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Zerwürfnis nach EM-Debakel? Prokop verpasst auch die letzte Chance

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"Es war klar, dass wir dem Trainer bei dieser EM in Kroatien die Möglichkeit geben mussten, Neues auszuprobieren und Erfahrungen zu sammeln": Christian Prokop.

(Foto: imago/Agentur 54 Grad)

Die deutschen Handballer geben sich bei der EM früh auf und scheitern, das Verhältnis zum Bundestrainer scheint zerrüttet. Aber Christian Prokop sagt, er habe nichts falsch gemacht. Glaubt er das wirklich?

Christian Prokop hatte noch einmal die Chance, für eine Weiterbeschäftigung als Bundestrainer zu werben. Doch er ließ sie ungenutzt verstreichen. Es war der Tag nach dem Verpassen des EM-Halbfinales, als er die Möglichkeit hatte, Fehler einzugestehen, die ihm als Neuling bei seinem ersten Turnier in der Verantwortung als Nationaltrainer der deutschen Handballer zugestanden worden wären. Er hätte sagen können, dass er Dinge falsch gemacht habe, aus denen er lernen wolle. Er hätte auch sagen können, dass er hier und da an Grenzen gestoßen sei. Doch Prokop sagte unter anderem, dass es bei diesem Turnier "einige Dinge gegeben" habe, aus denen er "wichtige Erkenntnisse" ziehen könne. Prokop spielte damit auf das niederschmetternde Medienecho an und den extremen Stress, den ein Großturnier auslöst.

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Alles Kalkül?

(Foto: imago/masterpress)

Auch am Tag der Abreise aus Kroatien wollte der fachlich anerkannte Handball-Lehrende die Deutungshoheit über die Richtigkeit seiner Entscheidungen behalten. Offenkundig wurde das bei einer Nachfrage zur Nachnominierung von Abwehrchef Finn Lemke nach dem zweiten Vorrundenspiel. "Ich hatte von Anfang an den Gedanken, Finn zum Spiel gegen Mazedonien dazuzuholen, weil wir da auf einen sehr körperlichen Gegner getroffen sind, der zwei bullige Kreisläufer hat", sagte Prokop. Die Rückholaktion sei demnach nicht das Eingeständnis einer Fehleinschätzung, sondern Kalkül gewesen. Prokop, das wurde vor allem in den letzten Tagen dieser enttäuschend verlaufenen EM deutlich, beharrt darauf, richtig gehandelt zu haben.

Die Außenwahrnehmung ist allerdings eine andere. Es gab mehrere Situationen, in denen weder das Team noch der Trainer vor der Öffentlichkeit verbergen konnten, dass da offensichtlich Dinge in Schieflage geraten sind. Das war so, als Hendrik Pekeler und Patrick Wiencek im zweiten EM-Spiel die Abwehr entgegen der Ansage des Coaches umstellten. Schon da war in den Medien von einer Mini-Meuterei die Rede. Es fühlte sich auch in diversen Auszeiten so an, als ob die Mannschaft ihrem Chef nicht mehr folge. Abzulesen nicht allein an der Körpersprache der Spieler, sondern auch daran, dass auf dem Spielfeld selten das umgesetzt wurde, was der Coach anmahnte.

"Mit Respekt zu Ende bringen"

Zudem schwand in Kroatien den Spielern das Selbstvertrauen anstatt größer zu werden. Unter dem detailversessenen Prokop mussten die Akteure Spielzüge so oft wiederholen, bis sie perfektioniert sind. Das erinnert eher an die Arbeit in einem Nachwuchsteam als an das Training der besten Akteure eines Landes. Nicht nur die vielen personellen Wechsel während der ersten EM-Partien verunsicherten die Nationalspieler, sondern auch die Bevormundung in der Übungshalle. Irgendwann reagierten die Spieler sichtlich genervt auf die taktische Feinarbeit.

Am Tag des Spanien-Spiels sollen die Dinge dann kulminiert sein. Beim Abschlusstraining vor dem alles entscheidenden Hauptrundenspiel am Mittwoch, so heißt es, sei Prokop frustriert und verärgert aus der Halle gegangen sein, weil ihm Einstellung und Motivation seiner Spieler nicht gefallen habe. Der DHB dementierte. Nicht zu dementieren hingegen ist, dass Prokop im Match gegen Spanien seine Spieler nach 40 Minuten in einer Auszeit dazu aufforderte, das Match "mit Respekt zu Ende zu bringen". Da hatte die Mannschaft indes noch 20 Minuten Zeit, das Ergebnis zu korrigieren.

Bei der abschließenden Pressekonferenz im Quartier der deutschen Mannschaft wirkte Prokop sichtlich mitgenommen und angespannt. Er dementierte, dass es zu einem Riss im Verhältnis zur Mannschaft gekommen sei. Und einen Rücktritt schloss er kategorisch aus. Unterstützung in diesen schweren Stunden erhielt er von DHB-Präsident Andreas Michelmann. "Es war klar, dass wir dem Trainer bei dieser EM in Kroatien die Möglichkeit geben mussten, Neues auszuprobieren und Erfahrungen zu sammeln", sagte der Verbandschef. "Liefern muss er nun bei der WM 2019 und bei den Olympischen Spielen."

Der Verband setzt demnach zumindest in der Öffentlichkeit weiterhin auf Prokop. Das ist nach den Geschehnissen in Kroatien ein Wagnis. Ein Geheimnis auf dem Weg zum überraschenden EM-Titel vor zwei Jahren in Polen, als unter Prokops Vorgänger Dagur Sigurdsson die "Bad Boys" geboren wurden, war das große Selbstvertrauen, mit dem eine Mannschaft der bis dahin Namenlosen zum Titel stürmten. Der Isländer machte seine Spieler stark, indem er ihnen wie selbstverständlich einredete, wie gut sie sind. "Die Jungs spielen alle in der Bundesliga, Woche für Woche in vollen Hallen und müssen in kritischen Situationen die richtigen Entscheidungen treffen. Wer das schafft, kann das auch bei einer EM", wiederholte Sigurdsson gebetsmühlenartig, bis es jeder Akteur im Kader glaubte. Unter Prokop glaubten sie zuletzt nicht mehr an die eigene Stärke.

Quelle: ntv.de