Grimmig entschlossenNovak Djokovic jagt den ultimativen Rekord

Novak Djokovic erreicht auf fast unglaubliche Art und Weise das Finale der Australian Open. Der Serbe scheint trotz seiner unfassbar vielen Erfolge immer noch nicht satt - und geht weiter auf Rekordjagd.
Im Interview nach seinem Halbfinale, noch komplett erschöpft vom über vier Stunden dauernden Kampf gegen Jannik Sinner, hatte Novak Djokovic schon die Augen auf sein nächstes Ziel gerichtet. Der 38-jährige Tennis-Star sprach zunächst über seinen von vielen nicht für möglich geglaubten Sieg. Wie er dieses Match gewonnen hatte. Natürlich bedankte er sich beim Publikum. Er habe in Melbourne vielleicht nie die Unterstützung wie an diesem Freitagabend gehabt. An diesem so dramatisch-hochklassigen Freitag, an dem das Match von Djokovic und Jannik Sinner wie die hochklassige Zugabe des ersten Halbfinals zwischen Carlos Alcaraz und Alexander Zverev gewirkt hatte.
Djokovic schaute sich um und wandte sich dann an die Heldinnen und Helden vergangener Tage, die bis zum Ende nach Mitternacht in der Rod-Laver-Arena verblieben waren: "Wunderbar, dass noch so viele Legenden geblieben sind, um das Match zu schauen. Margaret Court zum Beispiel!" Es kann Zufall gewesen sein, dass er nur Court herausstellte. Margaret Court hat in ihrer Karriere 24-mal einen Grand Slam gewonnen, darunter elfmal die Australian Open. Zu einer Zeit, in der die internationalen Profis wegen der langen Anreise Melbourne noch mieden.
Wer Djokovic schon länger beobachtet, wird zu dem Schluss kommen: Der Hinweis auf Court war volle Absicht. Er möchte alleine auf dem Thron für die meisten Grand-Slam-Siege sitzen. Auch der Serbe hat bislang 24 Trophäen bei den vier großen Turnieren gesammelt. Die 25 ist das ultimative, vielleicht letzte Ziel. Dazu könnte er zum elften Mal den Norman Brooke's Challenge Cup in die Höhe recken, die Trophäe für den Sieger bei den Herren. Zehnmal stand er im Finale im Melbourne Park. Zehnmal gewann er das Endspiel. Djokovic ist offensichtlich immer noch voller Feuereifer, Rekorde zu brechen, seinen Namen auf möglichst vielen Ebenen in der Tennis-Historie unterzubringen.
Nicht mehr für möglich gehaltene Leistung
In der Geschichte des Sports wurde der Spruch "Ich habe niemandem etwas zu beweisen" Tausende Male wiederholt. Er scheint nicht für Djokovic zu gelten. Der macht aus seinem Herzen keine Mördergrube, wenn es heißt, es anderen zu beweisen: "Es gibt so viele Leute, die an mir zweifeln. So viele Experten wollten, dass ich zurücktrete, haben mich abgeschrieben. Ich möchte denen danken, sie haben mir Stärke gegeben", so ein müder, aber grimmig entschlossen dreinblickender Djokovic tief in der australischen Nacht in den Katakomben der Anlage bei einer provisorischen Pressekonferenz. Um die Regeneration nicht zu unterbrechen, wurde das Gespräch mit den Medien nicht im großen Saal abgehalten, sondern vor den Umkleidekabinen.
In den Stunden zuvor hatte Djokovic mit einer nicht mehr für möglich gehaltenen Leistung seinen 14 Jahre jüngeren Konkurrenten Sinner besiegt. Zu dominant waren die Leistungen von Sinner und Alcaraz in den vergangenen beiden Jahren, als dass man noch davon ausgehen durfte, dass Sinner der Unterlegene in solch einer Begegnung sein würde. Djokovic hatte schon im vergangenen Jahr betont, dass es einer besonderen Leistung bedarf, um in einem Turnier, das über drei Gewinnsätze geht, hintereinander Sinner und Alcaraz zu besiegen. Viermal war er im Halbfinale der Grand Slams 2025 ausgeschieden. Dreimal gegen einen der beiden neuen Dominatoren des Sports. Bei den Australian Open des vergangenen Jahres hatte er im Halbfinale gegen Alexander Zverev aufgeben müssen. Nun korrigierte der Serbe in dieser Freitagnacht das Unterfangen im Interview auf dem Platz mit Jim Courier auf "schwierig, aber nicht unmöglich".
Natürlich hat Djokovic in den Tagen von Melbourne auch Glück gehabt. Die Aufgabe von Lorenzo Musetti im Viertelfinale, das vorherige Nichtantreten im Achtelfinale von Jakub Mensik. Der Serbe konnte mit seinen Kräften haushalten, ging vermeintlich fit in sein Halbfinale. Blasen unter den Füßen hatten ihm im Viertelfinale noch Probleme bereitet. Davon war im Halbfinale nichts mehr zu sehen, doch Djokovic ging in diesem Match gegen den Weltranglistenzweiten an die Belastungsgrenze. Besonders im dritten Satz hatten ihm die noch immer warmen Bedingungen zu schaffen gemacht.
