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Geht's in 365 Tagen echt los? Olympisches Hoffen stößt bitter auf

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So wie bei diesem Wettkampf in Tokio sind die Olympischen Spiele nicht vorstellbar.

(Foto: imago images/AFLOSPORT)

An diesem Freitag sollten die Olympischen Spiele in Tokio beginnen. Daraus wird nichts - und ob es in 365 Tagen mit dem Entfachen des Feuers klappt, ist völlig unklar. Für die Sportler ist das bitter, für die Organisatoren auch. Anders als das IOC ordnen sie die Pandemie-Probleme realistisch ein.

Wäre 2020 nicht ein so bemerkenswertes Jahr, das vom Coronavirus durchgeschüttelt wird, würden heute die Olympischen Spiele eröffnet werden. Zum zweiten Mal nach 1964 würde im japanischen Tokio das Olympische Feuer entfacht werden, das Feuer im Herzen der Athleten und Fans gleich mit.

Doch das Coronavirus legt die Welt lahm, an welt-verbindenden und welt-konkurrierenden Sport ist nicht zu denken. Statt Olympiafieber gibt es echtes körperliches - und viele weitere katastrophale Symptome. Betroffen sind Menschen weltweit, an weite Reisen ist nicht zu denken. Auch in Tokio grassiert das Virus, Japan meldet so viele Infektionen wie seit Monaten nicht mehr, vor allem ist die Hauptstadt betroffen. Die Angst vor einer zweiten Welle steigt. Angesichts der Pandemie darf von olympischen Wettkämpfen keine Rede sein, es wäre ein Hohn für all die Erkrankten und Verstorbenen. Es wäre falsch, dem verschobenen Event nachzutrauern.

Die Organisatoren und das Internationale Olympische Komitee (IOC) setzen alles auf die Verschiebung. Genau ein Jahr ist nun Zeit bis zum Entfachen des Feuers. 365 Tage Zeit, auf einen Impfstoff zu hoffen. 365 Tage Zeit, von den "besten Spielen aller Zeiten" zu sprechen. Allerdings ist Japan damit zurückhaltend. Die Kosten der Verschiebung sind immens, es ist nicht klar, wer das alles bezahlen soll. Und so sagte Cheforganisator Yoshiro Mori: "Wir werden diese Spiele völlig anders machen als in der Vergangenheit, sie werden sicher und vereinfacht sein." Er sagte aber auch: "Ob die Olympischen Spiele durchgeführt werden können oder nicht, hängt davon ab, ob die Menschheit das Coronavirus besiegen kann."

Bach glorifiziert Tokio-Spiele

Diese Warnung ändert nichts an der These, an die sich das IOC klammert: Olympia soll stärker sein als das Virus. Die Spiele sollen zum "großen Comeback-Festival des Sports auf der internationalen Bühne" werden, preist IOC-Präsident Thomas Bach sie an. "Die Spiele in Tokio können, sollen und werden das Licht am Ende des Tunnels sein", sagte er weiter. "Am Ende können die Olympische Spiele ein großes Signal der Hoffnung, des Optimismus, der Solidarität und der Einheit sein." Es klingt nach Durchhalteparolen, aber auch danach, dass Bach den Sport wichtiger nimmt, als er in der jetzigen Situation sein kann. In der Liste der pathetischen Ansinnen des früheren Fechters ist es nur ein weiterer Eintrag, nachdem er sich bei den Winterspielen 2018 um die Vereinigung von Nord- und Südkorea verdient machen wollte. Als sogar extra flink ein gemeinsames Frauen-Eishockey-Team aufgestellt wurde.

Bach spricht pathetisch und voller friedensstiftender Worte, ist andererseits aber auch der Chef einer Organisation, die am Donnerstag ein Video bei Twitter veröffentlichte, das den Nazispielen von 1936 in Berlin huldigt. Zu dem Video heißt es: "Das entpuppt sich schon als ziemlicher #ThrowbackThursday! Berlin 1936 markierte den ersten Olympischen Fackellauf, der das Feuer zum Kessel brachte. Wir können es kaum erwarten, den nächsten in Japan zu sehen. #Strongertogether." Eine Einordnung der Historie fehlt, die Bilder entstammen zum Teil aus einem Propagandafilm der Nationalsozialisten. Der mit dem Tweet so gerühmte Fackellauf war Teil der damaligen Inszenierung, die Strecke war vom Propagandaministerium von Joseph Goebbels bestimmt worden. Sicherlich nicht das geeignete Mittel, um Begeisterung für die ohnehin geschundenen Spiele zu wecken. Dabei soll doch in genau 365 Tagen alles wieder völlig normal sein, dem Sport sei Dank.

Hygienekonzept für Massenspektakel scheitert

Was von den Organisatoren vom IOC missachtet wird: Die Welt ist derzeit eine andere, das Virus schert sich nicht um Sport oder Termine. Und so sind aktuell rund 70 Prozent der Japaner dafür, dass die Spiele noch einmal verschoben oder sogar ganz abgesagt werden sollten. Mehr noch: Es gibt an diesem Freitag auf den Straßen Tokios sogar vehemente Proteste gegen das Event. Auch für die meisten Deutschen gibt es derzeit Wichtigeres als Sport: 55 Prozent der Befragten gaben bei einer YouGov-Umfrage an, nicht wirklich enttäuscht zu sein, dass die Olympischen Spiele wie andere sportliche Großevents in diesem Jahr ausfallen.

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Gegen die Spiele regt sich der Widerstand.

(Foto: imago images/Kyodo News)

Auffallend, dass die japanischen Organisatoren mahnen und nicht mit dem IOC konform sind, dass sicher alles ganz toll werden wird. Es ist realistisch: Etwa 11.000 Athleten wollen an den Olympischen Spielen teilnehmen. Dazu kommen Tausende Helfer, Organisatoren, Pressevertreter und Fans. Sie alle können nicht vorab in Quarantäne gesteckt werden, keine Hygienestrategie kann für so viele Beteiligte ausgelegt werden.

Umarmungen und gemeinsamer Siegestaumel sind weit weg. Überhaupt, Sport ist weit weg, Fans in Stadien ebenfalls. Kaum vorstellbar, dass in 365 Tagen - wie vom IOC gepriesen - wieder alles anders ist. Unvorstellbar aber auch, was passiert, wenn in 365 Tagen nicht alles ist wie vom IOC gepriesen. Eine endgültige Absage kostet Sportlerkarrieren, kostet Hoffnungen, kostet mehrere Milliarden Dollar. Ein Durchprügeln von Spielen dem Virus zum Trotz klappt aber auch nicht. Bittere Aussicht. Doch bis nicht alle Zeit ausgereizt ist, wird der Olympia-Countdown herunterzählen, von heute noch 365 Tage lang.

Quelle: ntv.de