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Nutzt auch im TV das Rampenlicht: José Mourinho
Nutzt auch im TV das Rampenlicht: José Mourinho(Foto: imago/Cordon Press/Miguelez Sports)
Sonntag, 11. März 2018

WM-Countdown (95): Mourinho, Tschertschessow, Glaubensfragen

Von Katrin Scheib, Moskau

José Mourinho arbeitet bei der WM als Experte für den Kreml-Propagandasender RT. Warum? Russlands Trainer Stanislaw Tschertschessow glaubt, dass Rassismus im Fußball in seiner Heimat eine Ausnahme sei. Wie bitte?

Sonntag. Zeit für ein paar Glaubensfragen. Ich glaube nicht, dass es José Mourinho an Geld mangelt. Der Mann hat Real Madrid trainiert, den FC Chelsea gleich zweimal, auch Manchester United bezahlt ihn aktuell sicher nicht schlecht. Forbes führt Mourinho regelmäßig unter den zehn bestbezahlten Fußballtrainern. Er hätte sich also den Luxus gönnen können, sich ein bis zwei Ethik-Fragen zu stellen, als der Kreml-Propagandasender RT bei ihm anklopfte. Viele Journalisten in Russland haben diesen Luxus nicht, sie müssen sehen, woher das Geld für Unterkunft, Essen, Kinderbetreuung und Arztbesuche kommt. Trotzdem entscheiden sich viele dagegen, bei russischen Staatsmedien zu arbeiten. Mourinho nicht. Er wird bei der WM Experte für RT sein und dem Sender damit Aufmerksamkeit, Quote und Akzeptanz bescheren.

Katrin Scheib.
Katrin Scheib.(Foto: Pascal Dumont)

Ich glaube nicht, dass Stanislaw Tschertschessow ein Ausreißer ist. Gerade hat Russlands Nationaltrainer im brasilianischen Fernsehen erzählt, das mit dem Rassismus im Fußball sei in seiner Heimat gar nicht so weit verbreitet - jedenfalls nicht so weit, dass es die WM beeinträchtigen könnte. Dabei werden russische Vereine regelmäßig für rassistisches Verhalten ihrer Fans bestraft, manchmal ist es sogar das eigene Personal der Klubs, das mit solchen Äußerungen auffällt. Eine gesellschaftliche Debatte entsteht daraus dennoch nicht, dazu ist Fremdenfeindlichkeit in Russland zu alltäglich, zu akzeptiert, zu weit verbreitet.

Unsere Kolumnistin

Katrin Scheib ist Journalistin, Schalke-Fan und kommt aus dem Rheinland. Als die deutsche Mannschaft 2014 in Brasilien Fußball-Weltmeister wurde, war sie gerade nach Moskau gezogen. Seitdem bloggt sie unter kscheib.de über ihren Alltag und informiert mit ihrem "Russball"-Newsletter jede Woche über den Fußball und die WM-Vorbereitungen in Russland. Und nun schreibt sie für n-tv.de den Countdown, bis das Turnier am 14. Juni beginnt.

Auch nach Jahren hier im Land komme ich nicht hinweg über Momente wie den neulich, als mir ein junger Russe auf einer Party in Moskau nach ein wenig Smalltalk beiläufig erzählte, Schwarze und Juden könne er selbstverständlich mit geschlossenen Augen am Geruch erkennen. Eine Anekdote, klar - aber keine Ausnahme: Als zum Beispiel das Levada-Center vergangenes Jahr Russen nach ihrer Meinung zu Gastarbeitern aus Zentralasien fragte, äußerten sich 38 Prozent der Befragten negativ.

Ich glaube nicht, dass sportliche Großveranstaltungen im luftleeren Raum existieren. Ich glaube, dass eine Fußball-WM in einem autoritären Staat bedeutet, dass wir darüber reden müssen, wie es sich in einem solchen Staat lebt - erst recht, wenn man Ausländer, schwul, Journalist, politisch andersdenkend oder eine Frau ist. Ich glaube, dass das nichts mit Russophobie zu tun hat. Dieselben Fragen waren 2008 bei den Olympischen Spielen in China wichtig. Dieselben Fragen werden 2022 bei der WM in Katar wichtig sein. Ich glaube, dass wir bis zum Beginn der WM im kommenden Juni da noch öfter drüber reden sollten. Und nach dem Finale Mitte Juli nicht damit aufhören.

Die Folgen 100, 99, 98, 97 und 96 des WM-Countdowns finden Sie hier.

Quelle: n-tv.de