Djokovic wehrt 16 Breakbälle ab
In diesem außergewöhnlich hochklassigen Halbfinale zeigte er, zu welchen Leistungen er immer noch in der Lage ist. Am Ende machte er zwölf Punkte weniger als sein Südtiroler Gegner, lag in fast jeder Statistik hinten. Sinner spielte ein herausragendes Match. Djokovic fand jedoch einen fast unmöglichen Weg, dieses Match zu gewinnen. 16 von 18 Breakbällen, die sich der Italiener im Laufe des Matches erspielt hatte, wehrte Djokovic ab. Eine fast schon unverschämt hohe Zahl.
Wie in den besten, längst vergangen geglaubten, Tagen diktierte Djokovic das Match, dominierte mit einer bemerkenswert sicheren Vorhand die Ballwechsel, ließ sich nicht von der kühlen Präzision und Power Sinners überwinden. Es macht große Champions aus, die besten Leistungen ihrer Kollegen zu kontern, an diesem Tag noch ein Prozent besser zu sein. Die Größten ihrer Zunft gewinnen die Matches, in denen sie nicht wie die Sieger aussehen. Djokovic hätte dieses Match an einem anderen Datum, unter anderen Umständen, wahrscheinlich verloren. Dass er es gewann, ist wohl dem Umstand geschuldet, dass er diese Art von Duellen in der Vergangenheit dutzendfach geführt hat. Und seinem unbedingten Willen, es allen immer wieder zu zeigen. Er müsste das nicht. Er ist jetzt schon einer der besten, wenn nicht der beste Tennisspieler der Geschichte.
Ein kleines Beispiel aus Djokovics Pressekonferenz nach seinem Viertelfinale gegen Musetti macht deutlich, dass es dem Serben überhaupt nicht egal ist, was die Öffentlichkeit über ihn denkt. Er war gerade unter höchst glücklichen Umständen - sein Gegner Lorenzo Musetti hatte nach hoher Führung das Match wegen einer Verletzung aufgeben müssen - ins Halbfinale eingezogen. Auf dem Platz noch hatte Djokovic gemeint, dass er heute hätte nicht gewinnen dürfen, er war der schlechtere Spieler. Djokovic hatte erkannt, an diesem Tag nicht sein bestes Tennis gezeigt zu haben. Ein Journalist wollte wissen, wie man die Größten des Sports herausfordert. Er habe am Anfang seiner Karriere Rafael Nadal und Roger Federer herausgefordert und am Ende seiner Karriere Sinner und Alcaraz. Was denn der Unterschied sei, wurde er gefragt. Ein mit hochgezogener Augenbraue unterstütztes "Also habe ich immer gejagt und war niemals der Gejagte?" kam von Djokovic zurück. "Ich finde es ein bisschen respektlos, auszublenden, was in der Zeit zwischen meiner Jagd auf Roger und Rafa und der Jagd auf Jannik und Carlos passiert ist. Da habe ich 15 Jahre lang die Grand Slams dominiert. Ich schreibe meine eigene Geschichte. Ich möchte in jedes Finale kommen, speziell in Grand Slams. Diese Grand Slams sind der größte Grund, warum ich immer noch spiele."
"Ich hisse nicht die weiße Fahne"
Er wisse, dass Sinner und Alcaraz inzwischen besser als er seien: "Ihr Niveau ist großartig. Aber heißt das, dass ich gleich die weiße Fahne hisse, wenn ich sie sehe? Nein."
Was passiert, sollte der 38-Jährige am Sonntag zum elften Mal die Australian Open gewinnen? Tritt er dann zurück? Es wird der Moment sein, an dem er wirklich alle Rekorde gebrochen haben wird. Bis 2024 hieß es noch, er habe nie Olympia-Gold geholt. Er siegte in überragender Art und Weise im Finale gegen Carlos Alcaraz. Danach gab es nur noch das eine Ziel: Endlich den 25. Grand Slam gewinnen.
Djokovic muss eigentlich niemandem etwas beweisen. Er scheint aber einen großen Spaß daran zu haben, dies doch immer wieder zu tun. In der Hochphase seiner Karriere war er immer der Antagonist der viel beliebteren Kollegen Nadal und Federer. Als deren Karriere langsam dem Ende entgegenging, legte er noch mal richtig los. Zwölf Grand Slams gewann er nach dem Erreichen des 30. Lebensjahres. Fast alle Rekorde brach er. Nur die, die es nicht mit dem Serben gut meinen, können bestreiten, dass er der größte Tennisspieler der Geschichte ist. Der 25. Grand Slam ist wohl der letzte Rekord, der ihm alles bedeutet. Am Sonntag wird er die Gelegenheit bekommen, sich endgültig alleine auf den Thron zu setzen.