Sport

Beachvolleyball statt Skizirkus Österreich erlebt Streif-Ekstase im Sommer

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Schmettern bei mehr als 50 Grad - die deutschen Olympiasiegerinnen Kira Walkenhorst und Laura Ludwig (beide in gelb) kämpfen sich durch.

(Foto: dpa)

Bei mehr als 50 Grad baggern und pritschen die Beachvolleyballer mitten in Wien spektakulär um WM-Medaillen. Trotz der Hitze verwandeln die Österreicher das Turnier für Stars und Zuschauer in eine riesige Party. Das hat Tradition.

Am Dienstagnachmittag war für die Pferde in der Wiener City frühzeitig Schichtende: Die Temperaturen in der österreichischen Hauptstadt überschritten erstmalig in diesem Sommer die 35-Grad-Marke, was bedeutete, dass die Fiakerpferde von Amts wegen hitzefrei bekamen und nach Hause in den etwas kühleren Stall durften. Die zulässige Temperatur sei überschritten und der Betrieb damit einzustellen, verkündete Leopold Bubak, Leiter der zuständigen Magistratsabteilung 65.

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Die Dusche aus dem Feuerwehrschlauch - ein Highlight für die Fans.

(Foto: AP)

So gnädig wird mit den Menschen in der Millionenstadt nicht umgegangen, zumindest dann, wenn sie ihren Lebensunterhalt mit Beachvolleyball verdienen. Die Sandwühler tragen derzeit ihre mit einer Million Euro dotierten Weltmeisterschaften auf der Donauinsel aus, im Brutkasten auf dem Center Court wird in der Mittagshitze schon mal die 50-Grad-Marke geknackt. Das auszuhalten ist zwar hart aber möglich, wenn man sich so clever verhält wie die deutsche Nationalspielerin Isabel Schneider: "Bei Pausen direkt in den Schatten, Eis in den Nacken, kaltes Wasser über den Kopf und zwischen den Ballwechsel Zeit zum Durchschnaufen nehmen." Genützt hat es dem Duo Schneider/Victoria Bieneck leider nichts - es ist in den Lucky-Loser-Playoffs ausgeschieden.

TV-Sender übertragen 70 Stunden

Es ist erstaunlich, wie viele tausend Besucher sich trotz der Hitze jeden Tag auf dem riesigen Eventgelände tummeln. Vor allem im 10.000 Besucher fassenden Stadion, das auf den Rängen kaum Schatten bietet, sind die Bedingungen extrem. Doch die Fans harren aus, feiern sich und die Athleten - und fiebern dem Augenblick entgegen, wenn es aus Feuerwehrschläuchen Wasser regnet.

Beachvolleyball ist in Österreich eine große Nummer. Die Sportart, die in Deutschland trotz der beiden Olympiasiege von Julius Brink und Jonas Reckermann 2012 in London sowie Laura Ludwig und Kira Walkenhorst 2016 in Rio weiterhin ein Nischendasein fristet. In der Alpenrepublik ist die Reputation hoch: Von der WM berichten die TV-Sender ORF und ORF+ insgesamt 70 Stunden, das Turnier hat einen für Beachvolleyball-Verhältnisse gigantischen Etat von neun Millionen Euro.

A-Promis besuchen Österreich-Turnier

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Hannes Jagerhofer ist der Mann der Weltmeisterschaften.

(Foto: imago/GEPA pictures)

Die Zuschauer genießen den Sport bei traditionell freiem Eintritt, "diese Philosophie ist fest in unserer DNA verankert", sagt Walter Delle Karth. Der ehemalige Pressesprecher von Österreichs Skilegende Hermann Maier kümmert sich seit Jahren um die Medienarbeit des jährlichen Events in Klagenfurt. Das sandige Happening am Wörthersee genießt weltweit Kultstatus, selbst an der Copacabana und in Kalifornien vermögen sie nicht so viel Begeisterung aufzubringen wie in Kärnten. Das Ereignis im Sand gehört in Österreich zum Kanon der gesellschaftlichen Großereignisse mit einer Strahlkraft, in dessen Glanz sich auch A-Promis wie Niki Lauda und David Alaba sonnen.

Im Winter zieht das Land das legendäre Hahnenkammrennen auf der Streif in seinen Bann, im Sommer haben die Beachvolleyballer die große Bühne. Wer weiß, welchen Stellenwert das Skifahren in Österreich hat, kann ermessen, welch steile Karriere Beachvolleyball in Österreich in den letzten 20 Jahren gemacht hat. Nun haben die Macher in Wien "Klagenfurt mal zwei" auf die Beine gestellt, wie Delle Karth betont: "Vom Budget, von der Dauer und von der Größe des Geländes."

Freibier lockte erste Zuschauer

Der Mann, der es ermöglicht hat, Veranstaltungen in dieser Größenordnung zu stemmen, heißt Hannes Jagerhofer. Der 55-Jährige vereint in seiner Person viele Facetten: Veranstalter, Macher, Selfmade-Millionär mit riesigem Netzwerk und vor allem Visionär. In den 90er-Jahren des vergangenen Jahrtausends erkannte er auf einer VHS-Kassette mit Bildern aus den USA das Potenzial von Beachvolleyball als Mischung von Sport und Entertainment und begann, ein Turnier in seiner Heimatstadt zu etablieren. Der Beginn war zäh, als sich ein paar Versprengte auf Holzbänken verloren, um sich das Treiben im Sand anzuschauen, lief Jagerhofer ins benachbarte Strandbad und ließ über Lautsprecher verkünden, beim Beachvolleyball werde Freibier ausgeschenkt. Wenige Minuten später waren die Tribünen voll.

Daraus ist eine eigene Serie innerhalb der Tour des Weltverbandes FIVB entstanden, die Millionen umsetzt. Zu Beginn der WM wurde Jagerhofer auf der Titelseite des Boulevardblatts "Krone" dargestellt. Mit einer Uniform aus der Kaiserzeit im Sand mit einem Beachvolleyball und einer Plastikgießkanne, wie sie Kleinkinder auf dem Spielplatz verwenden. Der Mann gehört in Österreich zu den Global Playern, aber offenbar hat er sich eine gesunde Art von Selbstdistanz bewahrt.

Auf der großen Bühne dürfen sich ruhig andere tummeln. Zum Beispiel Clemens Doppler. Die österreichische Beach-Legende ist mittlerweile 36 und bestreitet seine 20. Saison auf Sand. Die WM vor der eigenen Haustür bezeichnet er als sein größtes Karriere-Highlight. Doppler weiß aus jungen Jahren zu berichten, dass junge Frauen wie Groupies vor seinem Hotelzimmer ausharrten, um ein Autogramm von ihm zu bekommen. Oder auch mehr. Nun genießt er im Spätherbst seiner Karriere mit Partner Alexander Horst noch einmal das ungeteilte Rampenlicht. Wenn er den Center Court betrete, sagt Doppler, "fühle ich mich wie ein Rockstar."

Quelle: ntv.de