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Ein Schmerzensschrei mit Folgen Mit Kraft und Kampf ins WM-Halbfinale

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Gensheimer und Böhm jubeln: Erstes Teilziel erreicht - Halbfinale bei der Heim-WM.

(Foto: picture alliance/dpa)

Das Team von Handball-Bundestrainer Prokop erreicht nach einem leidenschaftlich geführten Kampfspiel gegen Kroatien vorzeitig das WM-Halbfinale in Hamburg - verliert dabei jedoch seinen Spielmacher.

Seit Christian Prokop bei den deutschen Handballern die Planstelle des Bundestrainers übernommen hat, ist der Mann aus Köthen in Sachsen-Anhalt nicht als Lautsprecher auffällig geworden. Im Gegenteil, der 40-Jährige übt sich regelmäßig in verbaler Zurückhaltung, Bescheidenheit ist für ihn eine Zier. Da verwunderte es schon ein wenig, dass sich Prokop vor dem zweiten Spiel der Hauptrunde der Heim-WM zu der Aussage hinreißen ließ, er wolle lieber "nicht in der Haut der Kroaten" stecken.

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DHB-Coach Prokop brauchte während der Partie gegen Kroatien starke Nerven: Das Spiel ist eng und hart umkämpft.

(Foto: picture alliance/dpa)

Das klang verdächtig nach Kampfansage, und das Spiel bestätigte Prokops Einschätzung. Die aufregenden 60 Minuten von Köln wurden zu einem zähen Abnutzungskampf, der nichts für Ästheten mit schwachen Nerven war. Spätestens, als Kapitän Uwe Gensheimer und Rückraumspieler Paul Drux Mitte der ersten Halbzeit den am Boden liegenden kroatischen Kreisläufer Zeljko Musa gemeinsam wie Freistilringer beackerten, um an das Spielgerät zu gelangen, war klar, dass dies keine Veranstaltung für zart besaitete Gemüter werden würde.

Nicht schön, aber intensiv

Das Gegenteil war der Fall. Es war keine schöne, aber dafür eine mit umso mehr Intensität und Einsatz geführte Partie, in der die deutsche Deckung herzhaft hinlangte. Aber auch die Gastgeber mussten leiden, weil die Kroaten in jeder Phase dagegenhielten. Es entwickelte sich von der ersten Minute an ein leidenschaftlich geführter Schlagabtausch, in dem die Deutschen das bessere Ende für sich hatten. Der 22:21 (11:11)-Erfolg wurde in der Kategorie besonders wertvoll eingestuft, weil er mit jeder Faser der nach sieben Partien in zwölf Tagen geschundenen Körpern errungen worden war. Vor allem aber, weil die beiden Punkte für das vorzeitige Erreichen des Halbfinals am Freitag in Hamburg reichten.

Das zählte in erster Linie, wie Patrick Groetzki betonte, der allen Deutschen viel Zittern hätte ersparen können, wäre er mit seinen Chancen nicht so verschwenderisch umgegangen. Doch darüber mochte der Rechtsaußen von den Rhein-Neckar Löwen nach der ersten Jubelarie auf dem Spielfeld nicht reden. Lieber sprach der Routinier vom "richtig geilen Gefühl" und vom körperlichen Verschleiß in einem Turnier, das harte Spiele im Zwei-Tages-Rhythmus bringt: "Ich bin ziemlich am Ende."

Zumindest für den Moment dürfen Groetzki und seine Kollegen die Füße hochlegen und die Seele baumeln lassen. Das abschließende Hauptrundenspiel am morgigen Mittwoch gegen Spanien (ab 20.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) hat lediglich Freundschaftsspiel-Charakter, weil das Team des Gastgebers bereits sicher in der Runde der besten vier Nationen steht, während der Europameister von der iberischen Halbinsel bereits ausgeschieden ist.

Bälleverteiler mit Innen- und Kreuzbandriss

Wenn in Hamburg und zwei Tage später in Dänemark die Medaillen verteilt werden, wird Deutschlands Spielmacher Martin Strobel nicht mehr die Bälle verteilen. Noch in der Anfangsphase knickte der Mittelmann vom Zweitligisten Balingen bei einem Allerwelts-Zweikampf um und musste mit der Trage vom Feld gebracht werden. Noch während der Partie wurde Strobel im Krankenhaus Merheim untersucht. Die Diagnose bestätigte die schlimmen Vermutungen: Innenbandriss, dazu wurde ein Riss des vorderen Kreuzbandes festgestellt. Strobel wird also lange ausfallen, seine Mitspieler müssen den restlichen Weg nun ohne ihn gehen. "Wir spielen jetzt auch für ihn", sagt Prokop.

Wie es sich anfühlt, eine solch schlimme Verletzung des Kollegen aus nächster Nähe zu erleben, berichtete Steffen Weinhold: "Wir haben versucht, uns gegenseitig aufzumuntern und das Spiel für Martin zu gewinnen." Kreisläufer Jannik Kohlbacher berichtete, "es ist uns gut gelungen, das nicht in unsere Köpfe zu lassen." Unter anderem, weil die Fans in der Arena im Kölner Stadtteil Deutz einen ohrenbetäubenden Lärm verursachten.

Unglaubliches Publikum

Bereits 2007, als die Mannschaft des damaligen Bundestrainers Heiner Brand in der Stadt am Rhein ihr Wintermärchen finalisierte, wurde sie von einer Kulisse gepusht, die Phonzahlen im Bereich eines startenden Düsenjets produzierte. "Als das letzte Tor fiel", sagte Kohlbacher, "dachte ich, jetzt fliegt hier gleich das Dach weg."

Es war auch das unglaubliche Publikum, das dabei half, die größte Schwächephase der deutschen Mannschaft zu überstehen, als in der zweiten Hälfte neun Minuten in Folge kein Treffer gelang und die Kroaten aus einem Drei-Tore-Rückstand eine 20:19-Führung machten. Doch im Gegensatz zu den Partien gegen Russland und Frankreich, als sich das deutsche Team noch auf der Zielgeraden abfangen ließ, behielt es dieses Mal einen kühlen Kopf. Paul Drux sprach von einer "extrem wichtigen Erfahrung, die wir in die letzten Spiele mitnehmen."

Überhaupt sei dieses schwierige Spiel "eine Riesen-Prüfung, eine Riesen Herausforderung" gewesen, betonte Prokop. Seine Spieler haben den Charaktertest bestanden, es mache ihn "stolz, dass die Mannschaft trotz der Widrigkeiten die erste Tür ins Halbfinale nimmt", sagt der Bundestrainer. Die Reise der deutschen Handballer, die in diesen Tagen Millionen Fernsehzuschauer in ihren Bann zieht, geht also weiter. "Hamburg war nur das Zwischenziel", sagt Rückraumschütze Fabian Böhm. Mit Paul Drux hat er da einen Bruder im Geiste: "Du spielst ja kein Halbfinale, um es zu verlieren."

Quelle: n-tv.de

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