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Wie ein Bochumer CL-Triumph Stuart Bingham schafft Snooker-Sensation

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Sensationell: Stuart Bingham, Snooker-Weltmeister 2015.

(Foto: dpa)

In einem begeisternden WM-Finale sorgt Stuart Bingham für ein Snooker-Märchen. Gegen Favorit Shaun Murphy krönt der Finaldebütant ein wundersames Turnier mit dem Titel. Ein epischer Schlagabtausch bringt die Entscheidung.

Nach der schwarzen Kugel, die nur noch theoretische Zweifel an seinem Snooker-Coup ließ, musste Stuart Bingham lächeln. Als auch noch Rot fiel und damit die letzte Ungewissheit im WM-Finale 2015, gönnte er sich dann schon ein breites Grinsen, reckte kurz die Faust in die Luft. Im Gentleman-Sport Snooker ist das eine Gefühlsexplosion. Bingham wusste einfach, dass er gerade sein persönliches Snooker-Märchen vollendet hatte. Und damit, ganz nebenbei, eine der größten Sensationen im legendären "Crucible Theatre" von Sheffield.

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Shaun Murphy blieb nach fast zehn Stunden nur die Gratulation für Bingham.

(Foto: imago/Action Plus)

Mit 18:15 triumphierte der Engländer nach einem fast zehn Stunden währenden Finalkampf gegen Shaun Murphy, allein der 31. Durchgang dauerte 63 Minuten. So lange, dass Bingham den Schiedsrichter bei nur noch drei Kugeln auf dem Tisch um eine außerplanmäßige Toilettenpause bitten musste. Es war nicht einfach ein Außenseitersieg über seinen favorisierten Landsmann. Für Stuart Bingham, 38 Jahre alt, geboren in Basildon und seit 20 Jahren Snooker-Profi, war es auch ein Triumph über sich selbst. Es gebe keinen Snooker-Spieler, der den Titel mehr verdient hätte als Bingham, gratulierte der unterlegene Murphy seinem Kontrahenten.

Der rang mit seinen Emotionen. "Es ist einfach unwirklich. Ich kann nicht glauben, dass ich der Weltmeister 2015 bin", sagte Bingham nach einem der besten WM-Finals der letzten Jahre. Erleichtert, dass er es tatsächlich geschafft hatte. Entgeistert, dass ihm nach 20 Jahren als äußerst beliebter, aber lange auch äußerst mittelmäßiger Profi tatsächlich die finale Krönung geglückt war. Drei Siege bei Ranglisten-Turnieren, ein Viertelfinal-Einzug bei der WM - das waren zuvor die bemerkenswertesten Einträge im Snooker-Lebenslauf des Stuart Bingham.

Jubel auf der Tribüne

Nach seinem größten Triumph hatte der 38-Jährige das Protokoll gesprengt, war auf die Tribüne geklettert. Dort hatte er unter dem Applaus der begeisterten Zuschauer seine Familie geherzt, Hände geschüttelt, sich umarmen und feiern lassen. Bei der Siegerehrung dankte er völlig gerührt der halben Welt. Als Außenseiter war Bingham in die WM gegangen, als Champion und neue Nummer zwei der Weltrangliste ging Bingham nach Hause: "20 Jahre voller Blut, Schweiß und Tränen haben sich für mich endlich ausgezahlt."

Auf dem Weg zu seinem Triumph besiegte der Spätberufene, der sich erst 2012 in der Weltspitze etabliert hatte, drei ehemalige Titelträger, darunter im Viertelfinale Fünffach-Champion und Snooker-Superstar Ronnie O'Sullivan. Im Halbfinale drehte er auf spektakuläre Weise ein schon verloren geglaubtes Spiel gegen Judd Trump, der nach dem O'Sullivan-Aus in Sheffield bereits als neuer Weltmeister gehandelt worden war. Es war, als hätte der VfL Bochum die Champions League gewonnen und auf dem Weg ins Finale erst den FC Barcelona und dann den FC Bayern besiegt.

"Blass, unspektakulär? Vergessen Sie es"

"Langweilig, blass, unspektakulär? Vergessen Sie es. Wer das noch glaubt, der hat an den letzten Tagen die Augen fest geschlossen gehalten", schwärmte Eurosport-Kommentator Rolf Kalb nach Binghams 17:16-Sieg und lobte dessen unglaubliche Nervenstärke, "brillante Safeties", also Sicherheitsablagen, und "spektakuläre Bälle en masse".

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In einem packenden Finale war Finaldebütant Bingham am Ende der nervenstärkere Spieler.

(Foto: imago/Michael Cullen)

Ins Finale gegen Murphy, Weltmeister von 2005, ging Bingham trotzdem als Außenseiter. Es wurde ein Duell auf Augenhöhe. Beide Spieler zeigten hochklassige Stöße und brillantes Sicherheits-Spiel, machten aber immer wieder auch nervenaufreibende Fehler. 3:0 und 8:4 führte Murphy am ersten Tag bereits, doch Bingham blieb dran und verkürzte auf 8:9. Am zweiten Finaltag drehte die Nummer zehn der Weltrangliste zunächst das Spiel, ging mit vier Frames in Folge mit 14:11 in Führung. Diesmal schlug Murphy zurück, glich zum 15:15 aus und Finaldebütant Bingham fühlte erstmals den Druck. "Bei 15:15 dachte ich, das war es", gestand er nach dem Finale: "Mein Arm fühlte sich an, als würde er jemand anderem gehören."

Was folgte, war ein unglaublicher Frame, der in seiner Dramatik an die letzte Kugel im WM-Finale 1985 zwischen Steve Davies und Dennis Taylor erinnerte. Damals entschied eine verschossene schwarze Kugel über den Titel, diesmal war es ein einfacher Fehler von Murphy mit Gelb beim Spiel auf die Farben. Anschließend legte Bingham die Kugel so brillant ab, dass Murphy sieben Fouls in Folge beging, dadurch 30 Punkte, seine Führung, die Nerven, den Frame und letztlich auch das Finale verlor. Nach dem 63-minütigen "Marathon-Frame" habe er seine Nerven wiedergefunden, sagte Bingham hinterher, und "von da an ziemlich solide" gespielt.

Murphy konnte nur noch zusehen, wie Bingham sein persönliches Snooker-Märchen im "Crucible Theatre" zu Ende schrieb - und am Ende aus einem Lächeln ein breites Siegergrinsen wurde.

Quelle: ntv.de

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