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"Sie zieht Kraft aus Konflikten" Pechstein-Krach sorgt für Eiszeit vor WM

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Claudia Pechstein - ist sie letztlich die große Siegerin des eskalierten Streits?

(Foto: dpa)

Bundestrainer Erik Bouwman attackiert Claudia Pechstein heftig - und das kurz vor dem Start der Eisschnelllauf-WM. Die Eskalation des Streits wird beim führungslosen Verband ein Nachspiel haben: Der Kleinkrieg solle bitte intern geklärt werden. Fraglich, ob sich alle daran halten.

Wenn es wahr ist, was frühere Weggefährten über Claudia Pechstein erzählen, müsste die fünfmalige Eisschnelllauf-Olympiasiegerin am Wochenende zu großer Form auflaufen. Pechstein brauche einen Gegner, ja ein Feindbild, um sich zu motivieren, heißt es. Einen neuen Gegenspieler hat sie spätestens nach dem Frontalangriff des Bundestrainers Erik Bouwman gefunden, die Schlammschlacht ist vor der Mehrkampf-WM in Hamar eskaliert - mit unabsehbaren Folgen für den ohnehin angeschlagenen Verband.

Der meldete sich mit vier dünnen Sätzen zu Wort. "Diese Eskalation ist nicht im Sinne der DESG", teilte die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) mit und kündigte an: "Wir werden das Thema intern behandeln. Dies wird im Rahmen des Verbandes erfolgen und nicht in der Öffentlichkeit. Es gilt, die Saison 2019/2020 sportlich abzuschließen." Ein Schlussstrich, der keiner ist. So viel dürfte selbst den verbliebenen DESG-Funktionären nach Bouwmans heftiger Generalabrechnung vom Donnerstag klar sein.

Selbst der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) beobachtet "bei aller gebotener Zurückhaltung" die Entwicklung mit "Sorge", wie Präsident Alfons Hörmann mitteilte. "Die Tatsache, dass sich ein amtierender Bundestrainer am Tag vor der Weltmeisterschaft gegen ein Teammitglied in dieser Qualität äußert, stimmt nachdenklich", sagte er.

"Kernaussagen kann ich nachvollziehen"

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Moritz Geisreiter, einst selbst Olympionike, ist mittlerweile Athletensprecher der DESG.

(Foto: imago/Sven Simon)

"Boshaft", "peinlich", "populistisch": Bouwmans Vorwürfe an Pechstein klingen hart, grundfalsch sind sie deswegen für einige Mitstreiter nicht. Moritz Geisreiter, einst selbst Eisschnelllauf-Olympionike und nun Athletensprecher in der DESG, sagte dem SID: "Grundsätzlich lege ich Wert auf eine respektvolle Wortwahl, daher würde ich seinen offenen Brief auch nicht unterschreiben. Aber die Kernaussagen kann ich nachvollziehen." Ohnehin sei die Auseinandersetzung zwischen Bouwman und Pechstein nur ein "Nebenkriegsschauplatz".

Hinter den Kulissen geht es schon längst um die Macht im finanziell und seit einiger Zeit auch personell gebeutelten Verband. Das nach dem Rücktritt von Stefanie Teeuwen verwaiste Präsidentenamt will Pechsteins Lebensgefährte Matthias Große besetzen, bei der "Bild"-Zeitung kündigte er nach Bouwmans Brief an, es sei mehr denn je Zeit dafür, "im Verband für Ordnung zu sorgen", wenn Bouwman nicht sanktioniert werde.

Davon war nun nicht die Rede, auch wenn ein ehemaliger Funktionär in die Forderung einstimmte. Bouwmans "verbandsschädigendes Auftreten zu Beginn der WM muss Konsequenzen nach sich ziehen", schrieb Ex-Präsident Gerd Heinze bei Facebook. Pechstein reagierte aus Norwegen mit einem Dank und der Botschaft: "Ich lasse mich nicht von Erik Bouwman beschmutzen."

"Lächerliches" Scharmützel

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Große verteidigt seine Lebensgefährtin.

(Foto: imago images/Bild13)

Für Geisreiter, der auch im Präsidium des Vereins Athleten Deutschland mitarbeitet, ist dieses Scharmützel "lächerlich". Er sehe "keinen Konflikt zwischen dem Bundestrainer und einer Sportlerin. Das ist scheinheilig: Beide sind aus diesen Rollen längst hinausgewachsen." Die Opferrolle nimmt Geisreiter der 48-jährigen Pechstein ohnehin nicht ab. "Wie ich sie kennengelernt habe, zieht sie Kraft aus Konflikten wie diesem", sagte er.

Geisreiter sieht nur einen Ausweg aus dem Dilemma vor der Präsidentenwahl am 28. März in Erfurt: "Aktuell ist es wichtig, dass die existierende Alternative zu Matthias Große sichtbarer werden muss." Durch den "undurchsichtigen Klüngel im Lager Pechstein kann ich mir keine Unabhängigkeit vorstellen", sagte Geisreiter: "Damit scheine ich schon vor der Wahl bestätigt zu werden, Matthias Große stellt sich immer mehr als Spalter heraus." Das wird Claudia Pechstein wohl auch über Erik Bouwman behaupten. Der Riss im deutschen Eisschnelllauf wird von Stunde zu Stunde tiefer.

Quelle: ntv.de, Cai-Simon Preuten und Emanuel Reinke, sid