Sport

Zweifel an Corona-Gefahr Saibou versteht die Meinungsfreiheit falsch

imago0046572049h.jpg

Für Bonn war Saibou nicht mehr tragbar.

(Foto: imago images/Beautiful Sports)

Weil er sich nicht an die Corona-Maßnahmen hält, entlassen die Telekom Baskets Bonn ihren Spieler Joshiko Saibou. Der Basketballer fühlt sich in seiner Meinungsfreiheit beschränkt - offenbart dabei allerdings, dass es ihm eigentlich um etwas ganz anderes zu gehen scheint.

"Wenn ich eine polarisierende Meinung habe, ist Gegenwind verständlicherweise vorprogrammiert. Daraufhin jedoch meinen Job zu verlieren, ist totalitär und ein Schlag ins Gesicht der Meinungsfreiheit." Dass Joshiko Saibou enttäuscht ist, vielleicht sogar wütend, ist absolut verständlich. Durch die fristlose Kündigung der Telekom Baskets Bonn ist der 30-jährige Basketballer arbeitslos, er fühlt sich in seinen Grundrechten angegriffen. In einem knapp zweiminütigen Video erklärt der deutsche Nationalspieler, wieso er sich ungerecht behandelt fühlt. Das ist sein gutes Recht. Damit, dass seine Entlassung eine Attacke auf die Meinungsfreiheit darstellt, liegt er allerdings grundlegend falsch.

Zunächst einmal deshalb, weil sein ehemaliger Arbeitgeber ihm überhaupt nicht das Recht absprechen möchte, seine eigene, auch provokative Meinung zu haben. Der Basketball-Bundesligist zieht nur die Konsequenz daraus, dass Saibous Verhalten den Zielen des Klubs gegenübersteht. "Die Vereine der BBL arbeiten gerade akribisch an Hygienekonzepten für die Zuschauer in der nächsten Saison und an speziellen Arbeitsschutzrichtlinien für die Aktiven. Deshalb können wir ein permanentes Infektionsrisiko, wie es der Spieler Saibou darstellt, weder gegenüber seinen Arbeitskollegen in unserem Team noch gegenüber anderen BBL-Teams im Wettkampf verantworten", wird Bonns Geschäftsführer Wolfgang Wiedlich in der Mitteilung zur Kündigung zitiert.

Das Problem ist demnach gerade nicht, dass Saibou die Corona-Maßnahmen für überzogen hält und die Gefahr der Pandemie herunterspielt, in der nach oder mit einer Infektion weltweit mehr als 700.000 Menschen gestorben sind. Sondern, dass er mit seinem selbst dokumentierten Verhalten seine Ablehnung zeigt, sich an die Vorgaben zum Infektionsschutz zu halten. Auf Instagram teilte Saibou selbst, wie er mit seiner Lebensgefährtin Alexandra Wester die Maskenpflicht im Bahnverkehr ignorierte und zusätzlich ohne Maske und Abstand im Fitnessstudio trainierte. Das mag bis zu einem gewissen Grad und im privaten Umfeld sein gutes Recht sein, es ist schließlich nicht verboten, sich selbst zu gefährden. Aber: Momentan gibt es Corona-Regeln, an die sich jeder zu halten hat.

Bonn kämpft um die Existenz

Die Telekom Baskets Bonn sehen in Saibous Verhalten aber eben nicht nur eine Eigen-, sondern vor allem eine Fremdgefährdung. Demnach stelle der 30-Jährige ein "permanentes Infektionsrisiko" dar. Weil er wiederholt gezeigt habe, dass er nicht bereit scheint, sich wie die Mehrheit seiner Landsleute an der Bekämpfung der Pandemie zu beteiligen. Damit gefährdet er seinem Ex-Klub zufolge einerseits Teamkollegen, sobald das Mannschaftstraining wieder aufgenommen würde, und andere Angestellte, etwa in der Geschäftsstelle.

Andererseits aber auch "unsere Existenzgrundlage", wie Baskets-Sportmanager Michael Wichterich dem Sport-Informations-Dienst sagte. Denn ohne eine Rückkehr in den Spielbetrieb und die damit verbundenen Einnahmen steht der fünffache deutsche Vizemeister vor dem Aus. Das geht nicht nur den Bonnern so, sondern einer Vielzahl deutscher Profi-Klubs, egal ob im Basketball, Fußball oder anderen Sportarten. Die BBL spielte ihr Finalturnier im Juni in München unter strengsten Quarantäne-Bedingungen, weil ein positiver Fall zum Abbruch hätte führen können.

