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Schreckmoment nach EM-Silber Mihambo kollabiert und löst große Sorge aus

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Während des Wettkampfs war noch alles in Ordnung.

(Foto: IMAGO/Bildbyran)

Erst geht Malaika Mihambo bei der Leichtathletik-EM mit der Deutschland-Flagge auf die Ehrenrunde, gibt auch noch ein Interview - und braucht dann plötzlich ärztliche Hilfe. Der Kreislauf der Weitspringerin sackt dramatisch zusammen, erst nach Mitternacht gibt der DLV Entwarnung.

Es ist 0.41 Uhr, als die gute Nachricht auf dem Bildschirm aufploppt. Ein "Update zu Malaika Mihambo", verschickt vom Deutschen Leichtathletik-Verband. Die Weitspringerin zeigt am vierten Wettkampftag der Europameisterschaften in München eine großartige Leistung, auch wenn ihre eindrucksvolle Serie nach vier aufeinanderfolgenden Siegen in großen Finals zu Ende geht. Seit 2018 bei EM, WM und Olympia ungeschlagen, gewinnt sie mit 7,03 Meter diesmal Silber, weil Ivana Vuleta aus Serbien drei Zentimeter weiter springt. Die sportliche Geschichte ist jedoch längst in den Hintergrund gerückt angesichts dessen, was anschließend passiert.

Dabei scheint zunächst alles in Ordnung zu sein. Mihambo absolviert alle sechs Sprünge, zeigt eine Weltklasse-Serie, segelt nach ihrem 7-Meter-Sprung auch noch auf 6,95 und 6,99 Meter. Anschließend gibt sie am Stadionmikrofon ein erstes Interview, sagt, sie "habe definitiv Silber gewonnen und nicht Gold verloren." Danach geht sie in Schwarz-Rot-Gold gehüllt auf die Ehrenrunde, bevor das Fernsehen als Erstes zum Interview bittet. Dabei passiert es offenbar. Von "einem Kreislauf-Kollaps" schreibt der DLV, in der Mixed Zone, wo die Athletinnen und Athleten nach ihren Wettkämpfen Rede und Antwort stehen, heißt es, Mihambo habe zunächst über Atemnot geklagt und dann medizinisch versorgt werden müssen.

Kurz nach diesem Zusammenbruch kommen die Verbandsärzte dazu, dann auch ihr Trainer Uli Knapp. Es dauert eine ganze Weile, bis die 28-Jährige sich zu erholen scheint und das Stadion verlassen kann. Die erste Entwarnung, das "es geht ihr wieder besser" in der Mitteilung des DLV, ist das vorläufige Ende eines Abends im Olympiastadion, der dramaturgisch voll auf Mihambo ausgerichtet ist, dessen Planung aber aus gleich mehreren Gründen nicht aufgeht.

"Guter Wettkampf trotz Corona-Infektion"

Zunächst verzögert ein Unwetter den Start der Abendsession. Kurz vor dem geplanten Beginn um 20.05 Uhr fängt es an zu schütten. Die Hochspringer starten mit knapp einer Stunde Verspätung in ihren Wettkampf und verbringen die Wartezeit auf dem Boden sitzend in den Katakomben, wie einer der Finalisten anschließend im Shuttlebus zur U-Bahn verrät. Die Verzögerung wiederum führt dazu, dass der Wettbewerb entgegen der Planung nicht deutlich vor den letzten Versuchen der Weitspringerinnen endet, sondern parallel dazu. Eigentlich war beim Blick auf den Zeitplan klar zu erkennen, dass alle anderen Wettbewerbe abgeschlossen sein sollten, um die volle Aufmerksamkeit auf Mihambo & Co. zu lenken.

Auch das Warm-up der Weitspringerinnen beginnt etwas später, als es für die kurios anmutende Startzeit 20:58 Uhr angemessen gewesen wäre. Mihambo wird dabei schon laut bejubelt, als sie nur ein paar Steigerungsläufe macht oder testet, ob sie von der Anlaufmarke aus mit dem richtigen Fuß und Abstand am Brett ankommt. Bis kurz vor der Qualifikation hatte sie offengelassen, ob es für die EM reicht, weil eine Covid-19-Erkrankung eine Trainingspause in der unmittelbaren Vorbereitung erzwungen hatte. "Ich konnte trotz meiner Corona-Infektion einen so guten Wettkampf bestreiten", sagt Mihambo nach ihrem letzten Sprung und vor den gesundheitlichen Problemen: "Es war ein wirklich guter Wettkampf, aber auch ein harter. Ich musste kämpfen."

