Sport

Liebeserklärung vom DEB-Coach So brutal können (WM)-Märchen enden

6d0a152a763bb76b2f453f932f92bb6b.jpg

Felix Brückmann war eine tragische Figur im Spiel gegen die USA. Er war bei den sechs Gegentoren machtlos.

(Foto: imago images/ActionPictures)

Zwei Chancen auf die historische Medaille haben Deutschlands Eishockeyspieler bei der WM in Riga vergeben. Gegen Finnland auf dramatische Weise, gegen die USA ging einfach nichts mehr. Doch trotz der Enttäuschung stimmt der eingeschlagene Weg.

Nicht erst im Spiel um Platz drei kam der Gedanke auf, was eigentlich gewesen wäre, wäre Leon Draisaitl in den Tagen von Riga noch zur deutschen Eishockey-Nationalmannschaft gestoßen. Der Gedanke beschäftigte einen immer quälender mit jedem verzweifelteren Schuss, den das Team von Toni Söderholm in den beiden Spielen um Medaillen auf das Tor des Gegners prügelte. Im Halbfinale gegen Finnland. Im Bronze-Duell gegen die USA. Nun ist es eigentlich nur fair, die Demütigung vom Sonntag aus der Rechnung herauszunehmen. Nach einem Turnier, das körperlich und mental eine ununterbrochene Grenzerfahrung war, war gegen die US-Boys einfach keine Kraft mehr da. Erst recht nicht nach dem ersten Gegentor. Immer wieder anlaufen, aufholen, das geht nicht unendlich.

Ja, ein Mann, der den akuten Abschlusskrampf lockert, der hätte dieser Mannschaft gutgetan. Draisaitl wäre so einer gewesen. Ohne Zweifel. Draisaitl ist schließlich einer der allerbesten Spieler der besten Liga der Welt. Aber womöglich wäre auch alles ganz anders gekommen. Womöglich hätte der Fokus auf den Superstar diesem Team das Besondere genommen. Diese brutale Leidenschaft, alles für jeden zu tun. Spirit schlägt Star, man hat das ja schon oft genug erlebt. Man kann diese Diskussion weiterführen. Oder sie einfach abbrechen. Denn Draisaitl war eben nicht da. Und das Turnier der deutschen Mannschaft herausragend. Daran ändert auch die 1:6-Klatsche im historischen Bronze-Medaillenspiel nichts. Ebenso wenig wie am Warten auf Edelmetall.

Eine fast surreale Entwicklung

Ob nun 68 Jahre (aktueller Status), 69 Jahre oder 70, was soll's. Wichtig ist nur: Es soll jetzt langsam mal klappen. Anders als 2010, als das deutsche Eishockey nach Platz vier bei der Heim-WM kaum von der Euphorie profitieren konnte, soll sich der kleine Hype nun nachhaltig festbeißen. Und tatsächlich ist die Lage ja auch völlig anders als noch vor elf Jahren, als das Team vor allem über Kampf und Leidenschaft kam. Mittlerweile spielt Deutschland richtig gutes Eishockey. Wie gut, das hat die Mannschaft unter anderem in den ersten beiden Knockout-Duellen gezeigt. Die im Turnierverlauf sehr starke Schweiz wurde phasenweise brillant auseinander gespielt, die Finnen bisweilen dominiert. Dass ein amtierender Champion gegen ein DEB-Team nur darauf bedacht ist, Schüsse zu blocken und den Puck aus dem eigenen Drittel zu bekommen, das ist eine erstaunliche Entwicklung.

Eine Entwicklung, die vor allem in einer deutlich verbesserten Nachwuchsarbeit der Vereine begründet ist. Mit Moritz Seider (er ist ja schon etabliert), mit Lukas Reichel, mit Jason-John Peterka spielten Jungs in Riga auf, die demnächst ganz sicher in der NHL zu sehen sein werden. Lean Bergmann oder Viertelfinal-Held Leon Gawanke - er rettete Deutschland gegen die Schweiz in der letzten Minute in die Overtime - spielen ja bereits in der AHL, dem Unterbau, dem Schaufenster der besten Liga der Welt. Dass sie eines Tages, ebenso wie Draisaitl nun, für das DEB-Team nicht mehr verfügbar sein können, weil sich die Termine überschneiden, ist der Preis des Erfolgs.

Mitverantwortlich für den Erfolg ist auch Bundestrainer Toni Söderholm. Er hat das deutsche Spiel als Nachfolger von Marco Sturm noch einmal weiterentwickelt. Hat dem Spiel eine eigene Idee verpasst. "Wir haben ein Stück der DNA für das deutsche Eishockey gefunden", nennt es der Finne. Es ist eine DNA aus Kampf, aus Leidenschaft, aus Mut und aus Freude am Spielen. "Wir brauchen Spieler, die zu 1000 Prozent mannschaftsdienlich sind. Wir brauchen Spieler, die die Mannschaft stärker machen, nicht nur spielerisch. Die Spieler, die wir hatten, waren in dem Bereich alle überragend. Die Truppe ist einfach unglaublich. Es war mir eine Ehre mit diesen Spielern." Eine Liebeserklärung.

WM-Helden bekommen Olympia-Bonus

Söderholm gibt seinen WM-Helden im Hinblick auf die Kader-Nominierung für die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking folglich auch einen Bonus. "Ich glaube, die Spieler, die jetzt hier waren, haben sich auf alle Fälle sehr positiv empfohlen für alles, was kommt." Das bedeutet auch: Kein Freibrief für die Topstars um Draisaitl, um Supertalent Tim Stützle oder Goalie Philipp Grubauer, die im Februar wahrscheinlich dabei sein können.

Tatsächlich hatte sich diese Mannschaft für den Erfolg geopfert. Immer wieder warfen sich Korbinian Holzer und seine Kollegen ohne Rücksicht auf ihre Körper in Schüsse, immer wieder suchten sie die harten Auseinandersetzungen an der Bande. Ließen sie sich die Provokationen der Gegner nicht gefallen. Wehrten sich. Auch unter Schmerzen. Eine Szene dieser WM: Wie Tom Kühnhackl nach einem mörderischen Schlagschuss, den er mit dem Knöchel am Bein geblockt hatte, vom Eis kroch und humpelte, um wenig später zurückzukommen, harte Checks zu fahren, Schüsse zu blocken. Lediglich ein Sinnbild. Für viele andere Momente. Dass diese nicht belohnt wurden, sondern in einer finalen Demütigung gegen frische und spielerisch beeindruckende Amerikaner endete, ein letztes, ein bitteres Drama.

Abwehr-Routinier Holzer, der ins Allstar-Team der WM gewählt wurde, ebenso wie Youngster Seider, lehnte nach der Klatsche erschöpft an seinem Stock und rang brutal enttäuscht nach Worten. "Jeder hat sich hier wochenlang den Arsch aufgerissen. Betreuer, Spieler, der ganze Staff. So eine geile Truppe. Deshalb tut es ja umso mehr weh, dass wir uns nicht mit Edelmetall belohnt haben." Dennoch klang nach und nach auch der Stolz durch. Das Team hat sich mit fünf Siegen (in zehn Spielen) im Turnier - erst zum fünften Mal in der WM-Geschichte - unter den vier Topnationen etabliert. "Wir haben", sagte Kapitän Moritz Müller, "unsere Komplexe abgelegt". Auch ohne Leon Draisaitl. Ohne ihren Besten. Der Gedanke an ihn aber bleibt.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.