kafala-System, das den ausländischen Arbeitern in Katar die Pässe wegnahm und die Ausreise verbot, abgeschafft worden sein.

Eine Sprecherin von Amnesty International bekräftigt jedoch gegenüber n-tv.de, dass es bei der Ausbeutung von Arbeitsmigranten seit 2013 "keine nachhaltigen Verbesserungen in Katar gegeben hat". Erst im September 2018 enthüllte die Menschenrechtsorganisation, dass viele Arbeiter monatelang selbst an prestigeträchtigen WM-Baustellen keinen Lohn erhielten. Auch Michalski kann diese Berichte bestätigen und fügt an, dass "die Menschenrechtslage besonders für Hausangestellte immer noch sehr schlecht ist, denn für sie gelten die Reformen nicht mal".

"Es gibt noch viele Menschenrechtsverletzungen"

Und überhaupt: Freie Meinungsäußerung oder Versammlungsfreiheit, internationale Menschenrechtsstandards, werden in Katar stark eingeschränkt, Gewerkschaften gibt es nur für Kataris. Frauen, so die Sprecherin von Amnesty, werden "weiter durch Gesetze und im Alltag benachteiligt" und eine "Anhebung des Strafmündigkeitsalters, das in Katar immer noch bei sieben Jahren liegt und damit internationale Menschenrechtsstandards verletzt", sei dringend nötig.

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Unklar, ob auf den Baustellen für die WM-Stadien alles richtig läuft.

(Foto: imago/Kyodo News)

Zurück zu den Arbeitern, die Rummenigge ja explizit erwähnt. Die Baustellen der WM-Stadien für das Turnier 2022 sind für den Golf-Staat Prestigeprojekte. Wenn es selbst dort noch zu Problemen kommt, wie sieht es dann andernorts mit Rummenigges "positiver Entwicklung" aus? "Zu Baustellen im Hinterland, zum Straßenbau, zu den Menschen, die den Beton mischen, erhält man gar keinen Zugang", sagt Michalski. "Das ist alles sehr intransparent und da gibt es noch viele Menschenrechtsverletzungen." Überlastung, extreme Hitze, die manchmal zu Herzinfarkten führe und andere Todesfälle fänden immer noch statt. "Und diese Todesfälle werden gar nicht untersucht, so können Missstände nicht beseitigt werden."

"Ein Bayern-Trikot kommt mir nicht mehr in den Schrank"

Auch viele Bayern-Fans sind entrüstet ob der immer größer werdenden Kooperation mit dem Emirat. Erst das Trainingslager in Doha, dann der Sponsoren-Deal mit dem Hamad International Airport (auch hier gab es vermehrt Berichte über sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse) und seit dieser Saison Qatar Airways als Premium-Partner samt Ärmel-Werbung, die den Bayern zehn Millionen Euro pro Jahr einbringt. "Ein Bayern-Trikot kommt mir nicht mehr in den Schrank", sagt Justin Kraft, Autor beim Bayern-Blog Miasanrot.de. "Wir kritisieren schon seit Jahren die Machenschaften des FCB mit einem Staat, in dem Menschenrechte kaum existieren: Aus moralischer Sicht ist das eine absolute Katastrophe." Kraft verweist auf die eigene Geschichte und den jüdischen Vereinspräsidenten und "Erfinder" des FC Bayern: "Der FC Bayern verrät sich dadurch selbst, Kurt Landauer dreht sich im Grab um."

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Die Fans üben auch öffentlich Kritik an ihrem Klub.

(Foto: imago/MIS)

Was haben die Bayern-Bosse noch behauptet? In Katar gebe es schlichtweg "hervorragende Trainingsbedingungen". So erklärt zum Beispiel Bayern-Präsident Hoeneß das Trainingslager. Mehr Wischiwaschi, mehr Ausrede geht nicht. Es gibt auf der Welt reichlich andere Ort mit guten Trainingsanlagen und Sonne. "Uli Hoeneß hat über die Jahre immer wieder etwas von einem Wertekompass und der Abgrenzung zu Klubs wie Manchester City, FC Barcelona oder Paris St. Germain, die von den Geldern aus den Golf-Staaten abhängen, erzählt", sagt Kraft von Miasanrot. "Die Deals mit Katar machen seine Statements zunichte."

Zurück zu Rummenigges Aussagen vor dem Abflug nach Doha. Vielleicht hat ja der Vorstandsvorsitzende seinen Wertkompass noch nicht verloren? "Wir stehen mit unseren Partnern in Katar in regelmäßigem Austausch über Entwicklungen in unseren Gesellschaften, der das Thema der Menschenrechte und die Rechte von Arbeitern bzw. Arbeitnehmern einschließt." Wieder Wischiwaschi, denn diese Sätze sagen eigentlich alles und nichts aus. Von diesem regelmäßigen Austausch bekommt man nämlich in der Öffentlichkeit, die die Bayern doch sonst so gerne konsultieren, nichts mit. Konkrete Projekte zur Förderung der Menschenrechte in Katar? Nichts. "Wenn man schon hinfährt, dann muss man da aktiv etwas angehen", zeigt sich Kraft enttäuscht. "Einmal gab es ein Panel mit der Frauen-Mannschaft, aber das war auch bloß eine Marketing-Aktion."

Rummenigges Aussagen sind gefährlich

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Das Wetter ist super, stimmt. Aber das ist es andernorts auch.

(Foto: dpa)

Die Würde des Menschen sei "unantastbar", hatte Rummenigge bei der legendären Pressekonferenz im Oktober gesagt. Das gilt wohl nur in den Räumen der Säbener Straße. Aber auf keinen Fall in Katar. Rummenigges Aussagen über die Situation der Arbeiter vor Ort sind falsch. Aber nicht nur das: Sie sind gefährlich. Auch wenn die Reformen im Golf-Staat bisher nur auf dem Papier stehen, sind sie doch ein erster wichtiger Schritt. Immenser öffentlicher Druck war dafür nötig - und wird auch weiterhin nötig sein.

"Wenn Rummenigge nun behauptet, dass alles gut sei, dann laufen wir Gefahr, dass die Machthaber in Katar sich entspannt zurück lehnen", sagt Human Rights Watch Direktor Michalski. Ergo: Lässt der öffentliche Druck jetzt nach, oder posaunen gar noch einflussreiche Funktionäre wie der Vorstandsvorsitzende Falschmeldungen in Mikrofone, dann verbessert sich die schlimme Situation in Katar sicherlich nicht mehr. Vielleicht entwickelt sie sich sogar zum Schlechteren.

Quelle: n-tv.de

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