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"Leugnen, leugnen, leugnen" Russlands Doping-Wagenburg steht

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Mit Flagge und Hymne will Russland an den Olympischen Winterspielen 2018 teilnehmen.

(Foto: AP)

Vor dem IOC-Entscheid über das russische Staatsdoping sind die Beweise erdrückend und die Fronten verhärtet. Dopingkämpfer fordern ein Olympia-Aus Russlands. Das streitet Doping kategorisch ab - und spekuliert, dass für das IOC Geld wichtiger als Moral ist.

In eine schicke Sportkleidung will Russland seine Mannschaft für die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang stecken. Der breite Schal in den Landesfarben Weiß, Blau und Rot ist ein Hingucker. Doch ob die in Moskau vorgestellte Kollektion im Februar in Südkorea überhaupt zum Einsatz kommt, ist fraglich. Am Dienstag will das Internationale Olympische Komitee (IOC) in Lausanne die Konsequenzen aus dem russischen Dopingskandal ziehen.

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Ob Russlands Olympia-Outfit zum Einsatz kommen wird, bleibt fraglich.

(Foto: AP)

Die Bandbreite möglicher Sanktionen reicht von einer Geldstrafe bis zu einem Ausschluss Russlands von den Spielen, den Anti-Dopingexperten wie Usada-Chef Travis Tygart im Interview mit n-tv.de explizit fordern. Bislang hat eine IOC-Kommission mehr als 20 russische Wintersportler lebenslang für Olympia gesperrt wegen angeblicher Manipulationen an Dopingproben bei den Heim-Winterspielen 2014 in Sotschi. Eine mildere Strafe könnte Russland wohl mit dem Eingeständnis erreichen, dass es in den vergangenen Jahren ein organisiertes Dopingsystem betrieben hat. Doch das will das Land nicht zugeben, Russland bleibt dabei: ein institutionelles Dopingsystem gab es nicht.

Putin und die angebliche Verschwörung

Genau das habe er aber nachgewiesen, sagte Wada-Chefermittler Richard McLaren gegenüber "Spiegel Online" - was Russland aber als Teil einer Verschwörung umdeute. "Wladimir Putin hat behauptet, meine Berichte sollen für Unruhe sorgen im Vorfeld der russischen Präsidentschaftswahlen im März 2018", sagte der Dopingfahnder. "Ich glaube, je öfter solche Anschuldigungen publik werden, desto mehr schadet es Russlands Glaubwürdigkeit", argumentierte McLaren. "Mit solchen Aktionen legen sie die Grundlage für immer größere, immer härtere Sanktionen - denn sie leugnen, leugnen, leugnen."

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Wada-Chefermittler Richard McLaren fordert Härte statt Strafen-Symbolik.

(Foto: dpa)

McLaren hält nichts von symbolischen Strafen für Russland durch das IOC. Der mögliche Ausschluss der russischen Mannschaft von der Eröffnungs- oder Abschlussfeier in Pyeongchang ist für den Kanadier "keine adäquate Strafe für eine Tat, die in der Vergangenheit verübt wurde", sagte der Rechtsprofessor. Gleiches gelte, "falls man die russische Flagge oder die Nationalhymne in Südkorea verbietet", meinte McLaren und forderte: "Man sollte die Verantwortlichen finden und sanktionieren."

Einer dieser Verantwortlichen ist Witali Mutko, der zur Zeit des Dopingplans Sportminister war. Er aber streitet Manipulationen in Russland generell ab und könne vor jedem Gericht bezeugen, dass in Russland nicht gedopt werde. Das hatte Mutko erst am Freitag bei der Gruppenauslosung zur Fußball-WM 2018 getönt und damit auch den massiven Dopingverdacht gegen die russischen Fußballer vom Tisch wischen wollen.

Beweislage hat sich verdichtet

Dabei hat sich die Beweislage gegen Russland seit zweieinhalb Jahren verdichtet, "dass der Staat und das Russische Olympische Komitee in den Plan eingebunden waren, die Welt zu betrügen", wie es Tygart gegenüber n-tv.de formulierte. In zwei Berichten für die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada wies Sonderermittler McLaren ein ausgefeiltes russisches System nach, Doping zu verschleiern. Mehr als 1000 Athletinnen und Athleten sollen darin zwischen 2011 und 2016 verwickelt gewesen sein. Dabei ging es auch um die Spiele in Sotschi, das Prestigeprojekt von Präsident Wladimir Putin, bei dem Russland um jeden Preis die Nationenwertung gewinnen wollte. Belastete Proben sollen in Sotschi trickreich ausgetauscht worden ein, wie Whistleblower Grigori Rodschenkow dem Wada-Ermittler sagte. Gegenüber

Der ehemalige Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors hatte eine Schlüsselrolle bei den verbotenen Leistungssteigerungen, nun ist er Kronzeuge der Anklage. Seine Notizen belasten die Führung bis hinauf zu Ex-Sportminister Mutko. Doch Moskau sieht die Vorwürfe als anti-russische Kampagne westlicher Länder. Das Abstreiten folgt der Linie des Kremls in anderen Bereichen: Im Osten der Ukraine kämpfen keine russischen Soldaten, Russlands Luftwaffe trifft in Syrien keine Zivilisten.

Das Staatliche Ermittlungskomitee Russlands erklärte die McLaren-Berichte für widerlegt und erließ Haftbefehl gegen den in die USA geflüchteten Rodschenkow. Er gilt in der Heimat als Verräter. Die Zeitung "Tribuna" bezeichnete Rodschenko als "Henker des russischen Sports". Der Ehrenpräsident des russischen NOK, Leonid Tjagatschew, forderte gar die Erschießung des Whistleblowers - was das IOC unkommentiert ließ. Auch einen Olympiastart seiner Athleten unter neutraler Flagge will Russland nicht akzeptieren und hat für diesen Fall einen Boykott angedroht.

Geld schlägt Moral?

Russlands Hoffnung ist die Furcht des IOC vor ökonomischen Einbußen, die schwerer wiegen könnte als der Schutz von Fairplay. "Wenn die Russen in Pyeongchang fehlen, sinkt die Attraktivität vieler olympischer Wettbewerbe und damit ihre TV-Einschaltquote", warnte die Zeitung "Kommersant". Dürfen sie nicht antreten, ist der Wettbewerb in vielen Sportarten verzerrt, in denen Russland traditionell stark ist: Skilanglauf und Biathlon, Eishockey, Eisschnelllauf und Kunstlaufen. Nur: Dürfen sie antreten, sind Proteste anderer Sportler gewiss.

Das IOC hat schon bei den Olympischen Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro versucht, die Tür nicht zuzuschlagen. Während das Paralympische Komitee Russland komplett sperrte, ließ das IOC die meisten russischen Sportler mit Erlaubnis der Weltfachverbände starten. Nur die Leichtathleten blieben kollektiv außen vor.

Kritische Stimmen zur russischen Wagenburg-Mentalität sind in der russischen Öffentlichkeit selten, aber es gibt sie. "Ein Skandal dieses Ausmaßes hätte vermieden werden können, wenn die Sportfunktionäre rechtzeitig auf die Warnsignale reagiert hätten", schrieb etwa die Zeitung "Wedomosti". Der oppositionsnahe Unternehmer German Knjasew kommentierte auf Facebook: "Die internationale Sportgemeinschaft kann eigentlich nicht anders handeln, weil sie auf beispiellose Frechheit und Dreistigkeit unserer Sportfunktionäre und ranghohen Staatsdiener stößt." Aber das hatte die Welt auch schon vor den Spielen in Rio gedacht.

Quelle: n-tv.de, cwo/dpa