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Doping-Whistleblower prangert an "Mentalität des Betrügens und Leugnens"

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Russlands Präsident Wladimir Putin habe von der Dopingmanipulation gewusst, bezeugt Whistleblower Grigori Rodtschenkow. Die Informationen seien über Witali Mutko (r.) weitergegeben worden.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Wladimir Putin hat vom russischen Staatsdoping gewusst, sagt Whistleblower Grigori Rodtschenkow. Er ist "ein Idiot", ist Putins Antwort. Während über die Vergangenheit gestritten wird, droht eine ähnlich dreckige Olympia-Zukunft.

Russische Athleten dürfen bei den Olympischen Winterspielen nur unter neutraler Flagge starten. Aber was heißt hier nur? Sie dürfen starten. Und so werden nach Stand der Dinge 168 Sportler aus Russland in Pyeongchang dabei sein - Eisschnelläuferin Olga Graf verzichtet mit dem Verweis auf "diskriminierende und demütigende Bedingungen, um die Ehre des Landes zu verteidigen". Damit werden sie immer noch die viertgrößte Delegation stellen - trotz des Dopingskandals, bei dem sie in einem staatlich gelenkten System betrogen.

Whistleblower Gergori Rodtschenkow betont: "Es ist eine Mentalität des Betrügens, Lügens und Leugnens." Für den ehemaligen Leiter des Moskauer Analysebüros ist klar: "Es gibt keine Strafe für Athleten. Wissen Sie, warum sollten Athleten die Wahrheit über sich selbst sagen, dann müssten sie ihre Goldmedaille zurückgeben." Zudem seien alle Sportfunktionäre, die involviert waren und von Doping wussten, unantastbar und nach wie vor im Amt.

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Grigori Rodtschenkow belastet Staatspräsident Wladimir Putin schwer.

(Foto: picture alliance / Valeriy Melni)

Rodtschenkow sagte das in einem Interview mit Hajo Seppelt und Andrea Schültke für den Deutschlandfunk und die ARD-Dokumentation "Geheimsache Doping". Die Reaktion des russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin folgt prompt: Rodtschenkow sei ein "Idiot mit deutlichen Problemen. Man muss ihn ins Gefängnis stecken". Mit diesen harschen Worten kontert er auch direkte Anschuldigungen Rodtschenkows, der ihn der Mitwisserschaft des Staatsdopings bezichtigt. "Ja, er kann es nicht leugnen", hatte der Whistleblower gesagt. "Ich weiß von Mutko (Witali, russischer Sportminister, Anm. d.Red), dass Putin viele Details kannte. Mutko erzählte mir, dass Putin sich an meinen Namen erinnern konnte. Er wusste alles. Es war ja eine ganz einfache Kette: Ich habe an Nagornych (Juri, den damaligen stellvertretenden Sportminister, Anm. d. Red.) berichtet, Nagornych an Mutko und Mutko an Präsident Putin. Putin wollte alles wissen. Und seine Herangehensweise war so: "Sag' mir, was dein Problem ist, und wir werden alles tun, um es zu lösen."

Das kann und will der russische Staat nicht auf sich sitzen lassen und so reagiert auch der Kreml: "Das ist eine weitere Verleumdung, die auch nicht ein Körnchen Wahrheit in sich trägt", sagt Sprecher Dmitri Peskow. Tatsächlich ist es den Ermittlern bislang nicht gelungen, eine Verknüpfung zum Präsidenten herzustellen. Und so gibt es in der Informationskette nur zwei, die Konsequenzen tragen müssen: Nagornych und Mutko sind seit den Enthüllungen Rodtschenkows sowie des Sonderermittlers der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, Richard McLaren, lebenslang für Olympia gesperrt.

"Alle russischen Athleten des Nationalteams waren gedopt"

Die Winterspiele in Sotschi 2014 waren für Putin zu wichtig, als dass er die Kontrolle abgeben wollte, erklärt der in die USA geflüchtete Rodschenkow, der vom FBI geschützt wird. Doch nicht erst seit der Vergabe der Winterspiele an Russland existiert seinen Aussagen zufolge ein ausgeklügeltes Doping-System im Land. Schon seit 1980 werde an dem Dopingprogramm geforscht. Damals fanden die Olympischen Sommerspiele in Moskau statt. Zeitgleich wurde das Anti-Doping-Labor in der UdSSR zugelassen. "Sie können kein Dopingprogramm starten, ohne Zugang zu einem Dopingkontrolllabor zu haben. Das ist die goldene Regel. Als ich 1985 angefangen habe im Moskauer Labor zu arbeiten, war das ganze Dopingsystem schon an Bord", so Rodtschenkow im Interview.

"Vor Peking war es sehr einfach. Man konnte tun, was man wollte - und alle russischen Athleten des Nationalteams waren gedopt", sagt Rodtschenkow. "Zwischen Peking 2008 und London 2012 haben wir unsere Strategie geändert, wie man Doping vertuschen kann. Wir haben alles kontrolliert." Für Sotschi sei das Staatsdoping schließlich zur Perfektion gebracht worden. Rodtschenkow erklärt: "Das war Teamwork. Es war das Sportministerium, das alles bezahlt hat. Sie kauften für uns die neuesten Instrumente, die neuesten Modelle und neue Computer. Sie gaben Geld für wissenschaftliche und andere Forschungsarbeiten. Wir hatten gute Informationen, waren immer einen Schritt voraus."