Saibou scheint allerdings nicht nur die Gründe für seine Entlassung falsch zu deuten, sondern auch die Meinungsfreiheit an sich. Denn sie ist - Vorsicht, formaljuristisch trockene Formulierung - ein Recht des Einzelnen gegenüber dem Staat und dessen Institutionen und Vertretern. Der Staat, also die Bundesrepublik Deutschland, darf Saibou nicht daran hindern, seine Meinung frei zu artikulieren. Da der 30-Jährige am Samstag mit mindestens 20.000 anderen Menschen inmitten Berlins auf die Straße ging, ist eine solche Einschränkung ganz offensichtlich nicht der Fall. Ebenso hindert niemand Saibou daran, sich über die sozialen Medien öffentlich zu äußern.

Meinung ja, Kritik nein?

Und auch die Telekom Baskets sprechen Saibou seine Meinung ja gerade nicht ab, sondern ziehen stattdessen aus seinem Handeln Konsequenzen. Daher ist es weniger Meinungsfreiheit, die der Basketballprofi für sich einfordert, sondern eher Kritik- und Widerspruchsfreiheit, ja vielleicht sogar Handlungsfreiheit ohne Rücksicht auf andere. Wie sehr er es selbst mit dem Aushalten anderslautender Aussagen hält, zeigte er in den vergangenen Wochen auf seinen Social-Media-Kanälen: Widersprechende Kommentare werden wiederholt gelöscht und wer Kritik übt, mitunter sogar blockiert.

Saibou möchte offenbar seine Ablehnung der Corona-Maßnahmen ausleben, ohne dafür Verantwortung zu tragen - etwa in Form einer Kündigung, weil sein Arbeitgeber der Meinung ist, dass diese Ablehnung die Gesundheit anderer gefährdet, den eigenen Interessen widerspricht und den Aufbauspieler als Arbeitnehmer damit untragbar macht. Es steht ihm aber selbstverständlich frei, einen neuen Klub zu suchen und zu finden, auch wenn das zumindest in Deutschland derzeit schwierig werden würde.

Was aber nicht daran liegt, welche Meinung Saibou privat und öffentlich vertritt, sondern wie er sich verhält. Niemand verbietet ihm, die Maskenpflicht abzulehnen, wie er es auch der Anti-Hygiene-Demo am vergangenen Wochenende in Berlin getan hat, zumindest auf den von ihm und Wester veröffentlichen Fotos. Die 26-jährige Leichtathletin, 2016 Olympia-Teilnehmerin und deutsche Hallenmeisterin im Weitsprung, meldete sich ebenfalls über Instagram zu Wort und unterstützte ihren Partner.

Unterstützung hat Grenzen

Sie geht davon aus, dass "ein Verein [...] einen Athleten in [...] seiner polarisierenden Meinung unterstützen" sollte, "oder zumindest sie akzeptieren". Und natürlich ist es wünschenswert, dass Klubs ihren Profis den Rücken stärken. Genauso haben aber Klubs aber das Recht, ihren Angestellten zu widersprechen, sich von ihnen gegebenenfalls zu distanzieren oder sogar zu trennen. Besonders dann, wenn deren Verhalten mit Blick auf die Schwächeren dieser Gesellschaft unsozial und unsolidarisch ist.

Neben ähnlich lautender Kritik machte Wester allerdings auch darauf aufmerksam, dass sowohl sie als auch Saibou in den vergangenen Monaten wiederholt zum Ziel rassistischer Anfeindungen und Beleidigungen geworden seien. Die Athletin hat recht damit, dass diese "zu weit gehen" und mit inhaltlicher Kritik nichts zu tun haben, sondern je nach Einzelfall sogar zu Anzeigen führen sollten. Denn auch solche Äußerungen mögen zwar bisweilen unter die Meinungsfreiheit fallen, sollten aber nicht ungeahndet bleiben.

Das wiederum gilt auch für Saibou, der als Konsequenz aus seinem Handeln nun fristlos entlassen worden ist. Dieser Schritt ist allerdings nicht totalitär, sondern letztlich Teil des "Gegenwindes", von dem Saibou ja selbst spricht. Und hat absolut nichts mit einem Angriff auf die Meinungsfreiheit zu tun.

Quelle: ntv.de