Zur Geschichte des Abends zählt die eigene Anspruchshaltung, mit der Mihambo ihre Titelverteidigung angeht. "Das Niveau von Eugene ist noch da", hatte sie nach der Qualifikation gesagt, bei der WM in den USA war sie mit 7,12 Metern zum zweiten Mal nach 2019 Weltmeisterin geworden. Die Infektion im Anschluss ließ sie dabei aber nicht unerwähnt: "Im ersten Sprung hatte ich noch weiche Beine und musste mich nach Corona erstmal wieder dran gewöhnen, Vollgas zu geben."

Diese EM ist für Mihambo größer als die WM

In der Quali reichten der 28-Jährigen zwei Sprünge, diesmal waren es sechs, alle mit maximaler Belastung. Vuleta hatte ihre spätere Siegweite von 7,06 Meter gleich im ersten Versuch erzielt, dem Mihambo dann nachjagte. Letztlich vergeblich und, trotz Silber, im ersten Moment sichtlich enttäuscht. Nachvollziehbar angesichts des folgenden Satzes, den sie vor der EM sagte: "Wichtig ist ja nicht, dass ich unbedingt die sieben Meter springe, sondern dass ich gewinne."

Denn die in die European Championships eingebetteten Wettkämpfe in München liegen ihr "näher am Herzen" als die sportlich höherwertige WM in Eugene, aber eine internationale Meisterschaft "daheim ist immer etwas Besonderes". Auch die Erwartungshaltung von außen wird sie gespürt haben. Die Organisatoren hatten eigens ein paar Banner auf den Rängen entfernt, um mehr Plätze freizugeben. Mit dem kurzfristig kommunizierten Rabattcode "Mihambo" war es möglich, zwei Tickets für den Abend der Weitsprung-Entscheidung für den Preis von einem zu bekommen.

Dass die Planung mit Mihambo als strahlender Siegerin an diesem dennoch beeindruckend stimmungsvollen Abend nicht aufgeht, liegt natürlich auch daran, dass Ivana Vuleta ebenfalls einen großartigen Wettkampf zeigt und gleich zu Beginn eine Weite vorlegt, die bis zum Ende für Platz eins reicht. Natürlich spielt in diese öffentliche Erwartungshaltung auch mit rein, was Mihambo einmal in einem einzigen Satz sehr treffend zusammengefasst hat: "Ich habe doch schon alles erreicht." EM, WM, Olympia, alles hat sie gewonnen, dazu eine ganze Reihe deutscher Meistertitel.

Ursache noch völlig unklar

Das weckt natürlich Hoffnungen, es könnte einfach immer so weitergehen, zumal im eigenen Land und mit einem entsprechend geneigten Publikum im Rücken. Als Letzte der Finalistinnen wird Mihambo vorgestellt, es ist der lauteste Moment des Abends, bis Konstanze Klosterhalfen über 5000 Meter so sensationell wie überzeugend zum EM-Titel läuft. Zwar versteht es Mihambo wie kaum eine andere, sich von äußeren Einflüssen freizumachen, mental aber dürfte die Herausforderung in München dennoch deutlich größer gewesen sein als bei ihrem ersten großen Titel 2018 in Berlin.

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Dass sich ein zweiter Platz zumindest zeitweise wie eine Niederlage anfühlt, ist aber auch Ausdruck der Extraklasse, die die 28-Jährige seitdem bei Jahreshöhepunkten beweist. Die 7,03 Meter vor München sind nach den beiden WM-Erfolgen 2019 (7,31 Meter) und 2022 (7,12) sowie dem Olympiasieg 2021 (7,00) das vierte Highlight, bei dem Mihambo mindestens 7 Meter weit springt. Dass mit Vuleta, selbst immerhin zweifache Hallen-Weltmeisterin und jetzt auch zweifache Europameisterin, nach Jahren der Dominanz mal wieder eine andere Athletin einen besseren Tag erwischt, mindert die herausragende Konstanz von Mihambo keineswegs.

Zumal ohnehin erstmal im Vordergrund steht, dass sich die 28-Jährige möglichst schnell und vor allem vollständig von den massiven Kreislaufproblemen erholt. Kurzfristig, weil sie ja am heutigen Freitag zur Siegerehrung am Olympiasee erwartet wird. Sie freue sich, sagte Mihambo unmittelbar nach ihrem Wettkampf an die Zuschauenden gerichtet, "mit euch den zweiten Platz zu feiern". Langfristig aber auch, um aus der Ursachenforschung die richtigen Schlüsse zu ziehen. Denn noch ist völlig unklar, was die Gründe für den Zusammenbruch sind. Mit Blick auf die gerade erst überstandene Corona-Infektion dürfte aber niemandem daran gelegen sein, ein weiteres Risiko einzugehen.

Quelle: ntv.de

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