"Sie geben niemals einen Trick zu"

*Datenschutz

Im Interview bekräftigt der Whistleblower noch einmal seine Aussagen von 2016, dass der Inlandsgeheimdienst FSB in die Vertuschung einbezogen war. Agenten haben die Proben heimlich an sich genommen, die vermeintlich sicheren Flaschen entsiegelt und den dopingbelasteten Urin ausgetauscht. Dies alles funktionierte in Sotschi reibungslos, weil ein Raum, der offiziell als Lagerraum diente, tatsächlich ein zweites Labor war. Durch ein kleines Loch in der Wand wurden die Proben ausgetauscht. Die Athleten waren darin eingeweiht, mussten vorher sauberen Urin sammeln. "Und auch später war unser Duchess-Team (Athleten, die geschützt wurden und nicht positiv getestet werden durften, Anm. d. Red.) diszipliniert und war sich voll bewusst, was da vor sich ging. Und warum leugnen sie das? Weil sie nicht einfach nur Sportler sind. Sie sind Armee- und Polizeioffiziere. Und sie geben niemals einen Trick oder eine Verschwörung zu."

Beim Leiter des Analyselabors - der selbst Dopingcocktails entwickelte und verabreichte - setzte offenbar 2013 ein Umdenken ein. Damals beauftragte ihn Nagornych seinen Angaben zufolge, die ukrainische Biathletin Wita Semerenko positive Dopingproben unterzuschieben. Er hatte damit gerechnet, dass sie bei Olympia 2014 eine starke Konkurrentin sein wird. "Bis dahin hatte ich Hunderte oder vielleicht Tausende von positiven Dopingproben zu negativen gemacht, aber nie andersrum." Doch Rodtschenkow brachte ihn angeblich davon ab: "Stellen Sie sich vor, dass wir in Moskau ein positives Ergebnis haben, aber zwei Tage später wird sie von internationalen Doping-Kontrolleuren getestet. Sie gehört ja zum Pool der internationalen Athleten, die überall auf der Welt für Dopingtests zur Verfügung stehen müssen."

Probenflaschen offenbar weiterhin manipulierbar

Mächtiger Dämpfer im Kampf für saubere Winterspiele: Die Möglichkeit, Proben zu manipulieren, gibt es offensichtlich weiterhin - auch wenn die Urin-Probenflaschen nach Rodschenkows Enthüllungen verändert wurden. Die Wada wurde vom Kölner Analyselabor am 19. Januar darüber informiert, dass die Flaschen beim Einfrieren einer Probe manuell geöffnet werden könnten. Dem Schweizer Online-Magazins Republik zufolge, das zusammen mit der ARD-Dopingredaktion, der "Sunday Times" und dem schwedischen TV-Sender SVT ein Rechercheteam gebildet hat, lassen sich die Flaschen nicht nur wiederholt öffnen, sondern sind auch nicht fälschungssicher.

Wie das Magazin berichtet, hat ein Team zu Testzwecken die Flaschen der Schweizer Firma Berlinger "zersägt und kopiert, nachgebaut, kühl gelagert und die Deckel auf- und wieder zugedreht". Zudem wurde die Flasche kurz unter dem Verschluss aufgeschnitten, der Verschluss konnte danach problemlos auf eine andere Flasche geschraubt werden. Die Kopie einer solchen Flasche haben die Tester laut Republik im Internet bestellt. Anschließend hätten sie die notwendigen Etiketten kopiert und diese neue Flasche anschließend einem Tester aus einem europäischen Dopingkontrolllabor vorgelegt. Das Fazit des Experten: "Ich habe das jetzt mehrere Minuten angeschaut und nicht erkennen können, was Original und was die Fälschung ist."

Die Reaktion des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) auf die Meldung aus Köln: Man sei "sehr besorgt". Es beschwichtigt aber auch: "Wir haben die Wada aufgefordert sicherzustellen, dass die Anti-Doping-Tests in Pyeongchang in einer glaubwürdigen und verlässlichen Weise durchgeführt werden können." Auch der Leiter des Kölner Anti-Dopinglabors, Mario Thevis ist zuversichtlich: "Es gibt Möglichkeiten, die Integrität von Urinproben zu sichern. Das würde bedeuten, dass wir auch für Pyeongchang die Möglichkeit sehen, dass ordentliche Dopingkontrollen durchgeführt werden können", sagt Thevis im ZDF-"Morgenmagazin".

Sportrechtsexperte Michael Lehner bezweifelt das: "Ich war geschockt, wie leicht die Behälter zu öffnen sind. Deshalb habe ich auch gesagt: Das Dopingkontrollsystem ist am Ende." Er plädiert für eine Umkehr der Beweislast. Bislang müssen Athleten im Falle eines positiven Dopingtests ihre Unschuld beweisen. "Das kann so nicht bleiben. Die Fehler wurden offenkundig festgestellt. Der Verband muss nun beweisen, dass die Flaschen nicht beeinträchtigt wurden", so Lehner. Wegen der schwierigen Lage für das IOC als Veranstalter der Olympischen Spiele rechnet Lehner mit einem besonderen Effekt. "Ich sage mal voraus, dass es in Pyeongchang so gut wie keine positiven Dopingtests geben wird."

Quelle: n-tv.de, ara/dpa/sid

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